SHYLMAGOGHNAR - Transience

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VÖ: 29.06.2018
Bandinfo: SHYLMAGOGHNAR
Genre: Atmospheric Black Metal
Label: Napalm Records
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Lineup  |  Trackliste

Wiewohl das Kratzen der Nadel auf der Platte einen eigenen, fast sakralen Charakter hat, so ist man manchmal doch äußerst glücklich über die Möglichkeiten, die einem der technische Vorsprung des 21. Jahrhunderts bietet. Denn ohne die Möglichkeit, Musik nun fast überall hören zu können und sie auch mit einfachsten Mitteln entdecken zu können, wäre ich niemals in Berührung mit dem niederländischen Duo SHYLMAGOGHNAR und ihren atmosphärischen, extrem-metallischen Klangwelten auf ihrem ersten Album „Emergence“ gekommen. Ein Album, das mich lange Zeit begleitet hat und dessen Nachfolger ich geduldig und mit Freude erwartet habe. Wiewohl der Nachfolger nicht das Gleiche in mir auslösen konnte, wie das geradezu überirdische Debüt, landete es dennoch wieder auf der Höchstnote meines persönlichen Musik-Stimmungs-Barometers. Warum? Nun...

Wer mich kennt, der weiß, dass ich sehr naturverbunden bin und im Zweifelsfall einen Spaziergang in einem einsamen Wäldchen dem geselligen Beisammensein vorziehe. So trug es sich zu, dass ich, genervt von vielen Unterbrechungen meiner schweißtreibenden Arbeitstätigkeit und enervierenden Personen des täglichen Umgangs, des späten Abends in die Wälder flüchtete, um die strapazierte Seele ein wenig baumeln zu lassen. Abseits der Wege, querfeldein, nur den Pfaden der tierischen Bewohner folgend, fand ich, was ich suchte: Einsamkeit. Kurz zuvor war ein Gewitter niedergegangen, hatte die Luft gereinigt und gekühlt, sodass man endlich wieder tief durchatmen konnte. Die letzten Strahlen der untergehenden Sonne, die sich hier und dort durch das Blätterdach schummelten, wärmten meine Haut und ließen die Tropfen auf Ästen, Blättern und dem Moos am Waldboden glitzern wie Tau. Geradezu gespenstisch stiegen Nebelfetzen aus einem nahen Bächlein auf und hüllten den endlos wirkenden Hain aus Stämmen in mystischen Dunst. Fast vermeinte man im nächsten Moment einen stolzen Hirsch aus dem Gebüsch schreiten oder einen kecken Fuchs um einen Stamm huschen zu sehen.

Die Szenerie berührte mich und erinnerte mich an etwas. „As All Must Come To Pass“ kam mir in den Sinn, ein atmosphärischer Monolith aus Tönen erstand in meinen Gedanken und ich erinnerte mich des MP3-Players, den ich noch immer in der Tasche meiner Arbeitshose hatte und der mit mir in den Wald gewandert war. Ich zog ihn heraus, frohlockend über die Möglichkeiten die einem die moderne Technik erlaubte, adjustierte meine Kopfhörer, suchte kurz das passende Album und startete die Wiedergabe von SHYLMAGOGHNARs „Transience“. Langsam und bedächtig schritt ich weiter durch die anmutige Szenerie und staunte, wie gut die sphärischen, ausladenden Klänge des Openers und Titeltracks „Transience“ meinen Weg untermalten. Die Zeit verging wie im Fluge, als ich zum treibenden, aufwühlenden „The Dawn Of Motion“ dem schnell und klar fließenden Bächlein folgte und während der spannungsgeladenen Bridge des Songs und seinem dramatischen Schlussteil an einem kleinen Wasserfällchen inne hielt.

Ich besinne mich der Endlichkeit und gleichzeitigen Schönheit meines Daseins, während mich das elegische „As All Must Come To Pass“ mit trauriger Wut in seinen einnehmenden Growls begleitet und ich an bleichen, knöchernen Überresten eines verendeten Tieres vorbei wandere. Sphärische Gitarrenmelodien versinnbildlichen meinen einsamen Weg durch die Abenddämmerung, sanfte, an Oboenklänge gemahnende Synthesizerparts verschmelzen in „The Chosen Path“ mit den sich aufbäumenden Gitarrenwänden zu einem unglaublich intensiven Titel, der es zunehmend schwerer macht einen Schritt vor den anderen zu setzen, da seine einnehmende Epik die Aufmerksamkeit so fordernd auf sich zieht. Die überraschende, doch harmonische Einbindung einer Trompete bietet einen tieftraurigen Totengesang auf die sterbende Sonne, deren Strahlen ein letztes Mal hell im Dickicht auffunkeln und dann erlöschen.

Die Schwere der hereinbrechenden Nacht umklammert mein Herz und ich halte mit dem vergleichsweise kurz geratenen „This Shadow Of The Heart“ inne. Etwas in mir rät mir zwar, den Rückweg anzutreten, doch „No Child Of Man Could Follow“ nimmt mich erneut gefangen und ich beschließe, mich an Ort und Stelle in das noch warme, feuchte und erdig duftende Moos einer kleinen Lichtung niederzulassen. An den Stamm einer uralten, toten Eiche gelehnt, genieße ich den Zwölfminüter, der sich den schrecklichen Abgründen unserer Existenz in all ihrer monumentalen Schönheit hingibt. Düster und bedrohlich grummelnd beginnt „Journey Through The Fog“, ehe sphärische Melodien mich mental zurückführen an den Anfang meiner Reise und mir träumerisch-elegische Gitarrenläufe und die Geschichte des Songs einen wohligen Schauer über den Rücken jagen. Ich blicke auf in den Himmel, an dem sich nun, fernab der schmutzigen Lichter der Zivilisation, immer mehr Sterne zeigen und meine einsame Lichtung in spärliches, gespenstisch kaltes Licht tauchen.

Ein Rascheln zieht meine Aufmerksamkeit auf sich und meine inzwischen an das Dunkel gewöhnte Augen erkennen ein Birkhuhn, das neugierig über die Lichtung tappt und mich argwöhnisch mustert. Ich schließe die Augen und atme das Leben, während der ausladende Abschlusstitel „Life“ mit rein instrumentalen Passagen, vorangegangene Muster aus dem Album aufgreifend, abwandelnd und wieder fallen lassend, meine Seele zur Ruhe kommen lässt. Ich lasse mich hineinfallen in die aus Tönen gemalten Spannungsbögen, die mich an- und abschwellend, dramatisch und beruhigend zugleich, fesseln und mich im Verein mit dem Geruch des Waldes die Welt vollkommen vergessen lassen.

Ich traue mich kaum, die Augen zu öffnen, als „Transience“ mit fragilen Klavierklängen ganz leise und unaufdringlich ausklingt. War die Reise nur in meinen Gedanken, oder war sie real? Ich spüre, wie die Nässe unter mir mit klammen Fingern an mir hoch kriecht, gähne, strecke mich und fahre zusammen, als das Birkhuhn erschrocken ob meiner plötzlichen Bewegung, empört von dannen flattert. Es fröstelt mich äußerlich, doch im inneren spüre ich eine Wärme und Zufriedenheit, dass es mir nichts ausmacht, dass ich den Rückweg nun im Dunkeln finden muss. Ich widerstehe der Versuchung, das Album an Ort und Stelle noch einmal von Vorne zu beginnen, wohl wissend, dass ich seiner Atmosphäre erneut erliegen würde und mache mich auf den Weg zurück – mit dem festen Vorsatz wiederzukommen.

 



Bewertung: 5.0 / 5.0
Autor: Anthalerero (25.07.2018)

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