TARJA - Act II

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VÖ: 27.07.2018
Bandinfo: TARJA
Genre: Symphonic Metal
Label: earMusic
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Lineup  |  Trackliste

TARJA – die einen hassen sie, die anderen lieben sie. Fakt ist, dass die Dame mit ihrem kräftigen Opernsopran bei ihrer damaligen Band NIGHTWISH ein ganzes Genre maßgeblich beeinflusst hat – ein Genre, in dem sie sich auch heute noch musikalisch herumtreibt, jedoch mit eigener Band im Rücken. Nach mehreren Alben (zuletzt das Doppel-Konzept „The Brightest Void“ und „The Shadow Self“) und der ambitionierten ersten DVD „Act I“, die beim Kollegen Wiederwald für Schnappatmung sorgte, schippert nun „Act II“ in Bild und Ton einher. Und eines darf man zu Beginn gleich festhalten: Die in den Anfängen von TARJAs Solokarriere oftmals geradezu überzeichnend übertriebene Promo ist Geschichte. Man hat aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt und fährt nun eine professionellere Schiene, die ohne inflationäre Superlative auskommt und ein treffenderes Bild der Sängerin zeichnet, als die anfängliche Stilisierung zum Wunderkind.

Dennoch muss zwischen dem Engagement der Sängerin bei der finnischen Symphonic-Metal-Ikone und ihren Solo-Veröffentlichungen irgend etwas passiert sein – stimmlich gesehen. Denn vor allem die gesangliche Souveränität der Diva hat doch deutlich gelitten, wie man schon auf den vergangenen Veröffentlichungen erahnen und vor allem live erleben konnte. Woran es liegt, dass sich immer wieder Fehltöne oder deutlich zu gepresst wirkende Passagen ins Vibrato der Sängerin schmuggeln, das wird man ohne tieferen Einblick wohl nicht ergründen können. Aber man kommt nicht umhin zu bemerken, dass so mancher Titel der Stimmlage von Tarja nicht unbedingt schmeichelt, was auf der vorliegenden DVD immerhin relativ kunstvoll umschifft werden konnte.

Dass Bombast und Üppigkeit zurückgefahren wurden, merkt man am besten an der ersten im DVD-Pack enthaltenen Show, die in den Londoner Metropolis-Studios aufgezeichnet wurden. Kleiner, fast familiärer Rahmen, reduzierter Bühnenaufbau und Nähe zum Publikum machen aus der vormals oft entrückt wirkenden Diva eine Sängerin zum Anfassen, die sich in diesem vergleichsweise kleinen Rahmen sichtlich wohl fühlt. Durch die komplett in schlichtem Schwarzweiß gehaltene Aufnahme erhält das Konzert einen künstlerischen Touch, der TARJA und ihren musikalischen Gefolgsleuten überraschend gut zu Gesicht steht. Auch gesanglich präsentiert sich TARJA hier solide und leistet sich mit vorrangigem Fokus auf den Gesang und weniger die Performance kaum Schnitzer – die gut zusammengestellte, kurze Setlist mit Ohrwurmtiteln wie „No Bitter End“ oder „Until My Last Breath“ schmeichelt der Stimme und der mystische Touch von „Too Many“ bietet einen gelungenen Abschluss eines doch überraschend starken Auftritts.

Der Pomp wie man ihn von TARJA gewöhnt ist, findet sich dann in der zweiten Show wieder, die im Teatro della Luna Assago von Mailand stattfand und die es auch separat als Audioaufnahme auf CD oder LP zu erwerben gibt. Mit deutlich größerem Publikum und voller Show aus allen Rohren treten allerdings gerade hier, trotz des ganzen Klimbims, die Schwächen von TARJA deutlicher zu Tage. Sie scheint sich speziell in den bombastischer arrangierten Stellen zunehmend schwer zu tun, gegen die breite musikalische Wand anzusingen. Eigentlich ist es paradox, dass ihr inzwischen genau jene Schiene, die sie mit NIGHTWISH berühmt gemacht hatte, immer schwerer zu fallen scheint. In den spärlicher instrumentierten Passagen und im Akustik-Set, überall dort wo auch ihr eigener Fokus stärker auf dem Gesang liegt, bleibt die Performance solide - während sie in den knackigeren Passagen zunehmend ihrem eigenen Vibrato hinterher hechelt. Besonders gut zu sehen ist dieser Effekt zum Beispiel im getragenen „Lucid Dreamer“.

Bis auf erwähnte gesangliche Schwächen, die sich gegen Mitte und Ende des Sets mehren und einem einige Teile der Show, wie beispielsweise das NIGHTWISH-Medley und das davor positionierte, düstere „Supremacy“ etwas verleiden, hat man aber zumindest als Fan Spaß an der Show, präsentiert sich die Sängerin doch erneut in bester Laune und mit sichtlich Freude an dem Auftritt, was sich auch aufs Publikum überträgt, das es nur schwer auf seinen Plätzen hält. Die freudestrahlend wie ein Gummiball herumhüpfende und immer wieder fröhlich winkende TARJA kommt bei nüchterner Betrachtung fast schon ein wenig überdreht rüber, obwohl es letztendlich nicht aufgesetzt und dadurch doch wieder sympathisch wirkt, vor allem als sie auch noch höchst selbst mit der Handkamera die Begeisterung der vorderen Reihen einfängt. Der künstlerische Touch der ersten Show setzt sich hier durch einige eingestreute Fotos und Ausschnittte aus Musikvideos fort, die sich insgesamt gut einfügen.

Über den Sound braucht man natürlich absolut nicht meckern, denn hier wurde an keinem Eck gespart. Druckvoll, klar und teils mit ganz ordentlichem Wumms („Demons In You“ rifft live überraschend brachial) ist es eine Freude, den größtenteils eingängigen Titeln zu lauschen – doch die starke Produktion hat auch ihre Schattenseiten, indem sie die obig erwähnten gesanglichen Schnitzer von Tarja kaum verzeiht. Im Großen und Ganzen kann man mit der DVD aber zufrieden sein, bietet sie doch durch die beiden Shows in komplett unterschiedlichem Gewand einen überraschend vielseitigen Blick auf TARJA. Das Bonusmaterial der beiden DVD's liefert mit Bildergalerien und einem Interview mit allen Bandmitgliedern auch noch ein paar nette Goodies für Fans, die wohl auch vorrangig zu dieser, trotz einiger Schwächen, gelungenen DVD greifen werden.

 



Bewertung: 3.0 / 5.0
Autor: Anthalerero (23.07.2018)

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