MANTICORA - To Kill To Live To Kill

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VÖ: 03.08.2018
Bandinfo: MANTICORA
Genre: Progressive Power Metal
Label: ViciSolum Productions
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Lineup  |  Trackliste

In dem Jahrzehnt, in dem BLIND GUARDIAN der Saft ausging, machten sich einige Kapellen daran, den freiwerdenden Thron des Progressive Power Metal zu erobern. Namentlich waren das zum Beispiel SAVAGE CIRCUS, PERSUADER oder MANTICORA, leider allesamt ohne bleibenden Erfolg. SAVAGE CIRCUS verschwand nach einem saustarken Debütalbum aufgrund unerklärlicher Verzoffereien wieder in der Versenkung. Ein zweites Album, dann mit der halben PERSUADER Besetzung, ging sang- und klanglos unter. Selbige haben 2006 ein bärenstarkes Album namens "When Eden Burns" fabriziert, welches die Band aber nicht über die folgende Veröffentlichungspause von acht Jahren hinwegtragen konnte. MANTICORA haben bis zum Jahre 2010 als einzige, musikalisch gleichauf starke Band regelmäßige Alben veröffentlicht. Doch auch nach "Safe" im Jahre 2010 waren die Dänen auf einmal vom Markt verschwunden. Ebenfalls acht Jahre später folgt nun überraschend mit "To Live To Kill To Live" ein sehr ambitionierter Comeback-Versuch.


MANTICORA haben immer Konzeptalben veröffentlicht. Der Zweiteiler "The Black Circus" war konzeptionell nicht minder ausgearbeitet wie die historische Totsündenreise "8 Deadly Sins". Lyrische Konzepte in schlüssige, starke und abwechslungsreiche Songs zu bringen, das konnten die Dänen um die Gebrüder Kristian und Lars Larsen schon immer. "To Live To Live To Live" ist nun der erste Teil eines weiteren Doppelalbums, welches auf einem ganzen Roman des Vokalisten Lars F. Larsen basiert. Der nächste Teil soll schon im kommenden Jahr in die Läden kommen. Rückkehr mit einem Paukenschlag also. Aber Konzept und Story hin oder her, musikalisch muss das ganze ja auch funktionieren. Und da gibt es zumindest auf Teil eins einen entscheidenden Störfaktor, der ein ganz schweres Gewicht hat, aber dennoch unglaublich diffizil einzuordnen ist.


Musikalisch ist das Ding der Hammer, anders ist es nicht zu sagen. Nach einem verstörenden Beginn auf klassischer Basis [Herr Wilsberg! Das ist bitte das Klavierkonzert in b-moll vom Kollegen Tschaikowsky! Mike] prescht "Echoes Of A Silent Scream" mit unglaublicher Gewalt nach vorne. An der Grenze zum Thrash-Metal wird nicht nur gekratzt, sie wird praktisch gesprengt. Dabei bewegen sich die Mannen ziemlich weit vom melodisch progressiven Power Metal der Anfangstage weg. Die Instrumentierung klingt moderner, tiefer, härter. Das zieht sich durch das ganze Album, auch wenn es zum Beispiel bei "Through The Eyes Of The Killer: Towering Over You" sehr eingängig und melodisch zugeht. Die Assoziation von früher, mehrheitlich BLIND GUARDIAN, wird eher durch einen Verschnitt von düsteren Modern Metal-Bands wie KORN oder den DEFTONES mit leichter NEVERMORE-Kante ersetzt. Ganz ohne Zitate von früher geht es aber nicht, das ist auch nicht schlimm und tut dem Abwechslungsreichtum gut. Die mächtigen Chöre von "Katana: Awakening The Legacy" versetzen den Hörer ein ums andere Mal in Ekstase. "Growth" ist dann ein avantgardistisch progressives Meisterwerk. Verstörend atonal im einen Moment, verführerisch melodisch im nächsten, dynamisch und unvorhersehbar durch und durch. Das ist ganz hohes Niveau im Songwriting, welches man gerade im immer ramschiger werdenden Power Metal-Sektor lange vermisst hat.


Wie kann man nun schonend sagen, dass der Kopf der Geschichte, der Romanautor, der Konzept- und Ideengeber, zugleich auch mit seiner Stimme den absoluten Schwachpunkt im Gebilde setzt? Lars F. Larsen konnte einem Hansi Kürsch oder einem Jens Carlsson (SAVAGE CIRCUS) nie das Wasser reichen, hat aber auf den vergangenen Alben immer eine souveräne und solide Leistung abgeliefert. Aber die vergangenen Jahre haben den Stimmbändern arg zugesetzt. Larsen bewegt sich auf dem gesamten Album vornehmlich in der hohen Kopfstimme, welche aber nicht nur akzent- und kraftlos klingt, sondern teilweise ziemlich um den Ton herum eiert. Das nimmt den emotionalen Stücken einiges an Impact und nervt leider an manchen Stellen sogar ziemlich. Eine Ballade wie "Nothing Lasts Forever" macht das ganz deutlich, was hätte sein können, wenn hier mehr Souveränität vorherrschen würde? Es hat ja auch in der Vergangenheit, zum Beispiel beim famosen "Fall From Grace" auf "8 Deadly Sins" bestens geklappt. Einzelne Growls und Chöre zeigen, was auch produktionstechnisch herauszuholen gewesen wäre. Leider aber wurde Larsen sehr weit in den Hintergrund gemischt. Die wuchtigen Chöre und Growls stehen somit im Kontrast zu den schwachbrüstigen Lead Vocals, woran die Homogenität des gesamten Albums leidet.


Fazit: Auf der einen Seite steht ein konzeptionelles und musikalisches Meisterwerk. Auf der anderen Seite leider eine nicht zeitgemäße Leistung im Gesang. Was gravierend ist, da der Sänger mit seinem eigens verfassten Roman den konzeptionellen Rahmen dieses Werkes bildet. Auf jeden Fall sollte bei Teil zwei im kommenden Jahr an den Vocals geschraubt werden, es wäre schade, wenn so gute Musik dadurch weiterhin an Wert verlieren würde. Wem die Vocals nichts ausmachen, sollten aber unbedingt ein Ohr riskieren, denn wie bereits erwähnt, gab es musikalisch lange kein besseres Progrewssive-Power-Album.



Bewertung: 3.5 / 5.0
Autor: Christian Wilsberg (02.08.2018)

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