DEREK SMALLS - Smalls Change (Meditations Upon Ageing)

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VÖ: 13.04.2018
Bandinfo: DEREK SMALLS
Genre: (nicht klassifizierbar)
Label: BMG
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Lineup  |  Trackliste

Die Geschichte von SPINAL TAP ist eine mit vielen Aufs und Abs. Während Alben wie „Shark Sandwich“ so sehr in Vergessenheit geraten sind, dass sich die Bandmitglieder selbst sicher an keinen der Songs darauf erinnern können, haben sie mit ihrem Meisterwerk „Smell The Glove“ Musikgeschichte geschrieben. Legendär auch das Cover des einzig wahren schwarzen Albums. Vergesst die Nachachmer von METALLICA bis zu den BÖHSEN ONKELZ, so schwarz wie dieses ist kein anderes Album. Abgesehen von den beiden Alben „Break The Wind“ und „Back From The Dead“ wurde es seither still um das kongeniale Trio (die unzähligen Schlagzeuger jetzt nicht als Bandmitglieder mitgerechnet und Keyboarder zählt man sowieso nicht), das sich wieder einmal aufgelöst hat.

An den Ruhestand denkt aber zumindest Bassist Derek Smalls nicht. Während andere sich in dem Alter damit begnügen, hat er eine beeindruckende Liste an Gastmusikern um sich geschart und mit „Smalls Change (Meditations Upon Ageing)“ sein erstes Soloalbum aufgenommen (hier geht's zum Interview!).

Das Cover zeigt die ergraute Legende nachdenklich, gar einen Hauch besorgt. Altern ist ja schließlich auch keine leichte Angelegenheit, vor allem mit den Veränderungen, die es mit sich bringt. Da kann Smalls in seiner „Openture“ noch so oft sagen, dass Alter nur eine Zahl, Zahl nur ein Wort und Wort nur ein Ding seien, denn es ist ein großes Ding, das sich schon daran zeigt, dass es das zentrale Thema seines Albums ist. „Gummin The Gash“ ist sicherlich nichts für schwache Nerven, die anderen Songs kommen aber ohne Ekelfaktor aus. Der Titelsong bezieht sich offensichtlich unter anderem auf seine beiden SPINAL TAP-Bandkollegen (“Two shooting stars and I was in between") und „Faith No More“ ist mehr als nur ein Seitenhieb auf deren ehemaligen Bandmanager Ian Faith (aber im Vergleich zu QUEENs „Death On Two Legs“ noch immer sehr freundlich formuliert).
Die meisten anderen Songs sind, obwohl höchstwahrscheinlich auch größtenteils autobiografisch, allgemeiner gehalten, was es erlaubt, dass sich auch andere Musiker und Rockfans damit identifizieren können. Wem fallen nicht auf Anhieb zig Beispiele ein, wenn er die Zeilen „The drummer O’D, lead singer got fat, bass players on IV“ aus „Rock 'n‘ Roll Transplant“ hört? So gerne wir unsere Idole auch ewig jung und fit auf der Bühne sehen möchten, das Alter holt unsere Helden früher oder später doch ein. Das ist jedoch nicht der einzige Song, der das Älterwerden aus Sicht des Musikers betrachtet.
Da wären noch „It Don’t Get Old“ über die endlosen Begegnungen mit Fremden auf Tour (vor allem mit denen weiblichen Geschlechts), die sich im Backstagebereich tummeln, oder das fast schon wehmütige „Wenn Men Did Rock“, ein Rückblick auf eine bessere Zeit, die auch viele Fans (vor allem die, die sich gar nicht die Mühe machen, abseits des Mainstreams Musik zu erkunden) vermissen. Die „Rock is dead“-These, die ja auch Gene Simmons vetritt, geht Hand in Hand mit einem weiteren Problem der heutigen Musikszene, das Smalls in „Gimme Some (More) Money“ besingt. Gratis soll sie sein die Musik und am besten jeder Song, den es gibt, immer und überall verfügbar. „Don’t need to be rich but don’t want to be poor”, diese Zeilen dürften den meisten Musikschaffenden heutzutage aus der Seele sprechen. Also, ihr Geizkragen dort draußen, unterstützt eure Lieblingsmusiker, wenn ihr wollt, dass sie euch weiter mit Musik versorgen!
Nicht nur das Musikbusiness unterlag einem Wandel in den letzten Jahrzehnten. So handelt „Butt Call“ davon, wie sich das Telefon verändert hat, von einem Wunderwerk der Technik zur lästigen Notwendigkeit. “Your Mum’s supposed to ring you; There’s vibrating in your pants”, gewitzt und auf den Punkt sind Smalls' Texte.
„MRI“, ein Song über Magnetresonanztherapie, auf so eine Idee kommt man wahrscheinlich nur im höheren Alter. Auch ein „Memo To Willie“ haben die meisten Jüngeren noch nicht nötig, da lässt er sich nicht zweimal bitten, sich zu erheben. „She Puts The Bitch In Obituary“ und „Hell Toupee“ (ja, das Alter macht selbst vor Satan nicht halt) sind da textlich die schwächeren Songs.

Die Lyrics sind das Highlight auf „Smalls Change (Meditations Upon Ageing)“. Musikalisch wird zwar mit Gaststars wie Steve Lukather (TOTO), Chad Smith (RED HOT CHILI PEPPERS), Taylor Hawkins (FOO FIGHTERS, TAYLOR HAWKINS & THE COATTAIL RIDERS), Donald Fagen (STEELY DAN), Jeff "Skunk" (STEELY DAN), Peter Frampton (HUMBLE PIE, THE HERD), David Crosby (THE BYRDS, CROSBY, STILLS, NASH & YOUNG), Dweezil Zappa, Steve Vai und etlichen mehr aufgewartet und die Musik ist auch insgesamt ganz passabel (mit Ausnahme der fürchterlichen Elektronummer „MRI“), Highlights aber spärlich gesät. Nach „Rock ‚n‘ Roll Transplant“ und „Butt Call“, die noch sehr nach SPINAL TAP klingen, geht es bergab. Ganz nett ist, dass die STEELY DAN-Mitglieder in „Memo To Willie“ mit dem Refrain ihres Hits „Rikki Don’t Lose That Number“ spielen.
„Gimme Some (More) Money“ wartet mit einer guten instrumentalen Einlage auf und Steve Vai leistet in „Gummin The Gash“ erstklassige Arbeit. Mit „When Men Did Rock“ endet das Album zwar mit einem Hoch, insgesamt ist es aber sehr durchwachsen. Besonders gewöhnungsbedürftig ist Smalls Stimme, die es nachvollziehbar macht, warum er bei SPINAL TAP nicht gesungen hat. Die kann schon schnell nerven, besonders wenn nach mehrmaligen hören der Effekt der Lyrics nachlässt.

Wo SPINAL TAP-Alben mitunter bis 11 gehen, geht „Smalls Change (Meditations Upon Ageing)“ bestenfalls nur bis 3,666 – verständlich, denn schließlich ist er nur ein Drittel von SPINAL TAP.



Bewertung: 3.5 / 5.0
Autor: Brigitte Simon (31.07.2018)

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