KORPIKLAANI - Kulkija

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VÖ: 07.09.2018
Bandinfo: KORPIKLAANI
Genre: Folk Metal
Label: Nuclear Blast Records
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Lineup  |  Trackliste

Zwischen 2008 und 2011, als KORPIKLAANI drei völlig belanglose Alben in kürzester Abfolge eingespielt und veröffentlicht haben, dachte ich ehrlicherweise, dass sie in einem verhängnisvollen Kreislauf gefangen seien und es schwer haben würden, diesem zu entfliehen. Auch zwischen "Ukon Wacka" und "Manala" stand nur etwas mehr als ein Jahr, aber letzteres konnte wieder an der Qualität der ersten vier Werke ansetzen, stimmte positiv und genau das wusste 2015 auch "Noita" zu bestätigen. Seitdem sind wieder drei Jahre ohne Studiorelease des Waldesclans vergangen und dieses Mal, auf dem neuen Album "Kulkija", hat man nicht nur komplett mit dem oberflächlichen Party Metal der mittleren Phase der Karriere abgeschworen, sondern auch die Gebete all derjenigen - mich eingeschlossen - erhört, die über die Jahre (z.B. nach großartigen Songs wie "Kipumylly" auf "Korven kuningas") immer wieder gefordert haben, dass man doch mal ein durchgängig etwas ruhigeres, Folk-lastigeres, ja, vielleicht sogar düstereres und balladeskeres Album schreiben solle.

Wer die ersten Singles bereits interessiert verfolgt hat, wird dies bestätigt sehen (oder hören). KORPIKLAANI haben sich aber nicht nur stilistisch den gemütlicheren Szenarien hingegeben, sondern lassen sich auf "Kulkija" auch immense 72 Minuten Zeit, um ihre mythologischen Geschichten zu erzählen - und nie lagen in 15 Jahren KORPIKLAANI Fluch und Segen so nah beieinander. Besonders nach den ersten Unternehmungen mit dem Wanderer (so Kulkija auf deutsch) war es äußerst frustrierend, weil man spätestens nach "Korppikalliota" (feinsinnige Folk-Arrangements, spannender Refrain!) und beginnend mit dem viel zu langen "Kallon malja" (knapp 10 Minuten Spielzeit!) das Gefühl nicht mehr los wurde, als wäre einem der kauzige Reiseleiter komplett enteilt, als wäre man schlichtweg mutterseelenallein in der Pampa stehen gelassen worden. Diese Stimmungslage besserte sich mit weiteren Hördurchgängen zwar, trotzdem festigt sich an dieser Stelle eine Markierung wie ein massiver Grenzstein, der zunächst noch die Neugierde weckt, dann aber vor allem ausbremst und in eine sehr zähe Phase überleitet.

Die richtigen Höhepunkte von "Kulkija" sammeln sich unmittelbar zu Beginn: "Neito" eröffnet gewohnt schwungvoll, lässt aber bereits eine noch folkigere Note als in der Vergangenheit erkennen. "Korpikuusen kyynel" setzt verstärkt auf das Akkordeon, leichte Polka-Akzente und sein verspieltes Schlagzeugzwischenstück, ehe KORPIKLAANI mit "Aallon alla", dem bedrückenden "Harmaja" und "Kotikonnut" graduell das Tempo rausnehmen und eine besonnenere Seite von sich vorstellen, die ihrem Charakter zweifelsohne sehr gut steht. Und auch zum Ende hin findet man gutklassige Stücke: "Juomamaa" kurz vor Schluss beispielsweise gehört zu den treibenderen Repräsentanten des Albums, die im Mittelteil gewissermaßen fehlen. Mein persönlicher Protegé ist aber "Riemu", das entschleunigt vor sich hertreibt und dabei durch leichtfüßige Streicher-Schifferklavier-Kombinationen und wunderbar mitsingbare Gruppenvocals überzeugen kann.

Man könnte also auch sagen, dass es dem Mittelteil des Werkes generell an einem Spannungsbogen, der sich über den manierlichen Anfang und das nicht minder attraktive Ende erstreckt. Hier vermisse ich zumindest eine Eingebung bzw. Songideen, die dem „richtigen Album“, wie es KORPIKLAANI angekündigt haben, gerecht werden und der „gewissen Atmosphäre, die den Hörer durch das Werk begleitet“, nicht abträglich sind bzw. ebendiesen Hörer (und auf das Werk selbst projiziert natürlich auch die anderen Albumteile) nicht im Regen stehen lassen. So kann auch die erdige Produktion, die sich dem Gesamtkontext genauso gut wie das abermals von Jan Yrlund angefertigte Artwork fügt, diese Kluft einfach nicht kitten, obschon sie zumindest ein kleiner Beweis dafür ist, dass KORPIKLAANI durchaus ein gewisses Selbstverständnis für ihre neue Ausrichtung mitbringen. 

Was ihnen diesbezüglich aber (noch) fehlt, ist das nötige Händchen beim Songwriting. Verwunderlich ist das im Bezug zu ihrer eigenen Vergangenheit nicht wirklich, weil es eben schon ein größerer Unterschied ist, ob man nun eine „schlichte Ansammlung von Songs“, wie man indirekt "zugegeben" hat (ein Geheimnis ist das ohnehin ja nicht), oder ein zusammenhängendes, einheitliches Album mit einer bestimmten Atmosphäre ersinnt. Gleichzeitig möchte ich hier aber auch meine Bewunderung für KORPIKLAANI aussprechen, weil sie den Mut aufgebracht haben, ihre eigene Komfortzone zurückzulassen und sich auf die Reise in eine Richtung zu begeben, die vor allem die Partyhorden vor der Bühne in Unverständnis versetzen könnte. Denn: "Kulkija" ist sicherlich alles und - bei aller Kritik - immer noch ein ordentliches, bloß eben kein tanzbares Album, was möglicherweise auch ein Grund dafür sein könnte, weshalb sich die Songs neben den vielen Klassikern der Band auch live schwer getan haben. Ich bin gespannt, wie KORPIKLAANI all das lösen wollen (und hoffentlich auch werden), aber aufgrund der acht bis neun tollen Stücke, die "Kulkija" fraglos hörbar und einzigartig machen, muss ich auch nicht allzu pessimistisch sein. Eine professionell gehandhabte Übergangsphase kann schließlich auch wahre Wunder vollbringen.



Bewertung: 3.0 / 5.0
Autor: Pascal Staub (05.09.2018)

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