THE PINEAPPLE THIEF - Dissolution

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VÖ: 31.08.2018
Bandinfo: THE PINEAPPLE THIEF
Genre: Progressive Rock
Label: KScope
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Lineup  |  Trackliste

Auf „Your Wilderness“ trommelte Gavin Harrison noch als Session-Schlagzeuger, und auch wenn sich Bandkopf Bruce Soord innigst wünschte, der Kessel-Kaiser möge doch bitte da bleiben, war ein fixes Anheuern des wegen der vielen anderweitigen Verpflichtungen terminlich immer ziemlich ausgelasteten Harrison lange ungewiss. Auf „Dissolution“ tritt man nun erstmals seit langem wieder geschlossen als Band auf, mit Gavin als fixem Mitglied. Dass der Mann mit dem unverkennbaren Trommel-Stil nur eine Bereicherung der eh schon sehr überirdischen Musik von THE PINEAPPLE THIEF sein kann, stand schon beim Vorgänger außer Zweifel, ebenso wie die Tatsache, dass der Gute dem Ganzen seinen Stempel aufdrücken wird. Aber es war nie Harrisons Art, sich in den Vordergrund zu drängen, und so fügt er sich auch hier perfekt ins Band-Gesamtbild ein.

Ähnlich wie ein gewisser Herr Wilson hat auch der Herr Soord ein unglaubliches Gespür für einfache, große Melodien, die zwar ein wenig Pathos nicht leugnen können, aber trotzdem nie überladen wirken, ja oftmals sogar nur leicht schwebend im leeren Raum (sic!) zwischen den beiden Trommelfellen zu hängen scheinen. Dass THE PINEAPPLE THIEF aber jetzt plötzlich nach PORCUPINE TREE klingen, ist nicht mal mit der Hinzunahme von Gavins Trommelkünsten der Fall, eher richtet sich „Dissolution“ an die gleiche Zielgruppe, die Band schafft es gekonnt sich irgendwo zwischen dem Stachelschwein-Baum und MARILLION so zu platzieren, dass es weder plakativ noch aufdringlich wirkt. Die Vibes sind jedoch ganz ähnlich, und durchaus britisch (was die Herren Harrison und Soord übrigens auch im Interview mit Stormbringer ansprechen). Das wird gleich beim Opener „Try As I Might“ deutlich, der sich nach der kurzen Piano/Vokal-Vorbereitung „Not Naming Any Names“ subtil von hinten anschleicht und sich erst mal als unspektakulärer Song tarnt. Mit zunehmender Dauer intensiviert sich hier aber der Vibe, der Refrain fungiert eher als Bridge, die Marschrichtung wird ganz klar vorgegeben und der Track „macht am Ende voll auf“, wie ein Freund von mir so schön zu sagen pflegt, wenn sich irgendwas musikalisch bis in lichte Sphären steigert.

„Threatening War“ erscheint zuerst wie ein verirrter BLACKFIELD-Song und wirkt dadurch insgesamt etwas poppig. Der treibende Groove und die doch recht nachvollziehbare Melodie, die sich oftmals in dramatische Ecken versteigt, machen die Sache zwar nicht weniger „poppy“, in der Laut-Leise-Dynamik wird aber erstmals deutlich, welch großer Songschreiber Bruce Soord eigentlich ist, und weiter hinten wartet man mit gefinkelten Twists und Turns in Richtung Artrock auf, ohne den Faden zu verlieren - der erste Höhepunkt einer Platte, die eigentlich selbst ein Höhepunkt ist. Danach sind die dunkel am Horizont dräuenden Horn-Akkorde von „Uncovering Your Tracks“ ein Schwenk ins Ungewisse. Der eher kurze Song erinnert unweigerlich an MARILLION und hat einen recht düsteren Unterton, auch hier macht man nicht den Fehler, das Lied als solches zugunsten irgendwelcher Effekthascherei in den Hintergrund zu rücken, alles dreht und wendet sich um eine immer schlüssig nachvollziehbare Hauptachse, und Soords Soli fügen sich immer als gleichwertige Liedteile in den ruhigen Fluss der Musik.

Im Uptempo gehalten und mit einem leicht erkennbaren Harrison-Beat versehen, mag sich „All That You‘ve Got“ zunächst so gar nicht in das bisher Gehörte einfügen, aber genau das macht die große Kunst von THE PINEAPPLE THIEF ja aus: mit im ersten Moment nicht wirklich groß wirkenden Melodien über die Hintertür zu verzaubern, bis sich der Refrain gemeinerweise so im Ohr festklebt, dass man den Song oft den ganzen Tag unbewusst über vor sich her säuselt. So wie das bei fast jedem Track hier der Fall ist, auch bei „Far Below“, das in den Strophen im schicken Dreiviertel-Takt den üblichen Songfluss konterkariert, ab der Hälfte die Härteschraube anzieht und danach in ein versöhnliches Finale mündet. „Pillar Of Salt“ ist dann quasi die (unspektakuläre) Überleitung zum über alles thronenden „White Mist“. Dieser Elfminüter hat alles, was ein Prog-Song so braucht: Floydeske Lavalampen-Sounds (die gerne auch länger hätten dauern dürfen…), einen Text mit jeder Menge Pathos („When did you lose control?“ – eine durchaus zentrale Frage dieses Albums), einander abwechselnde Spannungsmomente, die sich am Ende zu einer DUR-chfluteten Leichtigkeit aufschwingen, trotz der immanenten Schwere des Songs.

Nach diesem zweiten, diesmal absoluten Höhepunkt kann man aber mit dem ausklingenden „Shed A Light“ noch mal ein kräftiges Ausrufezeichen setzen. Traurig ist dieser Song, dennoch birgt er die Hoffnung im Titel und in den Lyrics, und am Ende kann er sich in ein Crescendo steigern, das ein überirdisches Album einfach nur würdig abschließt. Bruce Soords Songwriting mag oft vielleicht etwas zu vorhersehbar sein, wodurch die Tracks sich alle ein wenig ähnlich sind – zumindest in der Grundstimmung. THE PINEAPPLE THIEF sollten mit „Dissolution“ aber jetzt endgültig den Sprung aus dem Schatten der „Großen“ schaffen, sie haben es nicht nur verdient, sie sind die einzig logische Band, die den Thron des atmosphärischen Prog momentan für sich beanspruchen darf. Da können sich ANATHEMA, RIVERSIDE und – ich sage es echt ungern – auch ein gewisser Herr Wilson ganz schön warm anziehen. Ich hätte hier gerne eine 4.5 gegeben, damit man beim nächsten Mal noch etwas Luft nach oben hat. „Dissolution“ ist aber so abartig gut, dass man an der Höchstnote nicht mehr vorbeikommt.



Bewertung: 5.0 / 5.0
Autor: Mike Seidinger (08.10.2018)

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