SEVENTH WONDER - Tiara

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VÖ: 12.10.2018
Bandinfo: Seventh Wonder
Genre: Progressive Metal
Label: Frontiers Records
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Lineup  |  Trackliste

Acht Jahre... Acht verdammte Jahre hat es gebraucht, bis die Prog Metaller von SEVENTH WONDER uns mit einem neuen Album konfrontieren konnten. "The Great Escape" war es 2010 und dann begann die ausgedehnte und unfassbar lange Leidenszeit für jeden Fan. Zugegeben, 2012 jointe Frontsänger Tommy Karevik KAMELOT, die im Metal sicherlich schon als eine große Institution angesehen werden können, doch das allein kann nicht ausschlaggebend gewesen sein für acht Jahre Wartezeit. Man möge sich gern auf der Zunge zergehen lassen, dass Tommy mit KAMELOT seit 2012 bereits DREI Alben veröffentlicht hat. Gut, "Tiara" sollte eigentlich im Dezember 2017 veröffentlicht werden, doch Frontiers Records waren überrascht, dass KAMELOT schon mit einem Release vor der Tür standen. So wurde das Ganze aus marketingtechnischen Gründen um fast ein Jahr nach hinten verschoben. Das zur Vorgeschichte...

"Tiara" ging für mich mit gigantischem Abstand als Album des Jahres Kandidat an den Start und so lag durchaus eine kleine große Erwartungshaltung vor. SEVENTH WONDER umspielen ihre Musik gern mit ausgeklügelten Konzepten und natürlich sollte auch das neue Werk mit einer Geschichte ausgestattet werden. Kurz umschrieben: Mit "The Everones" wurden Außerirdische auf die Erde gesandt, die die Menschen für all ihre Gräueltaten büßen lassen würden und das junge Mädchen "Tiara" ist die einzige Person, die das Ganze ebenfalls aus der Sicht dieser Entität beobachten und die Menschen eines Besseren belehren kann. Eine dramatische Science Fiction Story nimmt ihren Lauf und mehr mag ich nicht vorwegnehmen. Es klingt erstmal verhältnismäßig stumpf, doch das ist es bei weitem nicht.

Mit "Arrival" gibt's ganz klassisch erstmal ein stimmiges Intro auf die Ohren. Symphonische Sounds gepaart mit viel Dramatik lassen Erinnerungen an den Mass Effect Soundtrack aufkommen. "The Everones" beginnt mit einem Kickstart und variiert in Sachen Tempo sehr häufig. Nun ein erster Kritikpunkt, bevor wir die musikalische Qualität weiter zerstückeln. Die Produktion ist für die Verhältnisse dieser Band SEHR schwach. Ja, sie ist druckvoll, daran scheitert es nicht, aber anders als auf den vorangegangenen Scheiben fehlt, dass der charakteristische Bass von Mastermind Andreas Blomqvist aus den Boxen schallt. Er ist hörbar, aber anders - zumindest soundtechnisch. Das ist unfassbar schade, denn gerade das war sehr charakteristisch und zeichnete den Gesamtsound der Band aus. Quasi das Herzstück neben Tommys grandioser Stimme, wo wir beim nächsten Kritikpunkt sind. WIESO ist Tommy SO leise abgemischt, dass viele epische Gesangseinlagen fast untergehen? Bereits bei der Single "Victorious" habe ich mich erschrocken, wie leise Tommy abgemischt wurde in Relation zu den Instrumenten. Wie kann man das Potenzial dieser gottesgleichen Stimme so dermaßen verschenken? Hier hat man sowohl mit dem Bass als auch der Stimme bereits in der Produktion GANZ viel verschenkt und das will mir nicht in den Kopf, denn auf den vorangegangenen Alben war das kein Thema, im Gegenteil. Schade... Für mich schon zu Beginn ein Dämpfer, der sich auch nicht überhören lässt und auch nach 20 Durchläufen habe ich mich nicht an diese Produktion gewöhnt.

Musikalisch ist "The Everones" leider Gottes ziemlich unspektakulär. Mir fehlen die Emotionen, mir fehlt der letzte Biss, aber mir fehlt vor allen Dingen diese eine Melodie, die mir Gänsehaut auftreibt und mich wissen lässt: Ja, das ist SEVENTH WONDER! Denn diese Band vermochte es bisher IMMER, mich schon in den Strophen komplett in ihren Bann zu ziehen. Klappt hier nicht und wird auch durch den monotonen Chorus nicht aufgefangen. "Dream Machines" macht es nur unwesentlich besser. Gesanglich kann Tommy hier glänzen (trotz der schwachen Abmischung) und instrumental befindet man sich wieder in Gefilden, die alle charakteristischen Merkmale der Band aufweisen. Problematisch ist aber auch hier der sehr repetetive Chorus, der mich nicht spüren lässt, dass (natürlich nur vermeintlich) acht Jahre Arbeit in dieses Album geflossen sind. "Against The Grain" ist der erste Track, wo endlich alles stimmt. Emotionale Strophen, die sich von balladesk bis hin zu euphorisch steigern. Der Refrain erzeugt Gänsehaut und erinnert ein stückweit an das grandiose "Paradise" von "Mercy Falls". So und nicht anders! Die Farewell Trilogie offenbart Licht und Schatten. "Tiaras Song" ist instrumental eine Wucht, aber die Gesangslinien wollen sich bei mir nicht festsetzen. Der Chorus wirkt fast schon penetrant, was insgesamt vielleicht auch der Tatsache geschuldet ist, dass die Melodie während des Albums (und der Trilogie) inflationär oft genutzt wird. "Goodnight" ist eine bodenständige Ballade mit wenig Charakter, das haben die Schweden schon in kürzeren Stücken bedeutend besser gemacht ("Tears For A Father"). "Beyond Today" hingegen ist für mich das ABSOLUTE Highlight der Platte, ebenfalls eine Ballade. Aber hier passt alles. Die Stimmung, die Emotionen und der gesamte Aufbau... Tommy ist gut zu hören (weil eben nur minimalistisch Instrumente eingesetzt werden und ihn endlich mal NICHT übertönen). Hier zeigt er, warum er anno 2018 der beste Sänger im gesamten Metalbereich ist! Dieser Refrain... Wem da nicht die ein oder andere Träne ins Auge schießt, der hat Musik noch nie gefühlt. "The Truth" ist eine weitere Ballade und davon dann eben doch eine zu viel in so kurzer Zeit. Sie bleibt im Schatten von "Beyond Today" zurück und wirkt am Ende mit dem männlichen Chor etwas zu dick aufgetragen. "By The Light Of The Funeral Pyres" ist ENDLICH mal ein schnelles knackiges Stück mit typischen SEVENTH WONDER Keyboard Sounds. Keine Kompromisse, sondern voll drauf los! Von solchen Stücken hätte es mehr gebraucht zwischen den ganzen Balladen und auch die wuchtigeren Songs sind ja alle eher im midtempo angesiedelt. "Damnation Below" bietet sehr viele Tempowechsel und das steht dieser Nummer gut zu Gesicht. Sie hält die Spannung hoch und belohnt den Hörer mit einem unscheinbaren Chorus, der in sich geschlossen aber nichts vermissen lässt. "Procession" ist ein kurzes balladeskes Intermezzo, das uns in den Abschluss einführt mit "Exhale". Der längste Song der Platte, der glücklicherweise ebenfalls das Tempo anzieht und einen episch angehauchten Refrain zum Besten gibt. Instrumental fehlen hier mir ein paar Kniffe, die SEVENTH WONDER in der Vergangenheit schon beeindruckend implementieren konnten. Hier bleibt die Instrumentierung etwas blass und lässt den Hörer eher unbefriedigt zurück.

Wie bewerte ich schlussendlich dieses eine Album, auf das ich als Hardcore Fan acht verdammt lange Jahre gewartet habe? Ihr habt hier viel Kritik rausgelesen und die ist auch sicherlich ein stückweit meiner schier unendlich hohen Erwartungshaltung geschuldet, aber sie ist eben auch gar nicht mal so weit hergeholt, gerade was die Produktion anbelangt. Stellt es euch so vor: Für mich war "Tiara" seit der offiziellen Ankündigung quasi das Album des Jahres, in welchem es erscheinen würde. Eine klare 5/5 ohne es überhaupt gehört zu haben. Hype kann Wunschvorstellungen zunichte machen und ich bin hier meinem eigenen Hype zum Opfer gefallen. In Relation zum Meilenstein "Mercy Falls" (dem ich gut und gerne 6/5 geben würde) stinkt "Tiara" ganz klar ab, aber im Pool der Progressive Metal Alben ist es immer noch ein ordentliches Werk, das viele andere Bands erblassen lässt. So kann ich mit dem Thema für die nächsten acht Jahre (hoffentlich nicht...) erstmal abschließen...



Bewertung: 4.0 / 5.0
Autor: Sonata (15.10.2018)

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