AGRYPNIE - Grenzgænger / Pavor Nocturnus

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VÖ: 12.10.2018
Bandinfo: Agrypnie
Genre: Black Metal
Label: Supreme Chaos Records
Hören & Kaufen: Amazon
Lineup  |  Trackliste  |  Credits

Viele werden es gar nicht mehr wissen: Es gab mal eine Zeit, in der man einfach noch emotional geladenen, depressiven und melodiösen Black Metal gemacht hat, ohne dafür inflationär das subkulturelle Etikett Post-Black Metal bemühen zu müssen, um Aufmerksamkeit zu generieren - als AGRYPNIE im Jahre 2006 ihr Debüt "F51.4" veröffentlicht haben beispielsweise. Ich weiß, Subgenres sind wirklich etwas Feines, werden meist aber dann rasch zur Farce, wenn man als Hörer vom Gefühl beschlichen wird, dass statistisch jeder zweite Weltbürger plötzlich mitmachen und fleißig plagiieren will. Doch Abhilfe wird durch ebenjene AGRYPNIE geschaffen, die nach einer halben Dekade mit "Grenzgænger" wiederkehren und den überdimensionalen, Copycats bewirtenden Weiher mit dem austrocknen, was vielen anderen schlichtweg fehlt: Tiefe, Härte, Authentizität.

"Grenzgænger" ist ein 70-minütiger Ausritt durch menschliche Abgründe, umschlossen von gewaltigen, unüberwindbar scheinenden Riffmauern, ablehnend-kalten Ambientlandstrichen (in "In die Tiefe" besonders präsent) und geplagten Vocals, die rastlos die Ferne durchstreifen und unverfälschte Empfindungen zum Hörer transportieren. Es fasziniert, wie man im dynamischen "Auferstehung" noch den Hauch von Widerstand gegen sämtliche Bürden spüren kann und sich der neblige Schleier anschleißend zunehmend verdichtet, ehe man zu elegischen Klängen durch "Die längste Nacht" "Zu Grabe" getragen wird. Neu erfinden sich AGRYPNIE auf ihrem Fünftwerk sicherlich nicht, doch dafür hieven sie ihren eigenen Stil, der sämtliche Limitierungen sowieso ignoriert, auf die nächste Stufe, stehen nahe der Vollkommenheit.

Wie schon "Aetas Cineris" zuvor hat auch "Grenzgænger" gen Ende eine Phase, in der das menschliche Gehör auf Autopilot schaltet und damit einzelne Längen überhört, aber das sind im Vergleich zum durchweg hohen musikalischen Niveau Nebensächlichkeiten, über die man getrost hinwegblicken kann. Die eingängigen Gitarrenmelodien, die sich beispielsweise durch "Nychtemeron" oder auch den Titeltrack spinnen, prinzipiell aber das gesamte Album bereichern, ordnen sich konsequent zwischen dem wuchtigen Schlagzeug und den satt produzierten Saiteninstrumenten ein und vermitteln dabei eine solch glaubhafte, erdrückende Atmosphäre, dass AGRYPNIE wahrscheinlich auch als Instrumental-Band funktionieren. Doch gerade Torstens nachvollziehbar zermürbte gesangliche Darbietung sowie die Gastbeiträge, von denen Evigas impulsiver Alleingang in "Aus Zeit erhebt sich Ewigkeit" am stärksten haften bleibt, zeichnen "Grenzgænger" aus und intensivieren die distanziert-negative Grundstimmung.

Und wem das nach fünf Jahren Wartezeit doch noch nicht genug Material für die kalten Novembertage ist, kriegt für einen schmalen Aufpreis ein Digibook, bei dem die Compilation "Pavor Nocturnus", die man auch einzeln erstehen kann, direkt als Bonus enthalten ist. Darauf enthalten ist mit "Neon" ein weiterer neuer, rein elektronischer Song mit Gastvocals von Marta (TODTGELICHTER), drei Demo-Neueinspielungen von der "Agrypnie vs. Fated"-Split aus dem Jahre 2005, die durch die zeitgemäße Produktion den Nachweis dafür erbringen, dass die heute so einzigartig umgesetzte Vision auch damals schon zu großen Teilen allgegenwärtig war, und fünf interessante orchestrale Interpretationen von Klassikern à la "16[485] - Brücke aus Glas" und "Fenster zum Hof", die ich nicht als Füllermaterial bezeichnen würde.

Egal, ob man sich nun ausschließlich für "Grenzgænger" oder die erweiterte Variante entscheidet: die fünf Jahre Wartezeit haben sich definitiv gelohnt. Das neue Album zeigt einen emotionalen Tiefgang, den ich mir in dieser Subsparte öfters wünsche und nur selten heraushören kann. Aus diesem erst resultieren die acht Kompositionen, ihre Stimmung und ihre Vielzahl an hochklassigen instrumentalen Momenten, die von einem spürbar leidenden Charakter und dessen Vocals getragen werden. Somit steht "Grenzgænger" für mich auf einer Stufe mit meinen Bandfavoriten "Exit" und "16[485]" und wird in Zukunft, so viel ist gewiss, noch lange als therapierende Meisterleistung im Gedächtnis bleiben.



Bewertung: 4.5 / 5.0
Autor: Pascal Staub (07.11.2018)

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