EISREGEN - Fegefeuer

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VÖ: 26.10.2018
Bandinfo: EISREGEN
Genre: Extreme Metal
Label: Massacre Records
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Lineup  |  Trackliste

Eine EISREGEN Rezension anzugehen ist mittlerweile mindestens genauso schwer wie der Erstkontakt mit einem neuen Silberling der Thüringer Legenden, deren Werke zuletzt meist von starker Qualitätsfluktuation befallen waren. Konnte man sich mit "Marschmusik" nach zwei völlig missratenen Ausgeburten wieder schmerzfrei auseinandersetzen, litt der im letzten Jahre erschienene "Fleischfilm", wie Kollege Prieske es in seiner Rezension dazu so schön formuliert hat, vor allem unter dem „unterirdischen ersten Drittel“, weswegen ich mich damit in der Konsequenz auch nicht mehr weiter befasst habe. Das mag zunächst ignorant klingen, aber nach all den Jahren habe ich meinen Frieden damit geschlossen, dass EISREGEN alle paar Jahre mal etwas hörbares produzieren - und dazwischen auch mal Ausschuss. Als ich im Promobegleittext die gewählten Bonustracks und Markus Stock (SUN OF THE SLEEPLESS, EMPYRIUM und THE VISION BLEAK) unter den beteiligten Musikern erspäht habe, wusste ich, dass "Fegefeuer" wieder eines dieser Alben sein könnte, mit dem ein Anfreunden durchaus im Bereich des Möglichen liegen sollte.

Alles könnte aber noch viel einfacher sein, wenn EISREGEN einfach mal gänzlich auf den Klamauk (was bitte sollte die "Satan liebt dich"-EP repräsentieren?) verzichten und sich vollumfänglich auf ihre - zugegebenermaßen limitierten - Stärken konzentrieren würden. Dass man nach all der Zeit in einer langjährigen Karriere aber auch mal einen neuen (Blut-)Anstrich erstrebt, ist irgendwie natürlich ein nur allzu verständliches Verhaltensmuster, schließlich ist der Schockfaktor von dereinst längst verpufft und selbst die ekligste Splatterorgie irgendwann kaum noch brisanter als ein Spielabend im Seniorenheim. Immerhin ist "Fegefeuer" aber meilenweit von dem Rohrkrepierer entfernt, den ich nach Titeln wie "Knochentorte" oder "Alice im Wundenland" erwartet hatte - letzteres zählt sogar zu den vielen guten Momenten, die das gefühlt hundertste EISREGEN Album durchaus zu bieten hat. 

Dabei fällt hauptsächlich auf, dass man die angedeutete Musikalität des Vorgängers ausgebaut und mit einer gewissen Rohheit und Härte vereint hat, woran sicherlich auch die Handschrift von Herrn Stock ihren Anteil haben dürfte - und das steht diesem Album sehr gut zu Gesicht: Der Titeltrack beispielsweise groovt in ruppiger Black 'n' Roll Manier zu assistierenden Streichern und Retro-Textwerk, "Oben auf dem Leichenberg" (mein persönliches Highlight) würde aufgrund seiner stilistischen Ausrichtung auch auf "Wundwasser" funktionieren und auch der "Fahlmondmörder" injiziert die Erinnerungen längst vergangener Tage in ein moderneres Produktionsgewand. Und überhaupt: ist der qualvolle Verzehr der "Knochentorte" erstmal schadlos überstanden, leisten sich EISREGEN kaum noch Aussetzer, höchstens kleinere Längen ("Axtmann" und "Ich mach dich bleich"). Das nahezu hymnische "Opfer", in dem die melancholische Violine die angeschwärzten Gitarrenläufe umgarnt, und das doomig-gothische "Die Bruderschaft des 7. Tages" zählen für mich persönlich ebenfalls zum besten EISREGEN-Liedgut seit mindestens zehn Jahren.

Ich kann also schlussendlich nicht leugnen, dass mich "Fegefeuer" mehr als ordentlich bespaßt hat. Sieht man vom genannten Beispiel ab, verzichten EISREGEN lyrisch weitestgehend auf die üblichen Peinlichkeiten und verleihen ihrem geradlinigen Soundtrack für die Vorhölle damit einen seriöseren Rahmen, der ihr Schaffen umgehend auf ein höheres Niveau hebt und sporadisch einen Hauch der morbiden Atmosphäre von dereinst, also eine Spur Nostalgie ermöglicht. EISREGEN haben sowieso ihre verschworene Fanbasis, die gegen alle Widrigkeiten hinter der Band steht und wohl auch weiterhin stehen wird, und trotzdem wäre es ihnen gerade nach diesem Werk zu wünschen, wenn sie an Markus Stock festhalten oder einen begabten Zweitgitarristen mit Hang zu kompromisslosem Extreme Metal engagieren würden, an dem sich das Fegefeuer auch für zukünftige Veröffentlichungen laben könnte. In dieser Form sind die Thüringer nämlich alles andere als abkömmlich.



Bewertung: 3.5 / 5.0
Autor: Pascal Staub (25.10.2018)

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