ULTHA - The Inextricable Wandering

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VÖ: 05.10.2018
Bandinfo: ULTHA
Genre: Black Metal
Label: Century Media Records
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Lineup  |  Trackliste

Nein, der Kopfhörer sitzt nicht schlecht, der Sitznachbar schnarcht nicht übermäßig laut, und auch die Boxen der Stereoanlage sind richtig verkabelt. Der Sound IST einfach so. Und steht auch nicht zur Diskussion, denn gepflegtes Gerumpel als Kunstform ist gerade im Black Metal mit seinen Sub-Genres (Black’n Roll und so hippes Zeuch) legitim as fuck. ULTHA aus der Finster-Kapitale Köln scheren sich auch auf ihrem dritten Werk nicht wirklich um Konventionen, fallen damit aber leider auch irgendwo genau in den momentanen Trend, sich nicht wirklich um Konventionen zu scheren. Die Geister, die ich rief. Wenigstens ziehen sie sich weder Netze noch Masken übers Gesicht, immerhin. Man präsentiert die Band und die Musik eher Hipster-konform nüchtern und strukturiert, was kein Nachteil sein muss.
 
„The Inextricable Wandering“ ist ein Konzeptalbum (Hossa!) in sechs Aufzügen über das Thema Angst. Und die beängstigende Eiseskälte schleicht sich bereits beim 15-minütigen Opener „The Avarist“ unterschwellig ein. Als feierten die norwegischen Krachmacher (DARKTHRONE sei hier mal explizit erwähnt) aus den fernen Neunzigern fröhliche Urständ, bietet dieser Longtrack bereits alles, was den Black Metal als solches ausmacht: Kompromisslosigkeit bei gleichzeitiger Berechenbarkeit, entrückte Vocals (die sich weitgehend eh durch alle Songs ziehen), Blastbeats versus Doublebassgeballer, die verfügbaren Gitarren-Akkorde sind begrenzt, was dem Ganzen eine bedrohliche Monotonität beschert, mit Bässen wurde gespart, dafür mit Höhen nicht gegeizt. Dass der Song nach hinten raus das Tempo ein wenig runterschraubt, macht die Angelegenheit nur noch derber und bedrohlicher. Ängstlich sieht man sich um. Stürzt die Welt etwa in sich zusammen? Bilde ich mir das alles bloß ein? Und warum liegt hier Stroh rum? 
 
Und es gibt kein Verweilen auf sonnigen Parkbänken – denn der Ritt geht weiter: Mit „With Knives To The Throat And Hell In Your Heart“, so der romantische Titel des Elfminüters, sollen die da oben in den Frostbitten Kingdoms ein für allemal wissen, wo Thor sich den Met besorgt. Da heißt es warm anziehen, obwohl ich auch diesem hochatmosphärischen Geballer eine gewisse Monotonie, aber auch Magie nicht absprechen kann.  Da kommt „There Is No Love, High Up In The Gallows“ gerade recht, dieses Interludium, das sich spooky, fast Ambient-haft vor einem aufbaut. Ob man es nun als Pinkelpause nutzt oder als Vorbereitung für den folgenden Monolithen „Cyanide Lips“, der garstig Gift und Galle spuckend hinter der nächsten Ecke lauert, sei jedem selbst überlassen. „We Only Speak In Darkness“ fällt danach ein wenig aus dem Rahmen, aber irgendwie auch wieder nicht. Schöner, von halbverzerrten Gitarren getragener Dark Rock umsamtet siebeneinhalb Minuten lang unsere bereits blutenden Ohren, wie es selbst NICK CAVE nicht besser hinbekommen würde. Hier sind ULTHA Düstercombos wie den FIELDS OF THE NEPHILIM näher als irgendwelchem Metal - wohltuend, gleichzeitig aber weiß man, diese gespenstische Ruhe vor dem vermeintlichen Sturm ist trügerisch. 
 
Und man soll Recht behalten. Denn der finale Wutausbruch „I’m Afraid To Follow You There“ könnte alleine schon ein halbes Album füllen, schlägt er doch mit knapp 19 Minuten zu Buche.  Und jetzt bleibt kein Stein mehr auf dem anderen, das Kölner Anti-Karnevals-Kommando sandstrahlt bitterböse Schwarzmetall-Salven auf die erschrocken im Morast kauernden Hörer, es gibt kein Entrinnen. Ralph „R“ Schmidt holt seine verbalen Ausbrüche aus den allertiefsten Unterkellern der menschlichen Seele, entrückt bleckt, geifert, faucht er, passend zum derben Geknüppel, seinen Schwanengesang, seine tiefen Erfahrungen mit der Angst. ULTHA schicken sich hier an, die nordischen Kult-Bands ordentlich vors Schienbein zu treten, nein - sie spucken ihnen förmlich ins Gesicht und schreien „Was wollt ihr mit eurer Wimp-Scheisse ihr Poser?!“ 

Ich empfehle nach dieser über einstündigen Eruption schwarzer Energie – unbestritten eines der besten Black Metal-Alben, das wir in letzter Zeit zu Gehör bekamen – einen wärmespendenden Binge-Trip zum örtlichen Glühweinstand. Wohl bekomms!



Bewertung: 4.5 / 5.0
Autor: Mike Seidinger (20.11.2018)

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