MYOSOTIS - Evosia

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VÖ: 03.11.2018
Bandinfo: MYOSOTIS
Genre: Metalcore
Label: Eigenproduktion
Hören & Kaufen: Amazon
Lineup  |  Trackliste

Im Sommer 2017 machten MYOSOTIS mit „Distance“ ihre ersten sehr überzeugenden Schritte in die große weite Welt des Metalcore. Grandiose Auftritte folgten, bei denen nicht selten den Headlinern die Show gestohlen wurde, und zahlreiche Fans wurden generiert. Nun haben sich die Hamburger darangemacht, ihr nächstes Kapitel zu schreiben. Keine leichte Aufgabe, da die erste EP schon eine überragende Qualität bot. Die zweite EP von MYOSOTIS trägt nun den Namen „Evosia“.

„Evosia“ setzt an, wo auch schon „Distance“ uns abgeholt hat. Bei jenen, die ein Sprachrohr brauchen, bei jenen, die übersehen werden, bei jenen, die vergessen werden. MYOSOTIS – das Vergissmeinnicht. Detaillierter dreht es sich bei der jungen Hamburger Band viel um psychische Probleme und Herausforderungen. Allem voran die Depression. Darin findet sich die Darstellung der Situation betroffener Menschen, oft repräsentiert durch Post-Hardcore-Elemente, sehr aber auch das Überwinden, das Weitermachen, getragen vom energetischeren Metalcore und der beiden sehr überzeugend ineinandergreifenden Stimmen. Während „Distance“ den Fokus stark auf das Innere, den Blickpunkt auf sich selbst, gerichtet hat, fügt „Evosia“ vermehrt auch die Sicht nach außen in die Welt hinzu. Soviel zum ganzheitlichen Überblick über die EP; im Folgenden soll sie in ihren einzelnen Aspekten beleuchtet werden, denn selten hat Musik und ihre Inhalte so viel Aufmerksamkeit verdient, wie hier bei MYOSOTIS.

Trostlosigkeit bei gleichzeitiger Normalität

Den ersten Fokus generiert das Cover-Artwork, das eine überwiegend spiegelsymmetrische Zeichnung enthält, die sich auch sehr gut als Tattoo machen würde. Kein Wunder, ist die großartige Künstlerin Jessica Svartvit in eben jenem Metier zuhause. Anschließend an den Bandnamen MYOSOTIS – die lateinische Bezeichnung für das Vergissmeinnicht – wird auch hier ein Hauptaugenmerk auf verschiedene Pflanzen und Blüten gelegt. In den Sträußen stecken allerdings auch Küchenmesser. Ein Totenkopf mit Fliegen in den Augen bildet den Mittelpunkt, ist durch die Zweiteilung allerdings auch gewissermaßen verzerrt bzw. entstellt. Man sieht so eigentlich nur die eine Hälfte des Kopfes, die andere bleibt verborgen. Dadurch, dass die Blumen wie ein Trauerstrauß arrangiert sind und das Küchenmesser sowohl Bedrohlichkeit als auch Alltäglichkeit ausstrahlt, vermittelt das Bild eine gewisse Trostlosigkeit bei gleichzeitiger Normalität, eine Verletzlichkeit, die der Lebensrealität entnommen ist. Das passt ausgezeichnet zu MYOSOTIS' Musik.

Sein und Nicht-Sein, Festhalten und Loslassen

Die EP „Evosia“ umfasst fünf Songs und ein Intro, das den Titel „Toki“ trägt. Das ist das japanische Wort für Zeit. Hier auch im Sinne des Beginns der Zeit. Passend dazu bilden sich aus der Stille heraus Geräusche, die das Wachsen einer Pflanze darstellen. Ein Anfang wird gemacht, etwas Neues entsteht und wächst und wird groß. Näher kommende metallische Schläge und fernöstlich anmutende Töne sind darübergelegt, die sich ebenfalls steigern, lauter werden, den Raum einnehmen, emotional bereits eine Basis für Härte, aber auch Tiefe schaffen, und dann klimaktisch im ersten Song münden.

Dieser erste Song ist „Dark Seed“. Musikalisch wie stimmlich geht er gleich ans härtere Ende der MYOSOTISschen Klangwelten. Ein markerschütterndes Brüllen, dann wird durch hölzerne Schläge ein nahezu stakkato-hafter Gesang in seiner aufgeregten Tragik untermalt. Die beiden Sänger Kilian – hier hervorstechend mit tiefen Growls heftigsten Screams – und Timo, der mit dem Refrain einen der besten Mitsingmomente auf kommenden Konzerten präsentiert, schaffen ein präzise abgestimmtes Duett. Letzterer ist auch der Autor der gesungenen Worte und äußert sich (gemeinsam mit Gitarrist Max) dazu: „Leben entstehen lassen, Leben verlieren. Wie soll man reagieren, wenn ein Freund einen der wichtigsten Teile seiner selbst verliert? Mit ihm sprechen? Still bleiben? Ratschläge geben? Der wahrscheinlich beste Weg ist es wohl, empathisch zu sein und ihm Zeit zu geben, seinen eigenen Umgang damit zu finden. Eine weiße Perle, die versteckt im Dunkel liegt, wird eine schwarze Perle, aber sie bleibt doch immer eine Perle, was auch immer kommen mag.

Erneut werden also die für die Band charakteristischen Themen der Vergänglichkeit und der dichotomen Gegenüberstellung von Sein und Nicht-Sein sowie Festhalten und Loslassen eröffnet. Selbstverständlich nicht ohne die normative Ebene, das Auffordern dazu, sich der Situation zu stellen und nicht aufzugeben – der immer wieder erinnerungswürdige Blick nach vorne.
Stay alive, stay strong, and try to survive
I can´t imagine how it feels to lose life like this
But you know there must be one last look behind
Go forward and please don´t try to push rewind!

Ruhe, Härte, Trauer, Wut, Verzweiflung

Der zweite Song, ebenfalls aus der Texterfeder von Timo, heißt „Battle Cry“ und wurde schon vorab in Form eines Videos veröffentlicht. Die Nummer schickt ein Drum-Intro voran, für das Julian Seiler verantwortlich zeichnet, der als sehr fähiges Mastermind hinter dem Projekt VISUAL INSANITY auch progressiven Prog mit Gaming-Komponente macht – die Debüt-LP „Virtual Escape“ ist definitiv hörenswert!

„Battle Cry“ handelt auf aufreibende bis zerreißende Weise von Kindersoldaten und stellt verzweifelt und anklagend zugleich die Frage: "What kind of world is this we are living in, Where kids protect the adults with their lives?

Aber zugleich stellt sich auch eine mögliche Lesart ein, die die Lebensrealität unendlich vieler weiterer Menschen betrifft. Einer der häufigsten Auslöser für Depressionen ist der, dass Kinder ihre eigenen Wünsche und Bedürfnisse an die versorgenden Primärobjekte, die Eltern, zurückstellen müssen, weil deren Probleme denen der Kinder keinen Raum mehr lassen. Die Kinder beginnen, auf Kosten ihrer Entwicklung und psychischen Gesundheit die Eltern zu schützen, um ihre eigene vernachlässigte Versorgung zu sichern. „I never wanted to belong to you! Attempt to run away but I do not get far enough!“ Ruhe, Härte, Trauer, Wut, post-hardcorige Verzweiflung: Thematisch und kompositorisch ein überragendes Stück, das sich im Laufe der Zeit für so manche Träne und jede Menge Gänsehaut verantworten müssen wird. Eine Verantwortung, der es aber mehr als gerecht wird!

„Rain Down“ – betextet von Gitarrist Max und Sänger Kilian – ist die post-hardcorigste, im Chorus auch emotional-ruhig-rockige Nummer auf „Evosia“, deren Klargesang besonders überzeugen kann. Sie handelt von Selbstzweifeln und deren Überwindung. „Rain down and wash away these voices in my mind! Rain down and help me to find my own life!” Bewegend, schön und eine wunderbare musikalische Abwechslung!

„Wake up!“ – wider den toxischen Konservativismus

Es folgt der Titelsong „Evosia“, der kleine elektronische, fast trancecorige Elemente aufweist, die ihm gut stehen, der aber auch in den Richtungen Hard- und Deathcore beherzt zugreifen kann. Dazu die Breakdowns ab der Mitte und die treibenden bis überrollenden Gitarren gegen Ende. Stark! Der Inhalt passt perfekt zu diesen neuen Elementen: Es geht um Veränderungen und die Angst davor. Insbesondere wird hier eine Position gegen toxischen Konservativismus aufgemacht. Der Autor der Lyrics, Gitarrist Max, erklärt den Titel als Namen einer Krankheit, als Kurzform für „Evolution Sickness“, die ungesunde Angst vor der Entwicklung, deren Überwindung er an sich selbst als sehr positiv erfahren hat. So äußert sich Sänger Timo noch ausführlicher zum Song: „Viele Menschen haben vergessen, dass Veränderungen natürlich sind, ein Teil der Evolution und nichts, wovor man sich fürchten muss. Und es geht nicht nur um simple Dinge wie neue Jobs und so weiter, sondern auch darum, wie man sich innerhalb unserer Gesellschaft benimmt und wie wir mit unseren Mitmenschen umgehen. 'Wake up', sei aufgeschlossen, denk anders und entwickle dich!

Dieses Aufwachen, das Bemerken, wie schadhaft starre Spießerpositionen sind, wie gefährlich Inflexibilität ist, vor allem auch für andere („Some want peace, that others won´t survive.”), ist kein leichter Prozess, aber:
You´re falling apart!
It´s fact you will not be the same anymore!
You still got time to start it over!
So Take what you have and be someone you will remember!
This is not the end, this is just the beginning!

Der abschließende Titel, „Haru“, vervollständigt zumindest sprachlich einen Kreis. Es ist das japanische Wort für Sonne. Wie schon auf der letzten EP „Distance“ schließt auch „Evosia“ mit einem Plädoyer fürs Weitermachen, gegen das Aufgeben: der Sonnenaufgang. „I know that you will fall but also that you will rise again!“ Leider kann ich dem Refrain hier stimmlich ein bisschen weniger abgewinnen, als ich es von MYOSOTIS respektive Timos Klargesang gewohnt bin, aber dafür ist der Breakdown dann wieder ein Volltreffer.

Fazit – „Evosia“ mit weniger Distanz als „Distance“

Nach einem so starken Debüt wie „Distance“ muss die nächste Platte schon sehr beeindrucken, um überhaupt an den Vorgänger heranzukommen. MYOSOTIS haben sich allerdings nicht ausgeruht, sondern sich in nahezu alle möglichen Richtungen weiterentwickelt. Man spürt regelrecht, wie die einstige „Distance“ zur Nähe geworden ist. Das Songwriting ist komplexer und zugespitzter geworden, die musikalischen Kompositionen sind noch umfangreicher und zugleich absolut en pointe, die Fähigkeiten jedes einzelnen Musikers werden aktiv eingebracht und genutzt, die Einflüsse und somit auch die Möglichkeiten haben sich vermehrt, die emotionale Tiefe ist nach wie vor berauschend. OK, in kleineren Passagen treffen die ansonsten wunderbaren klaren Vocals nicht zu 100% meinen Geschmack, aber abgesehen davon bin ich überwältigt von „Evosia“. Eine wirklich, wirklich gute Platte, die es trotz konstant hoher Qualität schafft, einen Song noch hervorstechen zu lassen: „Battle Cry" – ein wahres Meisterwerk!



Bewertung: 4.5 / 5.0
Autor: Jazz (03.11.2018)

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