FRACTAL CYPHER - Prelude To An Impending Outcome

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VÖ: 08.11.2018
Bandinfo: FRACTAL CYPHER
Genre: Progressive Metal
Label: Eigenproduktion
Hören & Kaufen: Amazon
Lineup  |  Trackliste

Der Prog-Geheimtipp FRACTAL CYPHER holt zum neuen Schlag aus und nimmt dabei erst einmal ordentlich Schwung! Noch mutiger werfen sich die Kanadier mitten in das Mögliche und dehnen ihr Genre-Repertoire noch weiter aus, bedienen sich noch mehr Variablen und gestalten ihre aktuelle EP "From The Above And To The Stars" dennoch großartig hörbar und kompliziert-unkompliziert. Schwer zu verstehen? Hier ein Erklärungsversuch.

2016 machten FRACTAL CYPHER mit ihrem erstklassig durchdachten und einwandfreien Debut "The Human Paradox" (Review hier) die ersten Schritte auf der großen Prog-Bühne und katapultierten sich in meiner persönlichen Hitliste kompromisslos direkt in die Elite. Man kann sich also vorstellen, mit welchen Erwartungen Meinereiner nach weiteren Schandtaten der Kanadier gierte. Nun rollen sie sich selbst zu recht den roten Teppich aus, packen mannigfaltige Genre-Erweiterungen in ihr Reisegepäck auf dem Weg in die Unendlichen Weiten des Prog-Universums und sorgen mit der neuen EP für einen ordentlichen Kometenschauer. Fast schon traditionell bleibt dem geschulten Hörer die "typische" Progressive Metal-Gangart erhalten, wird von einem fulminanten Keyboard-Riff-Teppich ummantelt, von der ein oder anderen Dissonanz geärgert und von akkurat versponnenen Rhythmus-Kapriolen weitergetrieben und ausgebremst gleichermaßen. Es wird aber keineswegs darauf verzichtet, den Hörer wieder auf den Boden der Tatsachen und somit auf straighter durchgeplanten Grund zurück zu geleiten. Zudem deckeln die gekonnten, leicht angerauchten Vocals das Melodiegewitter auf unbestritten hohem Niveau.

Doch damit nicht genug. Hatten sich FRACTAL CYPHER auf ihrem Debut erst einmal ihre Wohlfühl-Zone ausgespielt und die komplette "klassische" Prog-Bandbreite bedient, erweitern sie nun auf der EP ihren Range und inhalieren gekonnt ausgedehnte Partikel aus Jazz und sogar poppig leichten Tönen. Es scheint fast, als hätten die Kanadier nicht vor, sich in ihrem ausgeschöpften Gebiet festzusetzen und sich auf ihren Lorbeeren auszuruhen, sondern "From The Above And To The Stars" als EP-Bühne für weitere Experimente zu nutzen. Eine durchaus gelungene Operation, zweifelsohne. Zwar kann man kaum behaupten, dass die vier Songs auf der EP in dieselbe Kerbe schlagen und engere Verwandtschaften erahnen lassen, doch der verschiedenartige Zugang zu den einzelnen Tracks macht das nicht ganz so kurze Vergnügen (wir sprechen hier von Prog-Länge) zu einer abwechslungsreichen Reise durch mannigfaltige, in so manche Genres meisterlich verknüpfte, Addition, an welche sich in dieser Gesamtheit und der Begrenzung des Rahmens durch die EP-Spiellänge nicht jeder heranwagen würde. 

Es ist zwar kaum möglich, die einzeinen Songs im Detail zu besprechen, dennoch wird hier der Versuch eines intensiveren Blicks gewagt, um die Bandbreite zumindest ein wenig zu definieren. Da wäre zum Beispiel der erste Song "Coming Back To Life", dessen ausgeprägtes Intro lediglich aus Klavier und Vocals besteht, ehe ein paar lounge-ige Töne in ein Midtempo-Prog-Rock-Schema weiterleiten. Immer in gemächlicherem Tempo gehalten, wird ausführlich das eigentliche Thema vorgestellt, ehe es wilder wird und ein stimmungsvolles, aber nicht übertrieben verwirrendes Ton-Gefriemel startet und nach einigen gleichförmigen, spitzenlosen Kapriolen wieder in die Piano-Akustik mündet und langsam versiegt. "The Grandeur Of It All" verschmilzt dann den Stil der alten Rock-Größen mit einer straighten und wenig verschnörkelten, dafür umso ohrwurmigeren FRACTAL CYPHER-Gangart, die hin und wieder die ein oder andere Blues-Allüre durchblitzen lässt, definitiv aber in Abschnitten einer Hommage an glorreiche Rock-Tage gleich kommt - ehe dann doch wieder die großartige Virtuosität der fünf Kanadier durchbricht und in angezogenem Tempo fließende Melodielinien ineinander verdreht werden. Das eigentliche und zweifelsohne großartige Prog-Gewitter geht dann bei "From The Above And To The Stars"  - dem Sound des Debut-Albums wohl am ähnlichsten - nieder, das auch als Auskoppelung fungiert und von Hooks über Dissonanzen bis hin zu rhythmisch verschachtelt alles zu bieten hat, gleichzeitig auch darauf achtet, den Hörer immer wieder durch klare Passagen zu erden. Mit "Red Lady" folgt dann ein eindeutig jazziger Einfluss, der sich nicht nur durch das Intro zieht und den Song erst einmal verträumt beruhigt und fast schon in ein Easy Listening-Fahrwasser lotst. Doch FRACTAL CYPHER wissen, was sie tun und gestalten die Gratwanderung zwischen banal und hochwertig meisterlich, schaffen mit dem vierten Song ein sehr eingängig-ruhiges Stück. Zumindest für ganze vier Minuten. Man will ja keine Langeweile aufkommen lassen. Was danach kommt, kann man sich denken. Und es ist großartig!

"From The Above And To The Stars" kann sich auf keinen Fall nachsagen lassen, es wäre nur ein Abklatsch oder Resteverwertung des Debuts von 2016. Stattdessen versuchen die fünf Prog-Meister eher, ihre Grenzen auszutesten und das geht ihnen mit gefühlter und vor allem gehörter Leichtigkeit von der Hand. Die Songs klingen eingängiger, wenn auch die Details intensiv und sehr großzügig gestreut sind. Die EP wirkt experimenteller in der Genre-Vielfalt und dennoch eingängiger in der musikalischen Verarbeitung, zurückhaltender mit virtuosen Sätzen und verworrenen Spielereien und dennoch mit allen Elementen, die guter Prog haben muss. Domestizierter einerseits, und dafür dann doch zu wenig aus einem Guss. Und dies mag am Ende auch der einzige "minimalistische" Kritikpunkt sein: Wenn auch für eine EP absolut in Ordnung, hofft meinereiner bei einem eventuellen nächsten Longplayer doch auf mehr Durchgängigkeit, mehr Einheit in sich. Kurzgesagt: Auf den roten Faden. Für eine EP allerdings ist das Experimentieren in neuen Fahrwassern - oder zumindest in den angrenzenden Tümpeln -  vollkommen in Ordnung und in diesem Fall auf einem solch hohen Niveau, wie manch andere Band ihre Highlight-Alben nicht hinbekommen. Definitiv ein Meisterwerk!



Bewertung: 4.5 / 5.0
Autor: Lisi Ruetz (13.11.2018)

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