ESBEN AND THE WITCH - Nowhere

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VÖ: 16.11.2018
Bandinfo: ESBEN AND THE WITCH
Genre: Dark Rock
Label: Season of Mist
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Lineup  |  Trackliste  |  Credits

Ancient Music for primal visions...

Es gibt den wunderbaren Film "The Wicker Man" aus dem Jahr 1973, unter anderem mit Christopher Lee als Darsteller, und ich darf euch den Director´s Cut eben dieses Films empfehlen. Dies aus dem Grund weil es dazu  einen wunderbaren Audiokommentar gibt in dem auf die heidnischen Religionen im 15. und 16. Jahrhundert an den Ränder des britischen (nennen wir es so sonst wird es arg kompliziert) eingegangen wird, auf die "alten Götter" die in versteckten Tälern, Weilern oder auf kleinen Inseln überlebt haben. Der Film an sich ist keine Dokumentation, aber er zeigt euch, wie es wohl wirklich war in den Gegenden, in denen heidnischen Religionen die Leute in ihrem Leben begleiteten. Keine Sagas, die ohnedies von christlichen Mönchen geschrieben und dann irgendwelchen "Nordmännern" zugeschrieben wurden, keine Blut-und-Boden-Romantik wie man sie wochenendlich in Dunkeldeutschland erdulden muss (und wehe man sagt etwas dagegen, dann geht´s aber los...) und kein einheitliches, ganz Westeuropa umspannendes Pantheon diverser Naturgottheiten. Wie es eben wirklich war. (#facts #warumstolz? #weildannistesauchmalgenug)

Und genau da haken die formidablen ESBEN AND THE WITCH ein, die in ihrer dunklen Musik, wie immer man diese auch bezeichnen mag, genau diese alte Spiritualität hochleben lassen. Sie selbst bezeichnen ihr Schaffen neuerdings als Expansive Primal Goth-Punk. Der Bandname wurde einst, vor zehn Jahren, einem dänischen Märchen entliehen und passt wunderbar in diesen uralten Mystizismus, der von der genuin verbrecherischen christlichen Kirche in all ihren Ausprägungen und ihren politischen Anhängseln beinahe ausgerottet wurde. 

Jetzt muss ich hier als Einschub sagen, dass ich persönlich ein völlig unreligiöser Mensch bin. Religion ist für mich eine Ausrede, die Leute dazu benutzen, um mit Problemen umzugehen, die sie alleine zu lösen nicht in der Lage sind.

Das heißt aber nicht, dass ich die alten Geschichten nicht mag. Sogar die größte Erfindung der Kirche, Jesus, wird zeitweise recht originell gezeichnet. Aber ich finde das Gesamtkonstrukt aus ESBEN AND THE WITCHes Musik, den Texten und den Zeichnungen von Rachel Davies richtiggehend einnehmend, betörend, berauschend. In Zeiten in denen pro Monat hunderte Veröffentlichungen erscheinen, die sich grob in "Nagelpflege-Death Metal", "ich wär so gerne Norweger Black Metal", "Kauz Metal - darf ich im Deaf Forever ein Interview geben" oder - ganz schlimm - "Power Metal (symphonic/melodic/organic/vegan/nativ)" einteilen lassen, ist der Dark-Rock (for the lack of a better term) der sich mittlerweile in Berlin niedergelassenen Engländer aus Brighton eine Offenbarung. Das vor ziemlich genau zwei Jahren erschienene "Older Terrors" wurde von mir schon hemmungslos bejubelt, das neue Album "Nowhere" darf ich mir nun etwas genauer anhören.

"A Desire For Light" beginnt rockig geht dann aber sofort in die Supraatmosphäre über, die ESBEN AND THE WITCH so einzigartig machen. Darüber residiert die Stimme von Rachel Davies, für die das englische Wort "haunting" geschaffen wurde. Tief bewegend, kommandierend, eindringlich. Der Song öffnet sich zu einer Art aufrührendem Chorus am Ende hin und ist eben wie alles von den Exilbriten auf einer auralen Leinwand gemalt, die mit menschlichen Mitteln kaum  zu vermessen ist. 

You belong, you belong!
Under this sun, you belong

Auch "Dull Gret" entzieht sich konventioneller Songwritingschemata. Hier werden Emotionen transportiert, deftiges Ansinnen auf fragile Tonlandschaften gelegt. Immer wieder peitschen sich die Songs kaskadenartig hoch, unterstützt durch donnerndes Schlagzeug und wie immer die großartige Rachel Davies. "Dull Gret" hat sogar so etwas wie einen wiederkehrenden Refrain, der Kenner/die Kennerin aber wissen dass wir auch hier abseits schnöder Kompositionspfade wandern.

(One woman can make a din)
She could plunder in front of hell!

Frau Davies hat eine für sie typische Art, ihre Texte zu singen. Wobei singen nicht der passende Ausdruck ist, es handelt sich vielmehr um ein Anklagen, ein bisweilen fast verzweifelt-trotziges Auf und Ab in den von ihr getexteten Zeilen. Sie stellt fest, sie fordert und sie beschreibt. Sie macht, was sie, wie schon eingangs postuliert, als Ancient Music For Primal Visions bezeichnet. Musik aus der Zeit vorher. Vor der kirchlichen, politischen und monetären Gleichschaltung. Das, was in Mitteleuropa in den alten Volksmärchen bisweilen vorkommt, das machen ESBEN AND THE WITCH aus ihrem englischen Vermächtnis heraus. 'Golden Purifier" ist noch ein Stück ruhiger, noch ein Stück anklagender und einnehmender. Es ist die Musik dieses Trios auf das Allernotwendigste reduziert. Das Lied ist das kürzeste auf dem Album und, ich kann es nicht anders beschreiben, es fängt nie an und hört nie auf.

The hungry kings, unhook their beaks
Tear the bones of rotting meat
Tending to the graves, the ground
So all that’s left is sand

Deftig-noisig beginnt "The Unspoiled", ein Song mit einem herrlichen Text, der wie so oft bei der Band aus Brighton, auf mehreren Ebenen lebt. Der Gesang wandert über die Toms und fragile Gitarren hin zu einem mit harten Gitarren unterlegten Refrain der sich nach hinten öffnet und die Gedanken wieder abschweifen lässt. ESBEN AND THE WITCH erinnern mich immer wieder an die Holländer von THE GATHERING in ihren Anfangszeiten. Selbstredend kein musikalischer Vergleich, aber beide Bands haben es geschafft und  schaffen es noch immer, dass man sich plötzlich mit seinen Gedanken irgendwo wieder ganz weit entfernt wieder findet. PORCUPINE TREEs "Anestesize" ist auch ein Beispiel für diesen Gipfel des Songwritings. Oder PINK FLOYD. Rachel Davies und ihre Mannen zerren den Hörer/die Hörerin in kurzen Augenblicken aus dem Hier und Jetzt und fordern ein widerstandsloses Fallenlassen in ihre Musik. 

Down I go
Sinking slowly
Give me a rope
Don’t let me go

Drag me up
Before the rain
Lashes the earth
Crumbles away

"Seclusion" ist der vorletzte Song auf "Nowhere" und der erzählt eine Geschichte. Ganz einfach, ganz traurig. Eine Geschichte von der Suche nach Abgeschiedenheit, dem Allein sein. Und wie das schlußendlich gelingt ist so logisch wie berührend. Ruhig ist es, und kalt. Herbstlich und allein und einsam.

Find your little peace
Once you’ve steeled yourself, ready, convalesced, time to move those stones away

In die Ruhe schlägt der Schlußtrack "Darkness (I Too Am Here)", das längste Stück auf dem Album von ESBEN AND THE WITCH. Auch hier, wie auf  jedem Track des Albums und den allermeisten der Bandgeschichte, haben wir es mit völlig abwegigem Songwriting zu tun. Die Toms geben den Rhythmus vor, die Gitarren post-rocken hier und Rachel spricht erneut von Dingen, die für uns Außenstehende nur schwer zu ergründen sind. Atmosphärische Landschaften tun sich vor dem Hörer/der Hörerin auf, nebelverhangenes Albion, Regen in ewig verlassenen Ecken von Blighty, das Herinnen im Haus und das Draußen vor der Tür. Ist es nicht schön, Texte für sich selber deuten zu dürfen, ohne die textlichen Kasperliaden von Zig-Tausenden Textern über sich ergehen lassen zu müssen. Vage Andeutungen anstelle dürftiger Vorschullyrik.

I am the black square
I am a blank page
Don’t tear your eyes
Don’t look away

Mit "Nowhere" haben ESBEN AND THE WITCH dort angeschlossen, wo "Older Terrors" aufgehört haben. Die Band hat ihr Terrain ausgemacht und malt dort ihre Soundgebilde die sich zwischen "Post" und Atmosphäre festklammern. Das Album hat keinerlei Ausfälle, noch nicht einmal eine schwache Sekunde. Aber das war auch zu erwarten. Mit diesem Album werden ESBEN AND THE WITCH ihren Platz in der Musiklandschaft behalten und weiter ausbauen.

Völlig eigenständig. Grandios.

 

 

Rachel Davies zu "Nowhere": “Inspired by ancient, enduring visions of a utopian garden, a world unspoiled, before war and devastation, where freedom and liberation rule. The world at large and our worlds within, both teeter on the brink of self-destruction. This serves as a reminder, as a plea, to hold on and not let go.”

Schöne Worte. Hört Euch dazu das Album an und vielleicht können wir die Welt ein wenig schöner sehen. Oder zumindest so wie sie wirklich ist, fernab der gesteuerten Hysterie und des gelenkten Wahnsinns.

 



Bewertung: 5.0 / 5.0
Autor: Christian Wiederwald (18.11.2018)

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