SAOR - Forgotten Paths

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VÖ: 15.02.2019
Bandinfo: SAOR
Genre: Atmospheric Black Metal
Label: Avantgarde Music
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Lineup  |  Trackliste  |  Credits

Das Monument ist errichtet, Andy Marshall gilt mittlerweile sicherlich als einer der renommiertesten Künstler (wohl nicht nur) in der (Atmospheric) Black Metal Rubrik und die bisherigen Veröffentlichungen zählen längst zur Referenz, zu den Werken, an denen andere unweigerlich gemessen werden - SAOR selbst allerdings auch, weswegen es mit "Forgotten Paths" nun an die Denkmalpflege geht. Gemeinsam mit Avantgarde Music, der neuen Labelresidenz, begibt sich der Schotte auf vergessene Pfade, muss dabei vor allem  Herr über seine bisherigen Errungenschaften werden und trotzdem versuchen, keine Fanservice-Veranstaltung, für die er wahrscheinlich seine Kreativität geißeln müsste, daraus entstehen zu lassen. In anderen Worten: SAOR hat bisher sehr viel errungen und dadurch natürlich auch die hohe Bürde, mit den fortwährend steigenden Erwartungen aller Fans umgehen zu müssen, erlangt, die einerseits neue Kräfte freisetzen, andererseits aber auch im steinigen Fortbestand enden kann. Schwer lastet das Haupt des Gekrönten.

Von einer weiteren Belastungsquelle, nämlich der, dass man immer Überlänge präsentieren muss, konnte er sich auf "Forgotten Paths" endgültig erfolgreich lösen. Während die drei bisher erschienenen Alben allesamt allesamt an der 50-Minuten-Grenze tangierten oder zuletzt gar zweimal darüber schwangen, reichen dem Viertwerk 38 Minuten Tonmaterial, um eine authentische Szenerie zu pinseln. Schwarzmalerei, des Menschen allerliebstes psychologisches Werkzeug der Neuzeit, wäre es, ihm erschöpfte Ideenquellen anzudichten, aber in letzter Konsequenz genießt der Inhalt und gewiss nicht die Spielzeit die höchste Priorität - gerade in einem Subgenre, welches von überlanger und gleichzeitig weitestgehend ideenloser Massenware durchflutet wird. 

Einen kleinen "Nachteil", wenn man es denn überhaupt so nennen möchte, hat diese Verkürzung zumindest anfangs aber dennoch: Marshall komponiert äußerst detailreich und lässt sich auch dieses Mal wieder von einigen Gastmusikern unterstützen, um sämtliche Ideen auch umsetzen zu können. Die Songs sind also insgesamt wieder von einer hohen Musikalität geprägt, weswegen man sich anfangs durchaus davon erschlagen fühlen könnte, weil in den 38 Minuten schlichtweg sehr viel passiert. Besagter Inhalt ist in letzter Konsequenz dennoch umwerfend und atmosphärisch wieder etwas näher an "Aura", wenngleich "Forgotten Paths" u.A. durch die unterschiedliche Schlagzeugarbeit längst nicht mehr so ungestüm klingt.

Hier sitzt jeder Handgriff und das ist das Erstaunliche an der Entwicklung SAORs, denn mittlerweile verschmilzt alles so schlüssig miteinander, dass man als Hörer einfach eine große Freude dabei verspürt, Andy Marshall auf seiner Reise zu begleiten. Das Grundgerüst, also vor allem die ausladenden Gitarrenharmonien alleine schon sind eine wahre "Ohrenweide", aber dann kommen natürlich noch die wehmütig singende Violine, die sanftmütigen Akustikgitarren, die Flöten und die verschiedenen Gesänge hinzu, die allesamt von der erneut transparenten Produktion einen narrativen Charakter erhalten. Hatte man früher noch einfaches Spiel dabei, Marshalls Werk zu kategorisieren, wird man sich heutzutage deutlich schwerer tun, weil hier atmosphärischer Black Metal, keltischer Folk und Shoegaze bzw. Post-Rock in ungeahnter Diversität und Qualität aufeinandertreffen. Mein persönliches Highlight: Der Beitrag von ALCESTs Neige im Titeltrack, der mal wieder beweist, welch ästhetische Wirkung sein Organ entfalten kann. Als wäre er schon immer ein Teil von SAOR gewesen, perfektioniert genau diese Passage ein Album, das nicht nur auf meiner Jahresliste für 2019 ganz oben stehen wird, sondern auch auch vielen anderen.

Innerhalb kürzester Zeit hat sich Andy Marshall aus dem Underground erhoben und ist in gewissen Kreisen zu einem Künstler avanciert, dessen neues Werk stets von vielen Hörern sehnlichst herbeigefiebert wird, sobald er auch nur die leisesten Andeutungen dazu gemacht hat. Für mich ist SAOR bzw. die gesamte Entwicklung seit ASKIVAL eines der wert- und wundervollsten Projekte, die der Black Metal im weitesten Sinne in der letzten Dekade hervorgebracht hat und auch "Forgotten Paths" ist ein authentisches Kunstwerk, das man in zehn Jahren noch in höchsten Tönen loben wird und ich gönne ihm jeden Erfolg, den er bis jetzt einfahren konnte und jeden erdenklichen Meilenstein, den er auf seinem weiteren Weg noch wird hinzufügen können.



Bewertung: 5.0 / 5.0
Autor: Pascal Staub (19.02.2019)

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