EVERGREY - The Atlantic

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VÖ: 25.01.2019
Bandinfo: EVERGREY
Genre: Progressive Power Metal
Label: AFM Records
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Lineup  |  Trackliste

Das dritte Album, nachdem den totgeglaubten EVERGREY wieder neues Leben eingehaucht wurde und das Ende einer losen Trilogy darüber, wie das Leben eben so spielt. Mit Trilogien ist es ja immer so eine Sache. Entweder kommen sie an den Start der Reihe nicht heran oder sie sind verhasst, weil etwas am besten niemals enden sollte. Doch hier schon mal die gute Nachricht: Es sieht nicht so aus, als würden EVERGREY uns nicht noch mit weiteren Alben entzücken. Aber was ist dann mit der anderen Theorie eines verpatzten Abschlusses? Als ob die Schweden-Truppe um Tom Englund jemals etwas verpatzen würde! Enttäuschendes Album? Mitnichten! Und trotzdem anders als erwartet. 

Die Überraschung von "The Atlantic" liegt am ehesten an der aufregenden Unaufgeregtheit der Scheibe, einer gewissen hoffnungsvollen Melancholik und einer schwer zu fassenden, leichten Einigkeit. Klingt komisch? Ist aber so. Die Schweden waren ja noch nie die Band, die sich in klare Schubladen hat pressen lassen wollen und auf "The Atlantic" wird jegliche Zuordnung noch einmal schwieriger, verlieren sie auf bestimmte Art doch fast alle klaren Genre-Eigenschaften. Das neue Album ist wahrscheinlich das weitaus ruhigste Album (bezieht man sich auf die umfassende Gleichgestimmtheit der Songs), das jemals aus dem Hause EVERGREY kam und dennoch fließt es vor Emotionalität, vollkommen zwischen Hoffnungslosigkeit und erleichternder Harmonie - teils beides gleichzeitig - über. Und hat eben trotzdem alles, was nur irgendwie in EVERGREYs Spielrange liegt.

Das überwiegende Thema des treibenden, fließenden, tobenden, stillen Wassers, der Wellen, der Gezeiten (das Bandkopf Englund mit dem Lauf des Lebens vergleicht) wird auch musikalisch genau so umgesetzt. Die großen Umbrüche zwischen den Songs fehlen, sie stülpen sich größtenteils ziemlich harmonisch ineinander, ohne dabei aber auch nur einen Moment an Langweiligkeit aufkommen zu lassen. Easy-listening einerseits. Doch andererseits versteckt EVERGREY die Genialität hier im Detail: in Emotionalität, in Feinheiten, in aufwühlenden Passagen, in ausgeprägten Keyboards, in feinen Prog-Nuancen, in massiven Sound-Wänden, die sich dann wieder harmonisch verflüssigen. Wie das Leben eben so spielt.

Die schwere Melodic-Wand und die dichte Rhythmik, die der Truppe zu eigen sind, bleiben erhalten, ebenso wie der unverkennbare melancholische Gesang. Prinzipiell ist alles da, was die Band schon seit Jahren ausmacht, alles lediglich etwas unaufgeregter, etwas ausgeglichener. "The Silent Arc" als Opener bespielt immerhin schon die komplette Bandbreite von breiten Soundwänden, schwer drückenden Parts und harmonisch aufgelöster Melodik, dann wiederum von verlängerten Instrumentalparts, die gern auch mal in sanft-progressive und treibende Richtung steuern, aber niemals überheblich oder dominierend wirken. Dabei ist der Opener einer der schwereren, krachenderen Songs auf der Scheibe. Mit "Weightless" interpretiert das Schweden-Team tatsächlich den Titel auf großartige Weise, mit federleicht fließenden Melodien zwischen tragisch wirkendem Druck. Und so wechseln sich die Tracks in ihren musikalischen Aussagen, verlieren aber niemals den Bezug zueinander.

"All I Have" langsamer, verträumter und verspielter, "My Secret Atlantis" wiederum treibender, anklagender. "End of Silence" wirkt straighter und rockiger, durch die Melodic-Linien eingängiger und hält sich großartig die Waage zwischen drückender Schwere und sich auflösender Leichtigkeit in den Gesangsteilen. Ähnlich gestaltet sich "Currents", legt in Sachen Eingängigkeit noch eine Schippe drauf, ehe das balladesque und fast schon verschmuste "Departure" sämtliche Spannungen nimmt.
"The Beacon" steigt dann mit so massiven Soundwerk ein, dass sich der gediegene Hörer in seinem Harmonieempfinden wahrscheinlich massiv gestört fühlt, doch bietet es einen gelungenen Kontrast und meiner Meinung nach auch ein weiteres Highlight auf der Scheibe, verläuft sich der Sound immerhin erneut perfekt in den Wellen des Songwritings und schafft erneut einen kraftvollen Song. Mit "The Ocean" schließt sich dann der Kreis der lockeren Erzählung auf der Scheibe und auch musikalisch mit einem der für EVERGREY wohl typischsten Songs, der absolut keinerlei Schwächen zulässt.

Ziemlich ideal vergleichbar mit dem Sinnbild des Wassers und des Lebens webt sich EVERGREY einen eigenen Ozean voller eingängiger Songs, die sowohl Kraft und Stärke als auch Harmonie und Hingabe in nahezu perfektem Maße in sich bergen. Dieses Album mag wohl eines mit den wenigsten Ecken und Verschnörkelungen sein, mit den wenigsten Diversitäten zwischen den einzelnen Songs, die sich charakterlich einfach einheitlicher gestimmt haben, als es auf den früheren Scheiben der Fall war. Und es mag seine Größe auch noch nicht beim ersten Durchgang enthüllen. Doch "The Atlantic" ist erneut etwas richtig Großes, etwas, das auf seine Art eigenständig einmalig ist - EVERGREY ist -, und dennoch wieder neu, anders. Dies mag dem ein oder anderen zu wenig sein, doch gibt es meines Erachtens tatsächlich nichts zu verstecken und noch weniger zu misbilligen. Dieses Album wird wohl den ein oder anderen etwas ratlos zurück lassen, aber ein, zwei Durchläufe muss man "The Atlantic" zugestehen, um sich zu entfalten. Einwandfrei gebastelt von den Schweden. Schon wieder! 



Bewertung: 4.5 / 5.0
Autor: Lisi Ruetz (29.01.2019)

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