ROTTING CHRIST - The Heretics

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VÖ: 15.02.2019
Bandinfo: ROTTING CHRIST
Genre: Extreme Metal
Label: Season of Mist
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Lineup  |  Trackliste  |  Trivia

Es gibt wieder einmal etwas zu feiern: vor über 2000 Jahren starb Jesus von Nazareth! Zu feiern zumindest aus häretischer Sicht; oder aus der Sicht von ROTTING CHRIST. "The Heretics", die mittlerweile 13. Gotteslästerung der Griechen, wurde der Welt zu diesem Anlass feierlich offenbart, zum wiederholten Male von den Ketzer-Gebrüdern Sakis und Themis Tolis selbst produziert und vom schwedischen Multitalent Jens Bogren (BORKNAGAR, OPETH, IHSAHN, DEVIN TOWNSEND, KATATONIA etc.) veredelt.

Im Gegensatz zu dieser Kontinuität deutet das aussagekräftige, blasphemische Album-Cover jedoch an, dass Schluss ist mit den Ritualen der vergangenen – sehr ähnlich klingenden – zwei Alben ("Kata Ton Daimona Eaytoy" und "Rituals"). Erwartet den Hörer jetzt ein völlig neuer Stil? Immerhin wechselten ROTTING CHRIST in der Vergangenheit schon mehrmals ihr Genre, von Grindcore über minimalistischen Black Metal zu Gothic bzw. Dark Metal bis hin zum aktuellen Melodic Black Metal – brillanterweise ohne dabei jemals ihren Wiedererkennungswert zu verlieren.

Eines ist jedenfalls klar: die langjährigen Underground-Helden haben es sowieso schon an die Spitze des Olymps geschafft. Nach über 30 Jahren, 13 Full-Length-Alben (jedes davon im Kontext seiner Zeit sehr gut bis hervorragend), dutzenden EPs, Singles und Splits und mehr als 1250 Konzerten haben sich die unermüdlichen Griechen ihren heutigen Status aber auch redlich verdient. Doch heißt das, sie sind unfehlbar? Die Schöpferkraft einer Band muss doch auch irgendwann ihr Ende finden…

Nemesis:
Einem langjährigen Fan wie mir (seit beinahe zwei Jahrzehnten) fällt es natürlicherweise äußerst schwer, ROTTING CHRIST nur durchschnittlich oder gar schlecht zu bewerten, doch irgendwann musste dieser Tag ja kommen. "The Heretics" ist ein billiger Abklatsch wahlweise von "Kata Ton Daimona Eaytoy" oder "Rituals" – und zwar sowohl akustisch als auch lyrisch: Der aktuelle Opener heißt "In The Name Of God", jener vom Vorgänger "In Nomine Dei Nostri", die Ähnlichkeit ist einfach frappierend; so auch beim zweiten Song "Vetry Zlye", der (wieder einmal) mit russischen Lyrics aufwartet und wie die B-Side des "Kata Ton Daimona Eaytoy"-Bonustracks "Welcome to Hel" klingt.

Lediglich zwei Songs sind ein wenig eigenständiger: der auf einem Gedicht von Edgar Allan Poe basierende Closer "The Raven" und "Dies Irae". Bei Letzterem liegt das vielleicht aber auch daran, dass es sich um eine (wenn auch geniale) Adaptation des originalen gregorianischen Chorals handelt. Stichwort 'original': das Gitarren-Solo bei "Fire God And Fear" stammt eigentlich vom "Aealo"-Song "Demonon Vrosis". Wer das nicht glaubt, der klicke einfach hier und hier.

Offensichtlich wurden alle Songs gleichzeitig geschrieben, um sie dann über die Jahre auf drei bis vier Alben aufzuteilen. Da helfen auch die Guest-Vocals von Ashmedi von MELECHESH und Irina Zybina (Sängerin der russischen Folk-Metaller GRAI) nichts. Quo vadis, ROTTING CHRIST?

Genesis:
Ist das Album wirklich so schlecht? Ein langjähriger Fan wie ich gibt ROTTING CHRIST natürlich mehr als nur eine Chance, also zurück an den Start. Es folgt Wiederholung auf Wiederholung. Und mit jeder Wiederholung offenbart sich ein neues Detail. Und mit jeder Wiederholung bleibt mehr vom Gehörten hängen.

Und plötzlich die Erkenntnis, wie beim Rosenkranz-Beten: "The Heretics" macht erst nach mehreren Durchgängen Sinn. Und wieder folgt Wiederholung auf Wiederholung. Und mit jeder Wiederholung vertieft sich die Trance. Und jede Wiederholung führt tiefer in die Andacht.

Und plötzlich die Erleuchtung: Es ist schlicht und einfach egal, dass einen viele Gitarren-Riffs, -Leads oder -Soli an andere ROTTING CHRIST-Alben erinnern. "The Heretics" ist ein Grower – und was für einer! Jedes Mal, wenn es mit "In The Name Of God" erneut losgeht, verstärkt sich diese Offenbarung. Man muss das Album in seiner Gesamtheit hören, um es zu ergründen, um von seiner spirituellen Magie erfasst zu werden. Speziell die druckvollen Chöre bei praktisch jedem Song erschaffen eine bombastische, feierliche, beinahe kirchliche Stimmung, die einen nicht mehr loslässt. "The Heretics" ist kein stupides Heil-Satan-wir-töten-alle-Christen-Gott-ist-scheiße-und-nochmals-Heil-Satan-Black-Metal-Album, sondern gleicht vielmehr einer wahrhaftigen religiösen Zeremonie. Das ist Gotteslästerung par excellence! Oder ein generelles, kritisches Hinterfragen von Glaubensrichtungen, was Ausdruck in diversen auf dem Album verwendeten Zitaten findet (Voltaire: "Those who can make you believe absurdities can make you commit atrocities" oder Thomas Paine: "I do not believe in the creed professed by the church, by any church that I know. My own mind is my own church").

So oder so, die Wege von ROTTING CHRIST sind unergründlich und "The Heretics" ist deren Neues Testament. Amen!



Bewertung: 5.0 / 5.0
Autor: Captain Critical (13.02.2019)

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