CHAPEL OF DISEASE - ...And As We Have Seen The Storm, We Have Embraced The Eye

Artikel-Bild
VÖ: 23.11.2018
Bandinfo: CHAPEL OF DISEASE
Genre: Black / Death Metal
Label: Van Records
Hören & Kaufen: Amazon
Lineup  |  Trackliste

"Stillstand ist gleich Rückschritt", "wer rastet, der rostet", "never change a running system"... Diese und sinnverwandte Sprichworte nutzt man nicht selten beim Besprechen seiner geliebten, riffbasierten Seelennahrung. Und wenn man eine der zentralen Herausforderungen eines jeden Künstlers auf scherzhafte Weise pointieren will, so ersetzt man all diese Phrasen durch ein resignierendes "wie man's macht, macht man's falsch". Denn in kaum einem (Kunst-)Bereich wird Wertekonservatismus so leidenschaftlich groß geschrieben wie im Metal und dort vorzugsweise in den extremen Bereichen. Aber damit nicht genug - nicht nur derjenige, der die Frevelhaftigkeit besitzt, das metallische Reinheitsgebot zu beschmutzen, wird am sinnbildlichen Pranger mit faulem Gemüse aus nicht biologischem Anbau bombardiert. Auch jener inspirationslose Faulpelz, der standfest sein persönliches Erfolgsrezept bis zum Erbrechen repetiert, bekommt in der Regel sein Fett weg. Es sei denn natürlich, er heißt zufällig AC/DC oder MOTÖRHEAD.

Von ungleichen Brüdern

Damit erzähle ich weder was Neues noch stelle ich einen Zusammenhang zur neuen Platte von CHAPEL OF DISEASE her... oder vielleicht doch? Wer die Kölner Metaller schon länger verfolgt, der wird vermutlich schon mit einem Grinsen im Gesicht erahnen, welcher Teil meiner ausschweifenden Einleitung sich auf das rheinische Quartett bezieht. Dem geneigten Hörer der Band wird ebenso noch im Gedächtnis sein, dass CHAPEL OF DISEASE zuweilen gerne mit den Eisenbergern DESERTED FEAR verglichen oder zumindest unfreiwillig zusammenkategorisiert wurden. Der Grund lag auf der Hand - beide Kapellen begannen als raubeinige Todesblei-Intonierer der alten Schule, wurden beide unter Flagge von FDA Rekotz sozialisiert und galten schnell als neue Hoffnung im deutschen Death Metal Sektor. Damit sollen die Gemeinsamkeiten auch schon enden, denn spätestens ab dem jeweils zweiten Langspieler beider Bands zeichneten sich sehr unterschiedliche Wege ab. Das Interessante dabei ist: eine der beiden Kapellen übt sich zumindest tendenziell im Konversatismus und in der Verfeinerung ihres charakteristischen Stils (und das mit Erfolg). Die zweite Kombo hingegen verschmäht jegliche Genre-Erwartungen und beschreitet damit einen völlig anderen Weg. Auch hier geben die Fachmedien der Band Recht. Womit mal wieder bewiesen ist, dass es nicht nur den einen Weg gibt und dass es eben doch nicht immer heißt: "wie man's macht, macht man's falsch".

Auch die finstere Tonkunst hat viele Gesichter

Damit wären wir denn endlich auch mal beim eigentlichen Thema, CHAPEL OF DISEASEs dritter Langrille mit dem sperrigen Namen "...And As We Have Seen The Storm, We Have Embraced The Eye". Mit ihrem dritten Werk haben die Kölner (Death) Metaller mit ihrem ursprünglichen Genre nur noch wenig gemein. Die Zeit der Vergleiche mit ASPHYX oder MORGOTH scheinen ein für alle Mal vorbei. Was sich bereits auf "Summoning Black Gods" ansatzweise erahnen ließ und mit "The Mysterious Ways Of Repetitive Art" konkretere Formen annahm, wird mit dem aktuellen Werk weitergeführt und auf die Spitze getrieben. War das Debut noch fest im Death Metal verwurzelt, so machten sich bereits beim Zweitwerk vermehrt genrefremde Einflüsse bemerkbar. Und auf dem nun vorliegenden Drittwerk braucht man für die Elchsuche schon eine Lupe der Dimension "Glasbaustein" bis "Mikroskop". Der reinrassige Death Metal ist nur noch in homöopathischer Dosierung vorhanden und einer Mischung aus extremen Klängen vom schwarzen Rand des metallischen Spektrums und feinstem 70er-Jahre-Rock gewichen. CHAPEL OF DISEASE präsentieren sozusagen ein Negativ ihres Debutalbums: ein Werk mit allen Trademarks der Band, bei dem die musikalischen Schwerpunkte spiegelverkehrt umarrangiert wurden.

Ein gewagter, wenn auch nicht völlig unerwarteter Vorstoß, der aber im Ergebnis vollkommen zu überzeugen weiß. Sechs neue und zumeist überlange Songs erstrahlen in einem prächtigen Soundgewand nahe der Perfektion - lebendige Gitarren und Drums, keine soundtechnischen Patzer, keine Überproduktion - hier stimmt einfach alles. Der Opener "Void Of Words" stimmt nach einem kurzen Intro ein und beruhigt den nach Extremen gierenden Hörer zunächst mit saftigen Blastbeats und Laurent Teubls blutrünstigem Organ. Ein Minimalkonsens in Sachen Traditionspflege muss ja schließlich sein. Es dauert aber nicht lange, bis CHAPEL OF DISEASE die genrespezifischen Erwartungen komplett in die Tonne treten und unbeschwert abrocken. Es folgen ausgedehnte Instrumentalpassagen, geschmeidige Soli, langsam-hypnotische Passagen und eine permanente Spannung - die Kölner haben eine Vision und sie wollen es wissen. Der kürzeste Song "1.000 Different Paths" bringt es bereits auf deftige sechs Minuten, die Epen "Null" und "The Sound Of Shallow Grey" knacken sogar die Neun-Minuten-Marke. Mit nur sechs Liedern bringt es das Album auf stolze 48 Minuten, wird aber trotz der ausufernden Kompositionen niemals langweilig. Egal, ob gerade eine der sparsam gestreuten Prügelpassagen gespielt wird (z. B. zum Anfang von "Void Of Words") oder ob lieber mal minutenlang die Solo-Saiten mit Liebkosungen verwöhnt werden (bspw. zum Ende von "Void Of Words"), der Hörer bleibt gebannt und am Ball. Meine persönlichen Hits sind der Opener, der fetzige "Song Of The Gods", und "The Sound Of Shallow Grey", das zum Abschluss noch einmal alle Stärken des Albums vereint.

Kontinuität in der Veränderung

CHAPEL OF DISEASE erweisen sich erneut als Freigeister und lassen den klassischen Death Metal hinter sich. Auf ihre eigene Art und Weise kreieren sie mit "...And As We Have Seen The Storm, We Have Embraced The Eye" etwas Neues, gehen aber in gewisser Weise auch den nächsten logischen Schritt nach "The Mysterious Ways Of Repetitive Art". Trotz einer steilen Entwicklungskurve und bedeutenden Veränderungen gegenüber der Anfänge zeigt sich eine nachvollziehbare Kontinuität. Der eingeschlagene Weg erscheint goldrichtig und liefert mit der aktuellen Platte ein Meisterwerk, das man noch in vielen Jahren gerne auflegen wird.

Hört hier den "Song Of The Gods"...

...oder gleich die ganze Platte:



Bewertung: 5.0 / 5.0
Autor: Lord Seriousface (24.02.2019)

WERBUNG: Hard
ANZEIGE
WERBUNG: CHILDREN OF BODOM - Hexed
ANZEIGE