GROOVENOM - Wir müssen reden

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VÖ: 29.03.2019
Bandinfo: GROOVENOM
Genre: Industrial Death Metal
Label: Out of Line
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Lineup  |  Trackliste

Eine toxikologische Studie romantozentrischer Gegenwartsdystopie

GROOVENOM luden zuletzt 2016 mit „Modern Death Pop“ zur gewaltigen Party-Eskalation – bunt, verspielt und eskapistisch. Eine Flucht aus der Realität in eine rebellisch-ironisch-trotzige Death-Trancecore-Mischung, die sich nicht mal vor ESKIMO CALLBOY verstecken musste. Nun kehren die Dresdener zurück: tiefer, schwerer und gereifter. Der pinke Rausch ist vorbei. Ablenkung und Verdrängung haben ihre Zeit gehabt, doch jetzt heißt es: „Wir müssen reden“!

GROOVENOM-Fans der vergangenen acht Jahre haben die kitschig-verrückte Ekstase mit der Band genossen: ein rasant-leidenschaftlicher Liebesakt im Schwarzlicht der Clubtoilette, ein frivol-amüsanter Betrug am Metal, ein wilder Urlaub vom Bewusstsein der Komplikationen dieser Welt. Aber dieser Lebenswandel hat Opfer gefordert. Elektro-Spezialist DJ Esus Christ ist in den Hintergrund getreten, Gitarrist Matt Steen hat die Band verlassen, Pink und Weiß wichen einem schmutzigen Schwarzgrau – vom abgedreht-bemalten Sextett bleiben vier ernste Gesichter.

Dem Verrat treu: die neuen GROOVENOM

Ein Messer in der Nacht,
Ein tiefer Stoß ins Mark.

Der Auftakt der neuen Platte thematisiert den Verrat an dem, was GROOVENOM waren. Die einstigen „Traitors To The Scene“ (auf dem Debütalbum „Pink Lion“) müssen erneut zugeben: „Wir verraten uns!“ Diesmal allerdings nicht mit überheblichem Stolz, sondern in Ehrfurcht: „Vergib mir, mein alter Freund!“ Die Band lässt ein Kapitel hinter sich und ein neues bricht an: „Der Hunger ist geblieben und trotzdem sind wir satt.“ Ob die alten Freunde, die den bisherigen Weg mit den Musikern gegangen sind, die neuen Schritte mitmachen, der Beziehung den Raum zur Entwicklung geben, wird sich zeigen. GROOVENOM jedenfalls gehen neue Wege. Aber was ist neu?

Hier kommt die Wende!“, brüllt Mr. Sanz und präsentiert die neuen GROOVENOM als „Medizin“. „Wir sind gekommen, um den Schmerz zu heilen!“ Sie präsentieren sich so größenwahnsinnig wie eh und je, aber mit einer neuen Ausrichtung. Wo bisher der Rausch, die Party und der Eskapismus die Mittel der Wahl waren, heißt es jetzt: „Wir reißen alle Mauern in dir ein!“ Nun gibt es Beschäftigung mit den Emotionen. Therapie statt Verdrängung! Die verspielte Jugend ist vorbei, jetzt heißt es, sich seinen Problemen zu stellen.

Auch musikalisch ist dieser Bruch, die Neuausrichtung deutlich zu spüren. Elektronisch bleibt es, aber der spaßige Feier-Trance der alten Tage weicht düsterem Industrial, Synthwave-Anleihen und EBM- bis NDH-Ausflügen. Der Wechsel von gegrowltem Deathcore und den GROOVENOM-typischen, ganz eigenen, unverkennbaren Clean-Vocals macht noch immer den Kern der Musik aus, aber die Partystimmung ist verblasst. Die Welt hat sich weitergedreht. Das grelle Neonlicht von gestern wirft heute lange Schatten in den Staub. Jetzt wird aufgearbeitet! Und zwar vollständig in deutscher Sprache.

Chroniken des gemeinsamen Unglücks

Diese Aufarbeitung erfolgt unter anderem in den mindestens cineastisch als Trilogie inszenierten Songs „Unter deiner Haut“, „Grau“ und „Du und Ich“. Darin werden zerstörerische Beziehungszustände porträtiert. Wahnhaftes Festhalten am gemeinsamen Unglück, das Fortstoßen des Geliebten. Von Sehnsucht zerfressene Freiheit, erstickende Fesseln der Abhängigkeit. Die Zerrissenheit zwischen dem Festhalten und Loslassen zwischenmenschlicher Beziehungen. „Um unter deiner Haut nicht zu erfrieren, muss ich erst alles verlieren.“ „Du bist, was ich will, doch nicht das, was ich brauch!“ „Wir saugen uns aus, wir nisten uns ein, wir hören nicht auf bis einer weint!“ Auf ein glückliches Ende kann ein solch toxischer Pfad natürlich nicht hinführen: „Wir haben gekämpft! Wir haben verloren! Wir haben geschworen: Lass uns gemeinsam untergehen, einander uns das Leben nehmen!“

„Du und Ich“ weist dabei ungeahnte musikalische Qualitäten auf: eine schwere und zugleich ästhetisch beeindruckende Rock-Melancholie im Gitarrenspiel von Tightuz. Einer der Höhepunkte unter den Neuerungen bei GROOVENOM.

Aber auch die weiteren Songs widmen sich dem Themenfeld der ungesunden Beziehungen. Häusliche Gewalt in „Faust“, erstickendes Klammern in „Lass mich los“, willenlose Selbstaufgabe in „Nimm mich“, Entfremdung in „Mein Herz ist frei“ und hoffnungslose Einsamkeit in „Nach Hause“. So gesehen ist „Wir müssen reden“ ein Konzeptalbum über den gemeinsamen Absturz, über die Selbstzerstörung, die wir auf uns nehmen, um Beziehungen zu erhalten, die uns verbrennen.

Liebe ist kein Selbstzweck

Das Finale des Schmerzes ist dann der abschließende Track Zwölf, der Titelsong „Wir müssen reden“. Die namensgebende Floskel, die längst zum Synonym von Trennung geworden ist, schenkt uns aber ebendiese Erleichterung nicht, die man sich nach der vorangegangenen Tortur nur wünschen kann. Vielmehr verweist er darauf, dass das Problem der Beziehung in der gemeinsamen Kommunikation liegt. Die erhoffte Erlösung bleibt aus, der Spannungsbogen wird nicht abgeschlossen. Doch gerade daraus wächst eine tiefe Emotionalität, eine schwere Sorge und vielleicht auch ein Erkennen: Habt den Mut, Beziehungen aufzugeben! Liebe, insbesondere wenn sie romantisch verklärt und übersteigert wird, ist kein Selbstzweck, sondern stets nur insofern wertvoll, wie sie das Glück ihrer Teilnehmer fördert! Befreit euch! Voneinander!

Fazit: „Vergib mir, mein alter Freund!“ – Nicht nötig!

Mit „Wir müssen reden“ haben GROOVENOM ihren alten Pfad verlassen, ohne GROOVENOM aufzugeben. Deutlich erkennbar sind die Wurzeln und der Weg der Band und dennoch ist die neue Platte ein großer Sprung in der Entwicklung. Ob man diesen Sprung mitmacht, ihn gutheißt, ihn lieben lernt, bleibt eine Frage des persönlichen Geschmacks. Für mich stellt das Vorgängeralbum „Modern Death Pop“ einen kaum zu überbietenden Höhepunkt des elektronischen Metalcore dar. Natürlich hätte ich gern mehr von dieser Musik gehört, aber ich sehe auch, dass eine Veränderung sein darf, oder sogar geradezu notwendig ist, wenn man ein Genre so tief ausgekostet hat. Unschwer zu erkennen, haben GROOVENOM eine Entwicklung gemacht, die sie erwachsener, tiefgründiger und ernsthafter dastehen lässt. Dazu ist ihnen zu gratulieren, denn diesen Schritt haben sie mit Bravour gemeistert: Sie haben sich neu erfunden, ohne sich aufzugeben! Stark!



Bewertung: 4.5 / 5.0
Autor: Jazz Styx (01.04.2019)

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