FOREVER - Forever

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VÖ: 19.04.2019
Bandinfo: FOREVER
Genre: AOR
Label: Evil Confrontation Records
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Lineup  |  Trackliste

Für Scheuklappen-Träger oder Die-Hard-Metal-Fans ist das erste Soloalbum von Jonas Wikstrand nichts. Dafür hat der Drummer von ENFORCER viel zu viele Elemente verwendet, die mit Metal so gar nichts zu tun haben und auch eine gewisse Aufgeschlossenheit erfordern. Aber: Das selbstbetitelte FOREVER-Album ist große AOR-und Melodic-Rock-Kunst!

Zunächst noch ein paar Hintergrund-Infos: Als Gast-Musiker hat der Schwede unter anderem mit seinen älteren Bruder Olof Wikstrand (Sänger und Gitarrist bei ENFORCER) und mit Johan Hjalmar Wikstrand seinen Cousin zu den Aufnahmen eingeladen. Die Songs geschrieben und eingespielt hat Jonas selbst, genauso wie er die Produktion übernommen hat. Die ersten Songs des Albums waren bereits in den vergangenen drei Jahren online, bevor vermutlich wegen des ergatterten Plattenvertrags sie wieder offline genommen wurden.

Wie kann man die Musik auf „Forever“ am besten umschreiben? Vielleicht so: GHOST trifft ASIA, ABBA, JOURNEY, TOTO und THIN LIZZY. Oder so: Tanzbarer Stadionrock mit 70er-Jahre-Disco-Einschlag, großartigen Hooks und coolen Hard-Glam-Rock-Elementen aus den 80ern. Viele Songs hätten auch in den ganzen Action-Filmen mit Sylvester Stallone (was ausdrücklich als Lob gemeint ist!) der 80er und 90er-Jahre vorkommen können.

Einige werden vielleicht rummäkeln: Jonas Wikstrand ist offenkundig kein top ausgebildeter Sänger. Aber ganz ehrlich: Das trifft auf dermaßen viele trotzdem gute Hartwurst-Bands zu, also scheiß drauf. Denn viel wichtiger als Technik ist doch, ob der Herr mit seinem Gesang etwas für den jeweiligen Song tut, ein Gefühl vermittelt und den Hörer mitnehmen kann. Und das klappt von Beginn an. „Anywhere You’ve Gone“ macht gleich klar, wo es musikalisch hingeht (siehe oben), hat klasse Bombast-Chöre, einen catchy Refrain und macht direkt gute Laune, das Tanzbein darf das erste Mal schwingen. Weiter geht es mit „Call Out My Name“, bei dem AOR-Fans oder auch Anhänger des Films „Footloose“ vor Begeisterung auf die Knie gehen werden. Bittersüßer Gesang, der wunderbar zu dem Disco-Drum-Beat passt und immer wieder etwas mehr Biss reinlegt sowie eine Melodie, die von Beginn an mitreißt – sofern man denn auf solcher Art Musik steht natürlich. Dazu noch weibliche Backing-Vocals und ein kurzes cheesiges Gitarrensolo, das den coolen 80er-Drive verstärkt. Ha! Und noch Soundeffekte, die direkt vom Soundtrack vom Film „Over The Top“ zu stammen scheinen. Hier passt wirklich alles. Und trotz der Reminiszenzen an frühere Großtaten anderer AOR-Musiker klingt FOREVER keineswegs altbacken oder abgekupfert.

Und weiter geht die Sause: „Got Me“ wartet mit coolem DEEP-PURPLE-Sound auf, der insbesondere durch die Hammond-Orgel zustande kommt. Und wieder ein tanzbarer Rhythmus und ohrwurmiger Refrain. Das Solo von Jonas' Cousin ist zudem echt töfte. Bei „Train“ winken THIN LIZZY lässig um die Ecke. Das ist einfach entspannt, fröhlich, leicht. Schwer, diese Hommage nicht gut zu finden. „Rosebud“ stellt Piano-Geklimper neben einen funky Bass – und die 70er-80er-Jahre-Discokugel dreht sich freudig. Das ist nicht ganz so catchy wie zuvor, aber dennoch gut. „Runaway Through Time“ zieht das Niveau wieder etwas weiter nach oben. Der Song transportiert eine etwas andere Stimmung als die locker-flockigen, fröhlichen Nummern zuvor. Backing-Chöre und Streicher kommen zum Einsatz. Insgesamt eine tolle Überleitung zu dem nächsten Track („Hell To Pay“), der wehmütig anfängt und sehr melancholisch ist, sowohl musikalisch als auch textlich („(...)so much pain, I felt pain!“). Dann zieht das Tempo etwas an und man hat das Gefühl, Wikstrand breitet vor einem sein Leid aus. Dazu gibt er mehr Zunder in seine Stimme, was die Emotionalität unterstreicht. Irgendwann gibt’s noch ein 70er-Jahre-Syntheziser-Solo. Gute Nummer.

Das ist auch „Mayday“, wo es mit einer wunderbaren THIN-LIZZY-artigen Gitarrenmelodie losgeht. Winkstrand passt erneut seine Stimme der wieder etwas anderen Grundstimmung an: Der Track ist etwas epischer gehalten, hat vor allem durch die Backingvocals aber auch einen starken Pop-Charakter, ohne dadurch zu weichgespült zu sein. Kann man sich immer wieder anhören. Tatsächlich hat sich der Verfasser dieser Zeilen das Album nun rund ein Dutzend Mal komplett angehört und noch null Komma null Abnutzungserscheinungen.

Die beiden Abschlussnummern „Blame Me For Trying“ (ein Feelgood-Rock'n'Roller) und „Hope“ (gitarrenlastigster Song des Albums mit mehrschichtigem Aufbau, der etwas an MEAT LOAF erinnert) machen gar nix falsch und somit steht am Ende ein Album ohne einen einzigen Ausfall da. Das kam unerwartet. Denn erstens gibt’s das heutzutage so gut wie gar nicht mehr und zweitens erst recht nicht im Genre Melodic Rock – irgendeine Melodie oder Refrain funktioniert sonst immer nicht so richtig. Bei FOREVER ist das anders. Hier passt alles, bis ins letzte Detail (und davon gibt’s einiges). Dass hier nicht die Höchstnote gezückt wird, liegt allein daran, dass der Rezensent die nur für Meisterwerke zückt; und dafür fehlt diesem Album dann doch ein kleines Irgendwas. Dennoch sehr, sehr stark!



Bewertung: 4.5 / 5.0
Autor: Tobias (30.04.2019)

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