POSSESSED - Revelations Of Oblivion

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VÖ: 10.05.2019
Bandinfo: POSSESSED
Genre: Death / Thrash Metal
Label: Nuclear Blast Records
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Lineup  |  Trackliste

Die Szenepolizei steht Kopf und ist alarmiert: Was fällt POSSESSED - Jeff Beccera im Speziellen - bloß ein, 33 Jahre nach "Beyond The Gates" ein neues Album in Nicht-Urbesetzung veröffentlichen zu wollen und das dann auch noch von Peter Tägtgren produzieren zu lassen? Es gäbe einen möglichen Anhaltspunkt dafür: Sie hatten nach einigen Gigs in der neuen Besetzung einfach Bock drauf? Und Daniel Gonzalez (Gitarre), der ja bereits mit GRUESOME und ihrem DEATH-Worship unter Beweis gestellt hat, dass er längst totgeglaubte instrumentale Charakterzüge reanimieren und nachempfinden kann, sollte nicht die schlechteste Wahl für das Wiederaufleben alter Zeiten sein, oder? Wenn man es aus der entgegengesetzten Perspektive betrachtet, darf man sich allerdings auch berechtigterweise fragen, ob sich POSSESSED dadurch in eine Art Tribute-Band verwandeln und ihre eigenen Meriten als Urväter des Death Metal ruinieren.

Ich will mich mal so kurz wie möglich fassen: POSSESSED klingen auf "Revelations Of Oblivion", so der Titel ihres erst dritten Albums, längst nicht so schlimm, wie man es von anderen Re-Unions gewohnt ist und zerstören sich damit auch keineswegs ihr eigenes Vermächtnis - wenngleich es relativ eintönig und damit tendenziell eine gute Viertelstunde zu lang geraten ist. Dennoch: Nach dem stimmig-düsteren, teils orchestral unterbauten Glockenläuten des Intros "Chants Of Oblivion" sowie dem eröffnenden Doppel "No More Room In Hell" und "Dominion", die sich in höchster Schlagzahl duellieren, werden zunächst viele verblüfft darüber sein, dass sich der Sound für 2019-Verhältnisse tatsächlich relativ "oldschool" gehabt, Beccera immer noch relativ possessed über den Altar bellt ("Abandoned") und die Gitarren überwiegend furios in das Gemäuer schneiden. Dieser Überraschungseffekt hält sich im Anschluss zwar nicht ewig, doch dafür feuert vor allem das Gitarrenduo Gonzalez / Creamer oftmals aus allen Zylindern und trägt das Album mittels zwingender Riffsalven, durchdachter Tempowechsel und teils irrwitziger Solo-Duelle ("Demon", "Shadowcult", "The Word" und "Graven" z.B.) größtenteils quasi von alleine. Das Feeling stimmt also durchaus.

Kleinere Probleme bleiben aber trotzdem: Während ich in diesem Jahr schon einige Werke aus anderen Genres (allerdings eben nicht von Legenden, sondern kleineren Liebhaber-Projekten) erlebt habe, die auf sympathischste Art und Weise in Nostalgie schwelgten und dabei komplett aus der Zeit gefallen schienen, klingen POSSESSED stellenweise so, als wären sie zwischen zwei Welten - also den Mitt-80ern und der Neuzeit - eingekesselt worden, wobei sie den „Macht doch mal wieder ein Album (wie früher)“-Fluch dennoch erfolgreich zu entzaubern wissen; letzteres möglicherweise auch deshalb, weil sie über einen Jahrzehnte andauernden Zeitraum wenig bis nichts von sich haben hören lassen und letztlich auch die richtigen Personalentscheidungen getroffen haben. Manchmal jedoch erscheint mir das, mit dem hochklassigen Zbigniew Bielak-Artwork, das den LP-Kauf erzwingt und alles andere strikt untersagt, zusammengenommen, eine Spur zu langatmig und daher etwas übermotiviert, zu gefällig, zu nett gemeint, um noch höhere Wertungsregionen erobern zu können - der Grat zwischen charismatischer Nostalgie und zeitgenössischen Mechanismen kann eben ein sehr schmaler sein. Von einem Totalausfall sind POSSESSED allerdings auch Äonen entfernt - und das ist eigentlich sogar der erstaunlichste Aspekt dieser unter dem Strich gelungenen Rückkehr.



Bewertung: 3.5 / 5.0
Autor: Pascal Staub (08.05.2019)

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