APPICE, CARMINE - Rockers + V8

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VÖ: 05.04.2019
Bandinfo: APPICE, CARMINE
Genre: Hard Rock
Label: Metalville
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Lineup  |  Trackliste  |  Credits

Früher Rock 'n' Roll, Beat-Musik und Rythm and Blues wurden am Schlagzeug ziemlich unaufgeregt begleitet. Die Einen strichen mit bübischem Charme über Felle und Becken (Ringo Starr, THE BEATLES), Andere gingen es eher knorrig aber beherzt im Uffta-Uffta-Rythmus an (Charlie Watts, THE ROLLING STONES).

Die Weiterentwicklung in Richtung Kraft, technischer Finesse und donnerndem Sound übernahmen schließlich Mitch Mitchell (JIMI HENDRIX), Ginger Baker (CREAM) oder eben Carmine Appice (damals u.a. VANILLA FUDGE). Alle drei gelten als absolute Pioniere, als es darum ging, die technische Versiertheit und das hohe Energielevel von Jazz-Drumming mit hartem Rock zu verzahnen. Wie ihre großen Vorbilder Gene Krupa und Buddy Rich zeigten sie auf, wie man die Arbeit hinter dem Drum-Kit zum Spektakel werden lässt.

Besagter Carmin Appice also (nicht zu verwechseln mit seinem elf Jahre jüngeren Bruderherz Vinnie, u.a. BLACK SABBATH, DIO) blickt nunmehr auf eine über 50-jährige Karriere als stilistischer Wegbereiter, Lehrbuch-Autor und nicht zuletzt höchst begehrte "hired gun" (Studio- und Sessionmusiker) für Stars wie ROD STEWARD, OZZY OSBOURNE, PAUL STANLEY, TED NUGENT, JEFF BECK, u.v.m. zurück. Nebenbei sei noch erwähnt, dass er als Vorbild und Inspiration für eine Unzahl an legendären Schlagzeugern gilt. Zu seinen Fans zählten bzw. zählen John Bonham (LED ZEPPELIN), Ian Paice (DEEP PURPLE), Neil Peart (RUSH), Nicko McBrain (IRON MAIDEN), Roger Taylor (QUEEN), Phil Collins (GENESIS), Tommy Lee (MÖTLEY CRÜE) oder auch Dave Lombardo (SLAYER).

So weit zum geschichtsträchtigen Background dieses Re-Releases. Die erste Disc dieser Doppel-CD Neuauflage wurde mit "V8" betitelt, und die Entstehung der Aufnahmen datiert im Jahre 1977. Tatort dürfte die nordamerikanische Westküste gewesen sein. Jedenfalls klingt der explosive Funk-Hardrock sehr nach der kalifornischen Dreifaltigkeit der 1970er: Porno, Koks und Bacardi-Cola. Carmine als Leadsänger/Schlagzeuger (!) in Personalunion und ein paar gute Bekannte - es liegen keine Credits vor, dürfte sich aber um Kollegen aus den Tagen mit VANILLA FUDGE, CACTUS und diversen Studio-/Session-Jobs handeln - konservierten eine Liedersammlung auf Tonband, die durch eine druckvoll-fiebrige Atmosphäre besticht. Der kompakte, catchy Opener "Woman" gibt nur bedingt die Marschrichtung vor. Teilweise verliert sich die Mannschaft auch mal in weniger fokusierten (Instrumental-) Jams. "Song For Lovers"  oder "Rimshot" würden aber immer noch als äußerst hochwertige Hintergrundbeschallung für einen zeitgenössischen Schmuddelfilm durchgehen. Schlüpfrig wird es auch beim Groover "Neptune". Das instrumentale "Close Encounters" macht die ganze Klasse der beteiligten Cracks offensichtlich. Extrem knackige Rythmik und schwerer Rock-Pathos feiern hier eine Hochzeit. Ende der 70er war es vielleicht noch keine so abgedroschene Idee "Paint It Black" zu covern. Zumal es sich hier um eine Instrumentalversion handelt. Der ROLLING STONES-Hit wurde zudem dezent psychedelisch arrangiert - eine liebenswürdige Reminiszenz an Appice's Wurzeln in den 60ies. Das knackig-eingängige "Lady" bildet einen fulminanten Abschluss.

Die 13 auf "V8" enthaltenen Songs verschwanden nach der Entstehung jedoch erst mal im Archiv von Produzent und/oder Plattenfirma. Es ist halt oft so mit diversen Projekten, die nie oder lange nach den Aufnahmen das Licht der Musikwelt erblicken: Entweder man testete lediglich Produktionstechniken, es ging um reine Vertragserfüllung, Demos oder auch einen Abschreibposten für das Management. Erfreulicherweise sind die hochklassig produzierten Songs jetzt (eine Re-Issue als Einzelscheibe dürfte es bereits 2008 gegeben haben) wieder problemlos erhältlich.

Ganz anders verhält es sich mit "Rockers", dem Album auf CD Nummer zwei. Hier wollten es Carmine und Co. wirklich wissen. Kein Wunder, wurde er doch von Platten-Tycoon Spencer Proffer für dessen neu gegründete Produktionsfirma "Pasha Records" (u.a. QUIET RIOT, CHEAP TRICK, HEART, EDDIE MONEY, BEACH BOYS, W.A.S.P.) gesigned. Die Zeichen standen auf Durchbruch, und auch wenn "Rockers" doch kein Mega-Seller wurde: Dauerhaften Eindruck im kollektiven Classic Rock-Bewusstsein hat es hinterlassen. Mit Richard Podolor (bekannt für Kraftfutter aus dem Hause IRON BUTTERFLY, ALICE COOPER, STEPPENWOLF und BLACK OAK ARKANSAS) als Aufnahmeleiter entstanden eingängige Rocksongs, die sich heute als Kinder ihrer Zeit zu erkennen geben. Eröffnet wird das zehn Tracks umfassende Album noch von "Have You Heard", einer treibende Soul/Funk-Nummer mit unwiderstehlicher Hookline. Man meint, die Band macht dort weiter wo sie auf "V8" soeben aufgehört hat. Doch mit "Keep On Rolling" und "Blue Café" folgt prompt eine neue Befehlsausgabe: Knackiger, extrem zugänglicher Rock Marke POLICE (Stil-Elemente des New Wave und Reggea lassen grüßen), gepaart mit reichlich California Sunshine. Dazwischen tummelt sich abermals "Paint It Black" als Instrumental, diesmal aber in höherer Tonart, und mit Drum- statt Gitarrensolo. Nomen est omen steht auch bei "Drum City Rocker" und "Drums, Drums, Drums" klar das Können vom Chef im Fokus. "Be My Baby" ist eine ziemlich coole Coverversion des THE RONETTES-Hits, erfreulicherweise ohne die anstrengenden Sound-Schrullen eines Phil Spector. Mit "Am I Losing You" folgt eine Eigenkomposition mit Hit-Qualitäten. THE BEATLES-Melodien (Appice's Gesang erinnert hier latent an den seligen John Lennon) und Heavy Rock-Pomp animieren zum schweißtreibenden Luftschlagzeugspiel.

Komplettisten, welche die bekannten Karrierestationen der Drummer-Legende sowieso anbeten, werden ohnehin zugreifen. Allen weiteren Freunden und Fans klassischer Rockklänge sei dieses Double Feature ebenso wärmstens empfohlen. Wer sich ernsthaft mit Hardrock auseinandersetzt kommt nicht umhin, Carmine Appice's Oeuvre eingänig zu studieren.

 



Bewertung: 4.0 / 5.0
Autor: Sandy (19.05.2019)

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