FLESHGOD APOCALYPSE - Veleno

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VÖ: 24.05.2019
Bandinfo: Fleshgod Apocalypse
Genre: Symphonic Extreme Metal
Label: Nuclear Blast Records
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Lineup  |  Trackliste  |  Credits

Endlich lüftet sich das Geheimnis, was die ursprünglichen Beweggründe der Italiener FLESHGOD APOCALYPSE gewesen sein müssen, als sie auf "Agony" begannen, ihrem brutal-technischen Death Metal orchestrale Arrangements in Überflüss hinzuzufügen: Um irgendwann dort anzukommen, wo sie bereits 2016 mit "King" teilweise angekommen schienen und insbesondere mit dem am 24. Mai 2019 erscheinenden "Veleno" endültig angekommen sein werden - in Schlagdistanz zu SEPTICFLESH und EX DEO, die zuletzt mit "The Immortal Wars" ebenfalls einen großen Schritt gemacht haben. Während man zuvor auch auf "Labyrinth" noch von einem manchmal gar unerträglichen Soundoverkill malträtiert wurde, hat man anscheinend endlich gelernt, dass ein guter Song eher selten dadurch entsteht, dass man mit möglichst vielen, schwer auseinanderzuhaltenden Layern auf die Gehörgänge eindrischt, sondern mit durchdachten Strukturen und dem richtigen Maß, der richtigen Dosierung aller Einzelteile.

In dieser Hinsicht entpuppt sich "Veleno" rasch als Wohltat, denn die Zeiten der Brickwalling-Exzesse, die nicht nur, wie sonst üblich, durch semi-optimale Abmischungen und Masterings zustande kamen, scheinen bereits nach dem ersten, von positiver Überraschung begleiteten Durchlauf endültig passé. Dass sich das so schnell aufgliedert, liegt primär daran, dass FLESHGOD APOCALYPSE spür- und hörbare Fortschritte in ihrem Songwriting gemacht haben und man diesem mittlerweile erstaunlich viel Spielraum für spannende Kompositionen zuteilen, was wiederum mehrere Dimensionen öffnet, die vorher undenkbar erschienen. Plötzlich bahnen sich Dramaturgie und Theatralik ihren Weg in den Sound des Fleischgottes, plötzlich kann man die Songs von einander unterscheiden und erkennt gleichzeitig ein Konzept. Und das macht "Veleno" auf nahezu allerhöchstem Niveau.

Dieses Mal auf ein Intro verzichtend, legt das zum Trio geschrumpfte (oder gar gesundgeschrumpfte?) Ensemble in "Fury" treffenderweise furios los, doch anstatt es direkt wieder mit orchestralen Schlammlawinen zu fluten, amplifiziert man die Wucht des Openers mit vereinzelt gestreuten Chören, Streichern und Pianoklängen - symptomatisch auch für das großartige "Pissing On The Score" und die gelungene Single "Sugar". Abseits vom gewohnten Areal ("Absinthe" und "Monnalisa"), auf dem sich FLESHGOD APOCALYPSE in der Vergangenheit fast ausschließlich bewegten, hat "Veleno" ebenfalls noch viel mehr zu bieten: Dezente Folk-Akzente ("Carnivorous Lamb"), getragenere Musical-Passagen ("The Day We'll Be Gone") und sogar gelegentliche Melodeath-Einschübe ("Worship And Forget") sowie diverse neoklassische Gitarrenharmonien stehen ganz im Zeichen des Abwechslungsreichtums und fügen sich zum bisher - für mich persönlich - spannendsten Werk der Italiener zusammen und kulminieren im fast achtminütigen "Embrace The Oblivion", das nahezu alle angesprochenen Elemente makellos in sich vereint und mit dem ruhigen Titeltrack-Outro ein aus dramaturgischer Sicht fantastisches Ende platziert.

Vorbei sind die Zeiten der überladenen, manchmal gar willkürlich zusammengebastelt wirkenden Effekthascherei, gestartet hingegen die Ära der Songdienlichkeit, die FLESHGOD APOCALYPSE den endgültigen Durchbruch garantieren könnte. Denn, bei aller Kritik an früheren Veröffentlichungen: einen autarken Stil und eine loyale Anhängerschaft hatten Francesco Paoli und seine kongenialen Partner schon immer. Nur stand man sich mit der latenten Überfrachtung künstlerisch gerne auch mal selbst im Weg. "Veleno" zeigt nun aber mit seinen wahnsinnig detailverliebten und durchdacht arrangierten Songs, welch hohes Potenzial in dieser Band geschlummert hat, nein, es ist die punktgenaue Verwirklichung einer Vision, die lange auf sich warten liess, dafür aber umso schöner klingt. Selbstverständlich knüppeln FLESHGOD APOCALYPSE immer noch. Selbstverständlich hat Francesco Ferrini immer noch seine erstaunlichen und großen Momente als digitaler Orchestrierer und Pianist. Aber dieses Mal, und das ist meine eigentliche Botschaft, wurde alles sorgsam in eine Form gegossen, anstatt die Hälfte neben ebendiese zu schütten und vom Hörer aufwischen zu lassen. "Veleno" ist immer noch ein forderndes Spektakel, nur eben auf angenehme, in Genuss aufgehende Weise.



Bewertung: 4.5 / 5.0
Autor: Pascal Staub (23.05.2019)

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