ABBATH - Outstrider

Artikel-Bild
VÖ: 05.07.2019
Bandinfo: ABBATH
Genre: Black Metal
Label: Season of Mist
Hören & Kaufen: Amazon
Lineup  |  Trackliste  |  Credits

Mit seiner langjährigen Band IMMORTAL schrieb Olve Eikemo alias Abbath Geschichte im norwegischen Black Metal. Er wurde zu einer der prominentesten Personalien der Szene und, vielleicht auch wegen seiner "speziellen" Art der Selbstdarstellung, zum Protagonisten unzähliger Black-Metal-Spaßbilder. Die Nachricht, dass der Alpha-Panda und seine Band künftig getrennte Wege gehen sollten, schlug hohe Wellen und schürte Verlassensängste unter den Fans und auch bei mir. Untrennbar erschien die Allianz zwischen Abbath und IMMORTAL bzw. seinem Weggefährten Harald "Demonaz" Nævdal, der trotz seines langjährigen Handicaps niemals die Band verlassen hatte und letztlich ihre Geschicke übernahm. Nach einer kurzen Schlammschlacht um den Bandnamen gingen die beiden frostigen Brüder, die sich echten Geschwistern gleich den fiktiven "Familiennamen" "Doom Occulta" zulegten, ihre eigenen Wege. Und während aus IMMORTAL eben IMMORTAL ohne Abbath wurde, durfte sich der ehemalige Frontmann endlose Vergleiche mit seiner alten Band gefallen lassen und dem Druck standhalten, aus ihrem übermächtigen Schatten hervorzutreten.

Quo vadis, ABBATH?

Vor diesem Hintergrund könnte auch die Vorgeschichte des zweiten ABBATH-Albums Wasser auf die Mühlen der Zyniker gegeben haben. Denn auf dem Weg zu "Outstrider" gingen zunächst sämtliche Musiker, die Abbath auf seinem selbstbetitelten Debut begleiteten, von Bord. Zudem behaupten böse Zungen, dass die Songs des Erstwerks eigentlich für IMMORTAL geplant waren und von deren abtrünnigen Sänger gemopst wurden (ehrlich gesagt kann ich mir "Abbath" bis heute nur schwer als IMMORTAL-Album vorstellen, aber das ist eine andere Geschichte). Hat der Altmeister also nun ein ernstes Problem? Mitnichten, denn wie es so schön heißt, kann jedes Ende auch ein Anfang sein. Aus der Not eine Tugend machend heuerte der Krabbengänger einfach neue Musiker an und tat das einzig Logische und Richtige: die Flucht nach vorne! Mit "Outstrider" zieht der Musiker Abbath sein eigenes Ding durch, hebt sich weiter von IMMORTAL ab und bringt die Band ABBATH einen großen Schritt weiter nach vorne. Wer unseren monochromen Freund bereits auf dem absteigenden Ast sah, den straft sein zweites Eisen Lügen - soviel steht fest.

Panda-Flucht nach vorne!

Warum ist "Outstrider" so gut geworden? Nun, einen ersten und offensichtlichen Beitrag leistet der verbesserte Sound der Platte. Die Gitarren klingen dreckiger und einschneidender, die Drums explosiver und lebendiger. Im Gesamtbild wirkt die Scheibe klar, differenziert und scharf wie ein Rasiermesser. Damit sind die ersten Pluspunkte schon einmal sicher.

Kompositorisch befreit sich Abbath von allen Zwängen und lässt seinen Urinstinkten freien Lauf. Lange klang er nicht mehr so nach Rock’n’Roll und Heavy Metal wie auf „Outstrider“. Die vorab veröffentlichten Songs "Calm In Ire (Of Hurricane)", "Harvest Pyre" und "Outstrider" folgen dabei einem gemeinsamen Schema und wirken insgesamt noch am vertrautesten. Sie verbinden die typisch-eisigen Abbath-Riffs mit eingängigen Melodien und den bereits erwähnten stärkeren Einflüssen aus dem Rock’n’Roll und Heavy Metal. Ganz neu ist diese Herangehensweise nicht, denn mit den besagten Liedern schlägt der Fronter erneut (und deutlicher) die Brücke zu seinem älteren Projekt I, das 2006 mit „Between Two Worlds“ ein tolles Stück Musik geschaffen hat. Diesem Naturell folgt er nun weiter und trifft damit ins Schwarze - wie der lässige Opener "Calm In Ire (Of Hurricane)" und der starke Titeltrack beweisen.

Wer jetzt allerdings erwartet, dass der Rest des Albums dieser Linie folgt, hat weit gefehlt, denn tatsächlich glänzt "Outstrider" mit einer Vielfalt, die über eine Neuauflage von „Between Two Worlds“ hinausgeht. So bietet die Scheibe eine Reihe von Songs, die allesamt direkter und schroffer zu Werke gehen als die ersten drei Auskopplungen und sich von dem Gebotenen abheben. Gleich nach den ersten Takten von "Bridge Of Spasms" stellt man sich die Frage, ob man noch dasselbe Album hört. Diese Nummer, "The Artifex" oder "Scythewinder" kommen überwiegend ohne das erwähnte Riffing aus. Sie bauen damit weniger auf die typischen Klanglandschaften, die spätestens seit "At The Heart Of Winter" zum Aushängeschild IMMORTALs wurden. Stattdessen versprühen sie einen aggressiven Straßenköter-Spirit und bilden die ABBATHsche Interpretation von Black'n'Roll. Das sehr gestaltflexible "Land Of Khem" verbindet beide "Liedarten" miteinander.

Zu guter Letzt entpuppt sich die neue Besetzung als Glücksgriff. Besonders der neue Leadgitarrist Ole André Farstad setzt durch den Einsatz von Akustikgitarren und Zither neue Impulse. Auch die virtuosen Soli, wie sie in "The Artifex" oder "Scythewinder" zu hören sind, stehen ABBATH sehr gut zu Gesicht und bringen zusätzliches Salz in die Suppe.

Zum Abschied folgt mit dem BATHORY-Cover "Pace Till Death" die obligatorische Heldenverehrung (beim Vorgänger wurde neben IMMORTALs "Nebular Raven's Winter" auch JUDAS PRIESTs "Riding On The Wind" zum Besten gegeben). Ob die Wahl des geehrten Künstlers ein kleiner Seitenhieb in Richtung des von Quorthon beeinflussten Demonaz sein sollte, weiß vermutlich nur der Chef selbst.

Zwei Seiten derselben Medaille

Damit komme ich wieder auf den Ursprung zurück: vielleicht werden Abbath und Demonaz immer zwei Seiten derselben Medaille bleiben. Womöglich wird der gemeinsame Ursprung ihrer Bands bis zum bitteren Ende offenkundig bleiben. Aber so besorgt ich nach dem Rosenkrieg in Blashyrkh war, so zuversichtlich bin ich heute nach dem Genuss der jüngsten Alben aus dem Bergener Dunstkreis. Mit „Northern Chaos Gods“ auf der einen und „Outstrider“ auf der anderen Seite gehen die beiden IMMORTAL-Gründer eigene Wege und destillieren ihre musikalische DNA klarer heraus, als sie es unter gemeinsamer Flagge vermutlich jemals gekonnt hätten. Was die Zukunft bringt, bleibt ungewiss. Fest steht aber, dass es im Hier und Jetzt für beide Seiten kaum besser laufen könnte.

Mit „Outstrider“ entladen die neu formierten ABBATH einen Samenstau der Musikalität und gewinnen weiter an Größe und Charakter. Für den gleichnamigen Bandgründer bietet sich damit ein PS-starkes Vehikel für die kreative Entfaltung und natürlich seine prägnante Stimme. Den Einfluss seines Lebenswerks IMMORTAL verleugnet der Fronter nicht. Er grenzt sich aber deutlich genug von seiner Vergangenheit ab, um garnicht erst in die Verlegenheit eines Nudelcontests mit Demonaz zu kommen. War dies ein nachvollziehbarer und cleverer Schachzug oder vielleicht doch der verstärkte Einfluss der neu formierten Band? Sei es, wie es ist, das Ergebnis ist auf alle Fälle eine Bank. Wird es dazu beitragen, die ewigen Vergleiche zwischen Gegenwart und Vergangenheit zu beenden? Ich weiß es nicht, aber vielleicht sollten wir allmählich anfangen, damit aufzuhören.



Bewertung: 4.5 / 5.0
Autor: Lord Seriousface (02.07.2019)

WERBUNG: Hard
ANZEIGE
WERBUNG: AS I LAY DYING - Shaped By Fire
ANZEIGE