SORCERY - Necessary Excess Of Violence

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VÖ: 20.08.2019
Bandinfo: SORCERY
Genre: Death Metal
Label: XTREEM Music
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Lineup  |  Trackliste  |  Credits

Könnten Gewaltexzesse unter moralisch-ethischen Gesichtspunkten womöglich als sittsam bewertet werden? Eine fast rhetorische Frage, denn Gewalt - ganz gleich ob auf physischer, verbaler oder gar nonverbaler Ebene ausgeübt - ist vom Grundsatz her etwas Verabscheuenswürdiges und prinzipiell zu vermeiden. Selbst in den mehr oder minder ehrenwerten Fällen von Notwehr und Nothilfe setzen die meisten Rechtssysteme der Welt sehr enge Grenzen für ihren Einsatz. Kann nach diesem einfachen, semiphilosophischen Grundsatz also überhaupt von einem tugendhaften Gewalteinsatz gesprochen werden - oder darüber hinaus sogar von einem notwendigen Gewaltexzess?

Der Exzess als normative Grenzüberschreitung bedeutet per se das Transzendieren eines als normal empfundenen Ausmaßes. Der notwendige Gewaltexzess wäre demnach eine durch kausale Erfordernisse legitimierte Übersteigerung eines ethisch verwerflichen Handelns. Wenn die Gewaltausübung sich nun beispielsweise auf Musikinstrumente beschränken würde, die nach einschlägiger Auffassung von Biologen und einem Großteil der Philosophen keine Gefühle empfinden, wäre die Stigmatisierung der Gewalt als "unredlicher Frevel" entkräftet? Wenn sie vielleicht sogar noch einem therapeutischen und gesellschaftsstiftendem Zweck dienen würde und Menschen unterschiedlichster Herkunft und Kultur unter einem gemeinsamen Banner vereinen könnte - wäre das dann keine erstrebenswerte Unternehmung? Und wenn dieses gemeinsame Banner nun zufällig mit schwedischem Death Metal gleichgesetzt werden könnte - einer Musikart, die erwiesenermaßen bekennende Exzentriker um sich versammelt und die sonderbarsten unter ihnen sogar zum Schreiben animiert? Wenn wir dieser verketteten Überlegung noch das halbwissenschaftliche Postulat hinzuaddieren, dass die von seelischer Gewalt und Grausamkeit zeugenden Klänge des "Schwedentodes" paradoxerweise positive Emotionen wecken (sofern man dies in Anbetracht der bereits angesprochenen Zielgruppe gelten lassen darf) und eine positive Korrelation zwischen dem Grad der Gewalttätigkeit und des Vermögens zur Vermittlung von Glückseligkeit unterstellt, dann dürfte die Existenz eines notwendigen Gewaltexzesses schlussendlich nachgewiesen sein. [Anm. d. Red.: Absatz des Jahres, Herr Kollege.]

Das gesellschaftsstiftende Moment des schwedischen Death Metal geht indes so weit, dass es eine der ältesten Bands des Genres, SORCERY, nach Jahren der Abstinenz aus den Untiefen des Elchjenseits zurückgezaubert und mit einer nie zuvor dagewesenen Schaffensfreude gesegnet hat. So kredenzt das gewaltaffine Quintett dieser Tage bereits den dritten Langläufer seit seiner 2009 erfolgten Wiedergeburt, die vorrangig von Demos und einem einzigen, sagenumwobenen Studioalbum namens "Bloodchilling Tales" vordatiert wird. Dass dieser neue Output auf den schmucken Namen "Necessary Excess Of Violence" hören muss, versteht sich von selbst.

Die Reinkarnation einer Genreikone in allen Ehren - aber gibt es das besagte Elchgulasch nach Hausmannsart nicht wie Sand am Meer? Im Prinzip schon, doch machen SORCERY vielleicht etwas anders als ihre Mitstreiter? Auch hier lautet die Antwort ganz klar "jein", denn die Herren um Fronter Ola Malmström sind ebenso traditionell unterwegs wie sie in ihrem Metier erfahren sind. Als herausstechend kann man beispielsweise den Sound bezeichnen, der interessanterweise mindestens so oldschool klingt wie der des Band-Debuts von 1991 - eigentlich sogar mehr. Denn während Genrekollegen wie PAGANIZER oder CARNATION bspw. die Hütte mit einem übernatürlichen Rammbock vom Format "Mähdrescher" plätten, nagen SORCERY mit handelsüblichem Gerät an den Grundfesten und führen das Bauwerk letztendlich genauso effektiv seiner erdnahen Bettung zu. Der Sound von "Necessary Excess Of Violence" kommt ohne modernen Hokuspokus aus und erfreut durch ein hohes Maß an Dynamik. Dazu klingt die Platte sehr nach Liveaufnahme und wird dadurch äußerst lebendig - weil es eben auch mal rumpeln darf und nicht immer wie ein Schweizer Uhrwerk tackern muss.

Das Liedgut liefert indes eine gute Dreiviertelstunde Wildragout vom Feinsten, bei dem es schwer fällt, einzelne Songs hervorzuheben. Der Opener "The Stellar Circle" tut genau das, was man von einem Schwedendeath-Song erwartet, brilliert dazu aber mit einem sehr griffigen Riffing und gelungenen Tempowechseln. "Of Blood And Ash" walzt bedrohlich durch die Lande, huldigt dem Pferdefüßigen und hat alles in allem etwas Ohrwurmiges an sich. "Where We Were Born We Will Demise", "Death Is Near" und "I'll Be Gone In The Dark" gehen ungestüm, rasant und mit einem angenehmen Maß Chaos zu Werke. Dabei dürfte besonders das zweitgenannte Lied ein Hort für den vielbeschworenen Gewaltexzess darstellen, denn auch wenn der Titel die Nähe des wohl unbeliebtesten Reiseleiters aller Zeiten andeutet, dürfte dieser im Angesicht des infernalen Gepolters der Schweden zum spontanen Benetzen seiner Robe animiert werden und unverrichteter Dinge von dannen ziehen. Glück für den, der die richtige Musik hört.

Mit dem Vorstehenden scheint die eingehende Frage nach der Notwendigkeit des Gewaltexzesses gleich mehrfach beantwortet. Was entzweite Schweden wieder vereint, Glückshormone in der Welt distribuiert und obendrein mit einem so wunderschönen Cover [der repräsentative Zielgruppenvertreter könnte es als "bescheidene Ferienwohnung in romantischer Morgenröte" umschreiben] daherkommt, das muss einfach mit Gegenliebe geehrt werden. In diesem Sinne plädiert der Verfasser für mehr Alte-Schule-Schweden-Krawall - im Sinne des Weltfriedens und einer höheren Lebenserwartung.



Bewertung: 4.0 / 5.0
Autor: Lord Seriousface (18.09.2019)

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