KREATOR - Live At Dynamo Open Air 1998

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VÖ: 07.06.2019
Bandinfo: KREATOR
Genre: Thrash Metal
Label: Dynamo Concerts
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Lineup  |  Trackliste

Eigentlich gebe ich heute nicht mehr allzu viel auf Livealben, sei es wegen der nur bedingt playlistkompatiblen Publikumsmitschnitte, des nicht immer brauchbaren Sounds oder aufgrund zweifelhafter Praktiken wie der Marktüberflutung mit lieblos zusammengeschaufeltem Material. Wann aber ist ein solcher Mitschnitt gerechtfertigt und für den geneigten Käufer interessant? Bühnenereignisse mit Seltenheitswert wie die durchorchestrierte DIMMU BORGIR Show in Wacken oder das demnächst erscheinende "United Alive" Paket von HELLOWEEN wären hierfür gute Beispiele. Doch manchmal geht es auch einfacher - indem man beispielsweise zwanzig Jahre wartet, den Dingen ihren Lauf lässt und das Zeitzeugnis wieder ausgräbt.

Dann bekommt das Ganze nämlich eine Gemeinsamkeit mit der schnöden Haarbürste, die vor über hundert Jahren keinen Hahn zum Krähen verführt hätte. Denn wenn diese Haarbürste irgendwann um 1912 auf dem falschen Dampfer gereist wäre und dieser Tage wieder aus dem Nordatlantik gefischt würde, so dürfte sie heute einen gänzlich anderen Status genießen als zur Zeit vor ihrem Tauchgang. So oder so ähnlich steht es auch um KREATORs Livemitschnitt vom Dynamo Open Air 1998, der mitunter als Beigabe zum remasterten "Outcast" erhältlich war und kürzlich als eigenständige Veröffentlichung neu auf den Markt gebracht wurde [übrigens einer von vielen Rückblicken auf das erfolgreiche niederländische Festival, das von 1986 bis 2005 fast durchgehend stattfand und seit 2015 vom Dynamo Metal Fest beerbt wird].

Die Album-Setlist erscheint in gewisser Weise vertraut und fremd zugleich. Auf der einen Seite stehen die wohlbekannten Stücke "Terror Zone", "Pleasure To Kill" oder "Extreme Agression", die damals schon Klassiker waren und in keiner Setlist fehlen durften. Auf der anderen Seite stehen vier Songs des damals aktuellen Albums "Outcast", das als zweitletzte experimentelle Platte der Essener in die Geschichte einging und als Neuling dieser Tage das Set dominierte. Die weitgehende Rückkehr zum ungezügelten Thrash Metal, die drei Jahre später mit "Violent Revolution" erfolgte und bis heute Bestand hat, mag sich in den Augen der meisten Fans als goldrichtig erwiesen haben. Auch haben die Essener seit besagtem Album einen regelrechten Hattrick an großartigen Alben geschaffen, die den heutigen Shows zahlreiche neue Evergreens beschert haben. Doch auch, wenn die 1990er Jahre für KREATOR und viele ihrer Wegbegleiter zu einer Art Krisenbewältigung und Identitätssuche geworden sein mögen und die Alben dieser Zeit unter Fans zwiegespalten aufgenommen wurden, so finden doch mit "Phobia" oder "Black Sunrise" noch heute Songs dieser Ära Einzug in die Setlists der Thrash Pioniere. Nicht zuletzt wurde anno 1998 auch Material von "Renewal", mit dem KREATORs experimentelle Reise begann, sowie dessen Nachfolger "Cause For Conflict" gespielt - Lieder, die zumindest ich bisher nie live gehört habe.

Auch nicht uninteressant ist die Tatsache, dass das Lineup von 1998 mit Ausnahme des damaligen Gitarristen Tommy Vetterli, der schlussendlich von Sami Yli-Sirniö abgelöst wurde, bis heute konstant geblieben ist. [Anm. d. Red.: Wie's der Teufel will, kündigen KREATOR am Tag nach Fertigstellung dieses Reviews (!) einen Besetzungswechsel am Bass an... auf nix kann man sich mehr verlassen, echt jetzt!] Auf der Bühne waren die Essener Thrasher damals eine ebenso große Wucht wie heute und es ist beruhigend, eine 20 Jahre alte Liveaufnahme zu hören und sich der Gewissheit zu erfreuen, dass die Herren zwar älter, aber nicht altersmüde geworden sind.

Für all die Zeitzeugen, die Mille Petrozza und Co. schon damals besucht haben, dürfte der Mitschnitt vom Dynamo Open Air 1998 nicht mehr sein als eine nostalgische Erinnerung. Doch für den Verfasser, der zum damaligen Zeitpunkt mehr mit Strafarbeiten als mit Metalbands beschäftigt war, entpuppt sich die Aufnahme als archäologischer Fund, der die verschiedenen Evolutionsschritte von "Pleasure To Kill" über "Renewal" und "Outcast" bis hin zu "Gods Of Violence" anschaulich dokumentiert.



Ohne Bewertung
Autor: Lord Seriousface (21.09.2019)

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