KNORKATOR - Widerstand ist zwecklos

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VÖ: 13.09.2019
Bandinfo: KNORKATOR
Genre: (stilübergreifend)
Label: Rough Trade
Hören & Kaufen: Amazon
Lineup  |  Trackliste

Sehr geehrte Menschen, sehr geehrte Damen und Herren, sehr geehrte Kinder und Erwachsene, die Kinder im Geiste sind, wertes Publikum und Auditorium,

ein neuer Langspieler Deutschlands meister Band der Welt, KNORKATOR, steht dieser Tage an und möchte sich, der Titel "Widerstand ist zwecklos" (was für ein Coverartwork...) verriet es womöglich schon, gleichermaßen Connaisseuren nachdenklicher Lyrik und anspruchsvolleren Humoristen, deren fundierter Meinung nach J.B.O. immer noch 13 Alben zu viel veröffentlicht haben, aufzwingen, obschon man selbst bei den Meiste(r)n höchstselbst seit "Das nächste Album aller Zeiten" starke Polaritätsschwankungen in den Kompositionen messen und nachweisen konnte. Wie rechtfertigt die von fünf überdurchschnittlich talentierten Personen gebildete Musikgruppe dies?

Während man sich zuletzt mehr oder minder vehement dagegen erwehrte, hat man sich nun doch noch einmal dazu entschlossen, in der alten Schule von damals nachzusitzen. Es klingt also sehr - Achtung: Neusprech! - oldschool, aber ich möchte auch nicht die Behauptung aufgestellt haben, dass sich die Musikanten extra die Mühe gemacht hätten, sich in eine Zeitmaschine zu setzen, um in die schillernde gute alte Steinzeit zurückzureisen und das KNORKATOR'sche Feuer neu zu erfinden. So alt sind sie schließlich auch nicht. Vielleicht ist es also einfach so passiert, ein glücklicher Unfall quasi.

Der Überraschungsmoment des ersten Aufeinandertreffens von anno dazumal ist mittlerweile natürlich verflogen, aber "Widerstand ist zwecklos" pointiert sämtliche Pluspole (das sollten jetzt genügend Elektronik-Referenzen gewesen sein...) in einer qualitativen Dichte, die ich persönlich bei KNORKATOR eine Weile lang vermisst habe - und glänzen dabei auch noch mit in pfiffigen Arrangements verpackter, clever-bissiger Gesellschaftskritik ("Rette sich wer kann", "Untergang" und "Krieg" z.B.), die nicht nur der braunen Suppe Würze und Schärfe stiehlt, sondern auch Konsumgier, Klimawandel-Leugnung, Hysterien und sonstige menschliche Irrwege auf's Korn nimmt. Dazu bezeichnend diese wunderbare Textzeile aus "Rette sich wer kann": „Da vorn is'n Abgrund, aber is' ja noch'n Stück. Wir könnten auch abbiegen, tun wir aber nicht. Da is' ja nur'n Sandweg, schlecht für die Achsen."

Allerdings wissen auch KNORKATOR: Wenn wir uns schon auf den Abgrund zubewegen, sollte dabei zumindest der Spaß nicht "Zu kurz" (Industrial Metal meets Death Metal meets Hip-Hop meets Gaga-Lyrics, deren Witz ich nicht spoilern möchte) kommen, also gibt's mit "Revolution", "Ein Wunsch", "Am Arsch" und "Buchstabensuppe", in denen sich Alf Ator und Stumpen gesanglich auf für KNORKATOR typisch-absurden Klangfundamenten abwechselnd zu genial-bescheuerten Textkreationen verausgaben, auch den passenden Soundtrack zum Lachend-in-das-offene-Messer-Rennen. Selbst die obligatorischen Cover-Songs ("Ring My Bell" von Anita Ward und "Behind The Wheel" von DEPECHE MODE) wissen wieder auf unterschiedliche Weise ordentlich zu unterhalten und runden damit ein Album ab, das mich persönlich an die glorreichen (nicht chlorreichen...) Zeiten der Boyband KNORKATOR erinnert, ohne dabei hinter einem Schleier grauer Nostalgie zu verschwinden. "Widerstand ist zwecklos" klingt erfrischend und doch vertraut, erscheint zum richtigen Zeitpunkt und wird vor allem denjenigen ein Lächeln auf die Lippen zaubern, die sich nicht vom allgemeinen Menschsein unserer Zeit anstecken lassen wollen, gleichzeitig aber auch nicht jeden Funken Hoffnung kampflos aufgeben möchten. Dafür gibt's ein üppiges, in vier Punkte umgemünztes Trinkgeld von mir.

Danke und tschüss!



Bewertung: 4.0 / 5.0
Autor: Pascal Staub (09.09.2019)

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