BORKNAGAR - True North

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VÖ: 27.09.2019
Bandinfo: BORKNAGAR
Genre: Avantgarde Metal
Label: Century Media Records
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Lineup  |  Trackliste  |  Credits

Die Sache mit der Orientierung ist nicht immer ganz einfach. Denn wie ein jeder Kompass durch lokale Magnetfeldstörungen dazu verleitet werden kann, statt zum anvisierten geographischen Nordpol über sinusförmige Irrwege in Richtung Grönland zu lotsen, so verschieben auch die elektronischen Helfer auf dem Festland ganz gerne mal eindeutige Navigationsziele meilenweit nach Süden (oder in eine x-beliebige andere Richtung). Man findet Eis, wo keines hingehört, mal kreist man wie ein Satellit um sein Reiseziel und ein anderes Mal tritt die Gruppendynamik an Stelle der terrestrischen Magnetfeldstörungen und tischt entgegen aller guten Vorsätze der Nährstoffnavigation abermals Einfachzucker und gesättigte Fettsäuren auf. Orientierung und Navigation ist eine Königsdisziplin und mannigfach zu interpretieren.

Aber was hat dieser Mumpitz mit BORKNAGAR zu tun?

Im übertragenen Sinne lassen sich derartige Navigationsprobleme auch auf den persönlichen Lebensweg, das zwischenmenschliche Beisammensein oder aber die künstlerische Ausrichtung einer Metalband im Angesicht von Personalfluktuation und Reifungsprozessen projizieren. Und hiermit vollziehen wir den Gedankensprung zu BORKNAGARs neuem Album, das auf den prägnanten Namen "True North" hört und zugleich eine dementsprechende Aussage transportiert. Wir erinnern uns: mit Andreas "Vintersorg" Hedlund verabschiedete sich im vergangenen Frühjahr der bisherige Leadsänger der Truppe, wodurch eine markante und stilprägende Stimme aus dem Klangmuster der Norweger verschwand. An seine Stelle trat bekanntermaßen Simen "I.C.S. Vortex" Hestnæs, der fortan neben dem Leadgesang auch die Screams übernehmen sollte. Daneben verließen auch Jens F. Ryland (Gitarre) und Baard Kolstad (Drums) die Band und wurden durch Jostein Thomassen und Bjørn Dugstad Rønnow ersetzt. Damit kam es im erweiterten Nachbeben des gefeierten "Winter Thrice" zu tiefgehenden Veränderungen im Bandgefüge, wodurch auch gewisse Neuorientierungen zumindest denkbar wären.

In welche Richtung navigieren BORKNAGAR anno 2019?

Einerseits sind BORKNAGAR in 2019 nur noch zu 50% BORKNAGAR aus 2016, das ist ein Fakt. Auch die neue Rolle von I.C.S. Vortex verlangt nach entsprechenden Kompositionen, die die von Vintersorgs Stimme abweichende Klangfarbe angemessen in Szene setzen. Doch bleibt am Ende nach wie vor "The Grand Old Man" Øystein G. Brun der Hauptsongwriter und Visionär der Band, weswegen sich trotz aller Neuerungen eine gewisse Konstanz feststellen lässt. So fällt die Eingewöhnung auf den neuen Hauptakteur mit Songs wie "Thunderous" und "The Fire That Burns" leicht. Beide Stücke orientieren sich an der jüngeren Entwicklung der Band und führen diese konsequent weiter. Die Symbiose aus erhabenen Melodien und aggressiver Raserei wird ebenso perfekt dargeboten wie das Zusammenspiel der wunderschönen Clean-Gesänge von I.C.S. Vortex und Lars A. Nedland und den giftigen Black-Metal-Screams (Chapeau Mr. Vortex!), die die Harmonie immer wieder brechen. Die akzentuierten Folk-Einflüsse setzen dazu das i-Tüpfelchen. In der zweiten Albumhälfte werden die BORKNAGAR-typischeren Songs mit "Mount Rapture" und "Into The White" fortgeführt. Das neunminütige "Tidal" treibt dabei die allgegenwärtige Epik auf die Spitze.

Musikalisch zeigt "True North" also durchaus Parallelen zu "Winter Thrice" und Co. und kann auch mit ebenso hochwertigen Kompositionen punkten. Da hörbar am Sound gearbeitet wurde, wirken die Lieder etwas dezenter und weniger brachial. Wie die Hintergrundinfos verraten, entstand ein Großteil von "True North" in den heimischen Studios der Bandmitglieder, zudem wurde intensiver im Team und weniger im Alleingang gearbeitet. Das Ergebnis ist ein deutlich organischerer, um nicht zu sagen "naturbelassenerer" Sound, der die Gitarren ein wenig zurücknimmt und den Songs ein Stück weit die brutale Komponente nimmt.

Damit einhergehend folgt der nächste Evolutionsschritt im Hause BORKNAGAR, der sich in "Up North", "Lights" und "Wild Father's Heart" manifestiert. "Up North" steht zwischen dem Opener und "The Fire That Burns" und kommt im Gegensatz zu den umzingelnden Kompositionen gänzlich ohne gutturalen Gesang aus - lediglich das kraftvolle Drumming und die sporadischen Doublebass-Salven lassen erkennen, dass die Urheber ihre Wurzeln im Black Metal haben. Das "böse k-Wort" sollte man trotz des gesunkenen Schlechtwetter-Metal-Anteils nicht voreilig in den Raum werfen, denn die Nummer reiht sich wie aus Zauberhand in das Gefüge des Albums ein und erweist sich daneben als äußerst hookreiche Spielwiese für die Stimmbänder des neuen Leadsängers I.C.S. Vortex. Während "Lights" und der gefühlvolle Ruhepol "Wild Father's Heart" zumindest in meinem Gehör ein wenig abdriften, knüpft die zweite Albumhälfte wieder nahtlos an das grandiose Eröffnungs-Triumvirat an und lässt keinen Raum mehr für Kritik. Dazu vollführt das behutsam instrumentierte und von Lars A. Nedland vorgetragene "Voices" einen gleichermaßen experimentellen wie hypnotisierenden Schlussakt.

Feuer und Donner oder wilde Väter im Licht?

Damit liegt die Antwort auf die Frage nach der Orientierung in einer Mixtur aus gewachsener Struktur, sukzessivem Abbau von Brachialität und dem Vorstoß in neue Gebiete. Innerhalb ihrer selbst geschaffenen und facettenreichen Nische bleiben die Norweger Könige, das macht "True North" erneut klar. Ob "Thunderous" und "The Fire That Burns" nun zum Maßstab der Zukunft werden oder doch eher "Lights" und "Wild Father's Heart", sei hier nicht weiter von Bedeutung. "True North" bietet trotz verschiedener musikalischer Ansätze großes Kino mit durchdacht komponierten Songs und einem enormen Wachstumspotenzial. Möge der Kompass weiter nach Norden zeigen!



Bewertung: 4.5 / 5.0
Autor: Lord Seriousface (26.09.2019)

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