FLYING COLORS - Third Degree

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VÖ: 04.10.2019
Bandinfo: FLYING COLORS
Genre: Rock
Label: Mascot Label Group - Rough Trade
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Lineup  |  Trackliste

Workoholic MIKE PORTNOY ist nach eigenen Aussagen mittlerweile in sechs verschiedenen Bands zugange. Ich versuche nicht einmal, ob ich alle zusammenbekomme. Und von NEAL MORSE gibt es gefühlt alle sechs Monate eine neue Veröffentlichung. Das wäre schon Grund genug zum großen Kritikerrundumschlag - das "Problem" dabei aber: Fast alle Veröffentlichungen sind von einer derart hohen Qualität, dass man gar nicht weiss, wann die Jungs mal schlafen gehen, denn wenn sie nicht im Studio sind touren sie ja auch noch ausgiebig. Der einzige Wermutstropfen an dem Ganzen ist für mich dabei nur, dass man die Bands, die einem von den ganzen Veröffentlichungen am besten gefallen, selten oder gar nicht zu Gesicht bekommt, denn die Touren sind (zwangsläufig) dann eben nur sehr kurz und auf teilweise einen Auftrittsort pro Land begrenzt.

So ist es auch im Falle von FLYING COLORS, der Supertruppe um NEAL MORSE, MIKE PORTNOY und STEVE MORSE, die mit dem zuvor unbekannten Sänger CASEY MCPHERSON und dem allseits bekannten DAVE LARUE am Bass mit ihrer nunmehr  dritten Studioveröffentlichung aufwarten. 

War das Debut aus dem Jahr 2012 für mich eines der besten Alben des damaligen Jahres (und sogar darüber hinaus), so war der Zweitling "Second Nature" eher enttäuschend, die Songs wurden bei weitem nicht mehr so ohrenschmeichlerisch und locker aus dem Ärmel geschüttelt wie beim Erstling. Angesichts der drei Vorab-Singles (sagt man das noch - "Singles"?) war ich aber doch sehr gespannt auf "Third Degree".

Dann sezieren wir einmal das vorliegende Menu:

"The Loss Inside" legt für FLYING COLORS-Verhältnisse mit einem enormen Härtegrad los, ein brachiales Riff von STEVE MORSE gibt die Marschrichtung an. Die Produktion ist zwar trocken ausgefallen, aber gut gemixt ohne Loudness-War. PORTNOY unverkennbar am Schlagzeug. Der Refrain kommt unvermittelt nach den eher sperrigen Strophen und das typische FC-Feeling des Erstlings stellt sich ein. Zum Abheben!

                  

"More" ist der Beginn einer Reihe von drei über siebenminütigen Songs hintereinander. Es bleibt zunächst bei härteren Klängen, erneut ein knackiges STEVE-MORSE-Riff, hier mit etwas mehr Keyboards unterlegt. Ab der Mitte des Songs wird es nach einigem proggigem Gefiedel dann sehr ruhig und das Ganze schraubt sich hoch zu einem Song der alten MUSE-Schule, ehe man wieder zum Eingangsthema zurückkehrt. Dies war der erste Vorbote von "Third Degree", zu dem es auch ein nettes Video  gibt:

                  

"Cadence" ist dann etwas ruhiger und symphonischer angelegt, ohne jedoch auch hier die Gitarren-Attacken zu vernachlässigen. STEVE MORSE ist der heimliche Held der Scheibe, ein absolut unterschätzter Gitarrist, der für mich in einem Atemzug mit VAI, SATRIANI und Konsorten zu nennen ist, was aber viel zu wenig geschieht. Absolut eigenständiger, unverkennbarer Stil mit präzisem ausdrucksstarkem Spiel. "Cadence" überzeugt mit einem schwelgerischen Ohrwurm-Chorus und Queen'schen Gitarrenmelodien. Ein Traum für jeden Soft-Progger. Ein knapp achtminütiger Höro(h)rgasmus.

Auch "Guardian" reißt die Siebenminutenmarke. Der Chorus ist hier nicht ganz so unmittelbar ins Ohr dringend, herrlich die Tempowechsel zwischen Strophen und Refrain.

All das waren jedoch nur die ersten Vorspeisen zum ersten Hauptgang, dem ersten "richtigen" Longtrack namens "Last Train Home", der bei 10 Minuten und 32 Sekunden finished. Nach einem symphonischen Gitarrenintro, dessen Thema sich durch den gesamten Song zieht, bewegt sich der Song eher im ruhigeren Fahrwasser. Zur Mitte hin duellieren sich akustische Gitarren und über allem thront Caseys gefühlvoller Gesang. Auch hier wieder Portnoys Drumming einfach Extraklasse.

Nach diesem harten Brocken geht "Third Degree" dann wieder lockerer zur Sache. "Geronimo" hat funkig-poppige und auch soulige Anleihen, teilweise fühlt man sich an alte TOTO erinnert. Der mehrstimmige Chorus wieder absolut FC-like, garniert mit einem BRIAN-MAY-ähnlichen Solo, für das dieser wohl auch ausgiebig Beifall spenden würde. 

"You Are Not Alone" ist die einzige "richtige" Ballade des Silberlings. Aber was für eine! Der Song wurde ebenfalls schon vor Veröffentlichung vorgestellt. Und auch hierzu kann man sich ein Bild und Ohr machen. Zwar knapp an der Kitschgrenze aber dennoch wunderschön und einmal mehr ein traumhaftes Morse-Solo im QUEEN-Stil mit MCPHERSON im FREDDIE-Modus. Nice!

Auch bei "Love Letter" weht der Queen-Geist durch den Player. "Kayla" (vom Debut) meets "Killer Queen", ein locker flockiger Pop-Rock-Song, der einfach gute Laune verbreitet. So soll es sein.

Mit "Crawl" gibt es abschließend noch einmal fette Kost in Form eine mit über elf Minuten langen Songs, bei dem die Band noch einmal alle Register ihres Könnens zieht. Noch etwas dramatischer angelegt als "Last Train Home", die Melodien, die hier aus dem Ärmel geschüttelt werden sind grandios, trotz der Länge kommt keine Langeweile auf. Ruhige Passagen wechseln sich mit symphonischen Stellen ab, gegen Ende scheint der Song schon fast auszufaden ehe es nochmal ein "Grande Finale" gibt.

"Third Degree" wurde über einen Zeitraum von über zwei Jahren eingetütet. Die ersten Sessions fanden bereits im Dezember 2016 statt. Danach mussten sich die Bandmitglieder wieder anderen beruflichen und privaten Verpflichtungen widmen, bis sie sich schließlich zwei Jahre später, im Dezember 2018, erneut trafen und drei weitere Tracks aufnahmen. (Der zehnte Titel, „Waiting For The Sun“, wird auf einer der kommenden Special Editions veröffentlicht werden.)

Musik-Gourmets wird bei "Third Degree" das Wasser im Mund zusammenlaufen. Schade, dass die Band aufgrund der vielfältigen Aktivitäten ihrer Mitglieder nur kurzfristig zusammenarbeiten wird können, so dass 2019 leider nur zwei Konzerte im deutschsprachigen Raum stattfinden werden. Für mich neben der NEAL MORSE BAND die beste Truppe in MIKE PORTNOYs Band-Portfolio.

Ganz dicke 4,5 Punkte für "Third Degree".

 

 



Bewertung: 4.5 / 5.0
Autor: Martin Weckwerth (04.10.2019)

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