MORTEM - Ravnsvart

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VÖ: 27.09.2019
Bandinfo: MORTEM
Genre: Black Metal
Label: Peaceville Records
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Lineup  |  Trackliste  |  Trivia

Die Wiederbelebung gilt im eigentlichen Sinne als lebensrettende Kompetenz der medizinischen Erstversorgung, doch hat sie sich bildlich gesprochen auch als Geschäftspraktik im metallischen Unterhaltungsbusiness etabliert. Dass sich so manche Farewell-Tour im Nachhinein als Verabschiedung in einen mehr oder weniger langen Erholungsurlaub entpuppte, ist heutzutage kein Geheimnis mehr. Dass aber davon abgesehen langjährig inaktive und studioabstinente Kapellen wie POSSESSED oder EXHORDER aus den Untiefen des Metal-Nirwana herausgefischt werden und nach rund 30 Jahren erstmals neuen Stoff hinausposaunen, hat in diesem Zusammenhang eine andere Qualität. Und wie das Feedback zu den besagten Alben beweist, waren die erwähnten Wiederbelebungsversuche keineswegs erfolglose Unterfangen, die die Reanimierten zu einer leblosen Zombifizierung ihrer selbst machten.

Passend hierzu erlebt dieser Tage auch die norwegische Black Metal Kombo MORTEM eine ebensolche Reinkarnation - doch wer bitte sind MORTEM? Es ist keine Schande, diese Truppe bis dato nicht auf dem Radar gehabt zu haben, denn ihr bisher einziges Lebenszeichen war die Demoaufnahme "Slow Death", die 1989 auf Kassette erschien und - Achtung versteckter Kultstatus - Euronymous als Produzenten und Dead als Urheber des Coverartworks nannte. An den Kesseln saß kein Geringerer als Hellhammer, der bei MAYHEM und vielen anderen Bands die Felle massierte und bis heute massiert. Weitere Mitglieder waren Marius Vold (ex-THORNS, Gesang) und Steinar "Sverd" Johnsen (Gitarre, Bass). Nachdem die Mitglieder 1990 ARCTURUS gründeten, wurde es still um ihre alte Band. Wie lange sie noch existierte, ist nicht überliefert - fest steht hingegen, dass sie genau 30 Jahre nach ihrer ersten Demo wieder in Originalbesetzung auf der Matte steht und ihr Debüt "Ravnsvart" präsentiert. Neu im Bunde ist Tor Stavenes (Bass), der u. a. als 1349s Tieftöner bekannt ist (dort unter dem Pseudonym "Seidemann").

Was darf man von einer solchen Unternehmung erwarten?

Welche Erwartungen stellt man an das Debüt einer Band, die bisher kaum in Erscheinung getreten ist, über drei Dekaden nicht existierte, dafür aber eine beinahe legendenschwangere Hintergrundgeschichte mitbringt? Ein genrespezifischer Quantensprung, der die Uhren im verregneten Norwegen für immer umdreht? Eher nicht. Eine vorsichtig innovative Fortsetzung des kulturellen Erbes der Szene, aus der die Band hervorging? Fehlanzeige. Eine makellose Darbietung des besagten Kulturerbes, die jedweder Nestbeschmutzung abschwört, die musikalischen Ideale seiner Gründerzeit aufleben lässt und den Status der beteiligten Musiker als alte Hasen ihres Genres manifestiert? Aber hallo!

Tatsächlich hatte der erste Gedanke, der mir zu den ersten Takten von "Ravnsvart" durch die (dunkel-)grauen Zellen geisterte, etwas von "...meine Fresse, die Burschen haben Ahnung von Black Metal". Eine spontane Eingebung, die man auf zwei zentrale Gegebenheiten zurückführen kann: zum einen ist die Musik ziemlich catchy komponiert und bedarf daher keiner müßigen Annäherung oder Eingewöhnungsphase. Sie ist sozusagen das musikalische Pendant zur Plug-and-Play-kompatiblen USB-Maus - einfach reinschieben und wohlfühlen!

Zum anderen birgt die Klangkunst der Norweger einen unheimlichen Vertrautheitsgrad, weil sie sich hörbar an bekannte Vorzeigewerke der frühen norwegischen Szene annähert, ohne sie direkt zu kopieren. Die meisten Lieder gehen verhältnismäßig (!) beherrscht mit dem Gaspedal um und ziehen die Atmosphäre von grassierender Dunkelheit und Kälte dem ungezügelten Gewaltakt vor. Die mystische Keyboard-Untermalung weckt Erinnerungen an EMPERORs "In The Nightside Eclipse" ("Truly Damned") und DIMMU BORGIRs "Enthrone Darkness Triumphant" ("Mørkets Monolitter", "Port Darkness"). Dort, wo die Keys weniger dominant in Erscheinung treten und die Riffs im amorphen Tremolo-Bereich umherschwirren, blitzt auch nicht selten SATYRICONs "Nemesis Divina" - für mich eines der besten Alben seiner Zeit - durch. Der abschließende Melodiebogen in "Ravnsvart", der das chaotische Dickicht unterbricht wie eine Lichtung im dichten Wald, bringt dabei ein Quäntchen "Mother North"-Feeling in die Gegenwart. Neben der grundsätzlichen Miesepetrigkeit der Musik bringt Marius Volds garstiger Gesang - den Drohgebärden eines zutiefst verbitterten Bergtrolls ebenbürtig - eine Grimmigkeit und Knurrigkeit ins Spiel, die mit Satyr (anno 1996) oder TSJUDERs Nag (anno immer) konkurrieren könnte.

Klare Erwartung, klare Bedürfnisbefriedigung - und was folgt dann?

Zugegeben, die gesammelten Eindrücke zu MORTEMs "Ravnsvart" lesen sich wie ein Querschnitt durch die norwegische Szeneprominenz, aber war dies nicht zu erwarten oder gar herbeizusehnen? Eine reaktivierte Band, die aus ehrenwerten Vertretern der Fjord-BM-Liga besteht und dazu den passenden, mythenträchtigen Hintergrund mitbringt, darf nicht weniger abliefern als ein Paradebeispiel für norwegischen Black Metal - und dieses Exempel ist den Herren aus Oslo sehr gut gelungen. Dass im Zentrum der musikalischen Parallelen vornehmlich Alben stehen, die am Anfang des erneuten Aufbruchs standen oder sogar den ersten innovativen Schritt vollzogen hatten ("Nemesis Divina", "Enthrone Darkness Triumphant"), lässt indes darüber philosophieren, wohin die weitere Reise gehen wird. Werden MORTEM dem Zeitstrahl der Geschichte folgen oder ein Bollwerk für schwarzmetallische Nostalgie bleiben? [Der Verfasser plädiert ausdrücklich für früher, aber...] In spätestens 30 weiteren Jahre dürften wir es wissen.



Bewertung: 4.0 / 5.0
Autor: Lord Seriousface (03.10.2019)

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