THE GREAT OLD ONES - Cosmicism

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VÖ: 25.10.2019
Bandinfo: THE GREAT OLD ONES
Genre: Black Metal
Label: Season of Mist
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Lineup  |  Trackliste

Auch wenn das aktuelle Jahr noch nicht ganz seinen Schlusspunkt gesetzt hat, steht für mich bereits fest, dass es ein außerordentlich gelungenes für den Black Metal und einige seiner divergenten Szenen bzw. Subkulturen war. Gegensätzlich erging es dem guten alten H.P. Lovecraft, der längst in der Populärkultur angekommen ist und zuletzt durch teils grotesk minderwertige ("The Sinking City"), teils durchschnittliche Videospiele ("Call Of Cthulhu") erheblich in seiner Totenruhe gestört wurde und vermutlich irgendwo aus den Weiten des Kosmos wehrlos dabei zusehen musste, wie sein Erbe schandhaft zweckentfremdet wurde. Um diese Schmach zu tilgen, markieren die Franzosen THE GREAT OLD ONES zwei Jahre nach dem sehr guten "EOD: A Tale Of Dark Legacy"  - das Album wuchs nach der Rezension noch erheblich - mit "Cosmicism" ihre Rückkehr und besänftigen damit den rücksichtslos geschundenen Geist des amerikanischen Literaten.

Wenn ich oben von Black Metal und seinen unterschiedlichen terrestrischen Ausprägungen spreche, muss ich die französische aktuell mit Klammern versehen, denn außer BLUT AUS NORDs phänomenalem "Hallucinogen" und DEATHSPELL OMEGAs großartigem "The Furnaces Of Palingenesia" ist im Land der Liebe und des Weins zuletzt wenig nennenswerter schwarzmetallischer Betrieb zu verzeichnen gewesen. Natürlich wäre man in anderen Kreisen froh über einen solch hochwertig besetzten Notstand, aber noch vor wenigen Jahren war man auch in der Breite äußerst gut aufgestellt, verlor zuletzt aber u.A. PESTE NOIRE endültig an ukrainisch-faschistoide Rattenfänger; die damit einhergehende, endgültige "Arisierung" (zu Deutsch: Vollidiotisierung) sorgte offenbar für einen Rundum-Blackout im Stammhirn des einst noch in europäischen Metalhemisphären um Anerkennung buhlenden Hooligans, denn anders ist ein dampfender Exkrementalhaufen à la "Peste Noire – Split – Peste Noire" einfach nicht mehr zu erklären.

Doch genug von diesem kleinen Exkurs und zurück zu THE GREAT OLD ONES, die mit "Cosmicism" viel mehr Aufmerksamkeit verdient haben und diese nun auch ordnungsgemäß erlangen sollen. Um zuvor (oder dazu) aber noch mal meine einleitende, harsche Reflexion des Games-Themas ein wenig mit Theorie zu entschärfen: Während man als Entwickler eines audiovisuellen Mediums auf gewisse Weise ein Bild vorgibt und damit den Konsumenten bzw. seine eigene Vorstellung eines bestimmten Themas bzw. eine durch Buchform erbaute Welt sozusagen "limitiert" und diese damit entweder treffen oder eben nicht treffen kann, hat man es als rein musikalisch agierender Künstler in einem ganz speziellen Sinne "einfacher", weil man der Hörerschaft sowohl mit dem Dreigespann Lyrics-Atmosphäre-Instrumentals als auch der reinen, durch Instrumentals aufgebauten Atmosphäre mehr Freiraum, mehr Eigenverantworung anbieten kann, um sich die angemessenen Bilder selbst auszudenken. Und genau das beherrschen THE GREAT OLD ONES auf "Cosmicism" wahrhaft meisterlich. 

Stilistisch am Rande des chaotischen und dissonanten Black Metal der Heimat ("Of Dementia" und "Dreams Of The Nuclear Chaos") tangierend und diesen mit erheblichem Einfluss aus atmosphärischem Post-Black Metal ("Lost Carcosa") vermengend, hat das aus Bordeaux stammende Quintett auf dem Viertwerk seinen Stil allem Anschein nach endgültig gefunden und wandelt erhaben durch einen düsteren Kosmos, der mit einem üppigen Aufgebot an Höhepunkten fesseln kann. Meine persönlichen sind dabei das tosende, melodische "The Omniscient" sowie der spannende, sowohl chaotische als auch stimmungsvolle Longtrack "A Thousand Young" (mitsamt unfassbar glanzvollem Leadsolo), bei denen mir gleichzeitig Gänsehaut spriesst und gewaltiges Kopfkino entsteht. 

Kommen wir nun noch kurz zu den Kritikpunkten des Vorgängers und den direkten Vergleich zu "Cosmicism", woraus sich dann auch die abschließende Wertung aufschlüsselt: Produktionstechnisch konnte man erkennbare Fortschritte machen, wovon - vor allem - die Gitarren, die gleichermaßen in den melodischen Abschnitten sowie den rifforientierteren Passagen präsenter sind, enorm profitieren und auch beim Songwriting fällt eine angenehme (Weiter-)Entwicklung auf, die sich bereits in der Netto-Spielzeit ("Cosmicism" ist sechs Minuten länger als der Vorgänger) widerspiegelt, beim Hören aber noch markanter in Erscheinung tritt, weil man den Eindruck gewinnt, dass THE GREAT OLD ONES den sieben neuen Kompositionen mehr Zeit zur Entfaltung zugestanden haben und sich damit sozusagen auf die Stärken eines "Al Azif" bzw. ihres Songwritings im grundsätzlichen Sinne zurückbesinnen konnten. Damit ist "Cosmicism" nicht weniger als ein meisterliches Black Metal-Jahreshighlight und wird mit seinem imposanten, einschüchternden aber auch ästhetischen Ambiente nicht nur Lovecraft-Adepten in seinen Bann ziehen, sondern generell auch aufgeschlossene Schwarzmetall-Liebhaber. 



Bewertung: 4.5 / 5.0
Autor: Pascal Staub (30.10.2019)

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