BLIND GUARDIAN TWILIGHT ORCHESTRA - Legacy Of The Dark Lands

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VÖ: 08.11.2019
Bandinfo: BLIND GUARDIAN
Genre: (stilübergreifend)
Label: Nuclear Blast Records
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Lineup  |  Trackliste

Vor circa 23 Jahren kam den Krefelder Power Metallern der ersten Stunde BLIND GUARDIAN erstmals der Gedanke an ein Orchesteralbum. Mindestens aber seit dem Release von "A Night At The Opera" wird fast in jedem Interview mit den Barden zumindest kurz auf das Thema gesteuert. Die Intention war aber auch schon vor 15 Jahren eindeutig: Es soll ein Orchesteralbum werden, welches zwar die vollen Möglichkeiten eines Orchesters ausnutzen, aber gleichzeitig in jeder Sekunde nach BLIND GUARDIAN und nach einem Metal Album klingen soll. Ambition und der Hang zum Perfektionismus sind ja bekanntlich keine unbekannten Attribute für Kürsch, Siepen und Olbrich. Und so liegt nun nach langer Zeit endlich das finale Werk vor. Was dürfen wir also erwarten?

Nach einem orchestralen und einem gesprochenen Intro erwartet uns mit "War Feeds War" der erste richtige Song des Albums. Eine durchaus mutige Wahl für einen Opener, da der Song unmissverständlich klar macht, dass wir es nicht mit einem Easy Listening Projekt zu tun haben. Der Song ist ein zwar pompöses, doch auch düsteres, komplexes Stück Musik. Auf den orchestralen Unterbau folgt zunächst Hansis Stimme und gibt uns das Gefühl, dass uns ein Altbekannter durch die Dunklen Lande geleitet. Schnell folgen weitere bekannte "Gefährten", denn die typischen BLIND GUARDIAN Background Chöre werden sehr prominent eingesetzt. Und das überrascht! Zum Orchester gesellen sich nur in ganz gezielten und dramatischen Passagen vollwertige Chöre, die meiste Zeit hören wir die gewohnten Stimmen von Olbrich und Siepen. Somit ist auch ganz schnell klar, was gemeint war in den Interviews der letzten 15 Jahre, wenn gesagt wurde, das Album wird von der Charakteristik ein Metal bzw. ein GUARDIAN Album, nur eben ohne Gitarren. Auch ein relativ "hartes", wenn der Terminus hier angebracht ist. Zwar nicht "hart" im Sinne von "aggressiv", aber im Sinne von "heavy" oder "schwer". "War Feeds War" erschlägt mit seiner Dramatik, verwährt aber eingänge Strukturen oder gar einen Refrain. Und das ist nicht der einzige Song, bei dem relativ kompromisslos komponiert wird. Das Album wirkt weniger wie ein One-Off-Projekt, sondern wie der nächste logische Schritt nach "Beyond The Red Mirror" - welches bis Dato das progressivste aller GUARDIAN Alben war. Doch diese Auszeichnung könnte ohne Probleme an die "Legacy Of The Dark Lands" übergehen, so komplex sind die Songs teilweise strukturiert. Als Zuhörer muss man sich wappnen: JEDER Song schöpft die volle Dynamik des Orchesters aus, in JEDEM Song bekommt man also die volle Bombastladung ab und JEDER Song hat für sich gesehen schon das Potential, den Konsumenten völlig zu überfahren. Eine gemütliche symphonische Reise hört sich anders an, hier regiert 70 Minuten lang orchestrale Waschmaschine! [Anm. d. Lekt.: Im Schleudergang?]

Gibt man dem Album allerdings etwas Zeit, so offenbaren sich eine ganze Reihe unfassbar intensiver Momente, welche zu den absoluten Karrierehighlights der Krefelder zählen. "The Great Ordeal" startet mit einem übermäßig fröhlichen Klangbild, was sich plötzlich in eine apokalyptische Grundstimmung mit einigen unfassbar epischen Melodien verwandelt. Große Gänsehaut! Oder der schier wahnsinnige Stimmumfang von Hansi Kürsch, welchen er bei "In The Underworld" in nur einem Song präsentiert. Von tiefsten Bässen in die allerhöchsten Höhen, die er gefühlt seit "Somwhere Far Beyond" nicht mehr angetastet hat. Da bleibt einem tatsächlich die Spucke weg!

Es gibt natürlich auch zugänglichere Momente. Das mächtige "Point Of No Return" wurde nicht zufällig als erster Appetizer ausgewählt, da er über einen sehr nachvollziehbaren Songaufbau und einem prägnanten, süchtig machenden Refrain verfügt. Hier sind GUARDIAN ganz nah an den größten Hits aus der eigenen Vergangenheit. Ganz anders, aber ebenfalls sehr ohrwürmelig fällt das beschwingte "In The Red Dwarf's Tower" aus, welches von den Gesangsmelodien her auch eine GENESIS oder PHIL COLLINS Nummer mit Prog Rock Anleihen hätte sein können. "Dark Clouds Rising" ist ebenfalls ein sofort zündender Song, dem als einziger des Albums eine fröhliche Grundstimmung innewohnt und welcher den mit Abstand eingängigsten Refrain besitzt. Und wer die sorgsam inszenierte Spannungskurve des Albums bis zum Schluss verfolgt, der wird bei dem hyperbombastischen "Harvester Of Souls" mit einem der donnerndsten und epischsten Refrains belohnt, welche jemals aus der Feder der GUARDIANS geflossen ist. 

Bei solch einem Mammutwerk nach so einer langen Wartezeit wirklich allen Erwartungen gerecht zu werden, ist schier unmöglich. Und doch schaffen GUARDIAN es fast, auch die letzten Zweifler zu überraschen und die selbst gesteckten Ziele noch zu übertrumpfen. Fast, denn trotz dem hörbaren Perfektionismus gibt es zwei Dinge, die stören. Die eben erwähnte Spannungskurve findet mit "Harvester Of Souls" nicht nur ihren Höhepunkt, danach wird sie einfach nicht weiter verfolgt, obwohl das Album nicht zu Ende ist. "This Storm" fällt als Song qualitativ zu den Vorgängern ein wenig ab und weist auch zum ersten Mal musikalische Repetitionen auf. Keine herausgearbeiteten Reprises, sondern einfach melodische und kompositorische Ähnlichkeiten zu dem bis hierhin Gehörten. Das finale "Beyond The Wall" ist sogar eine richtige Enttäuschung. Denn nach all der Epik und Dramatik hätte man sich ein richtig majestätisches Finale gewünscht. "Beyond The Wall" liefert uns zwar einen sorgsam aufgebauten und sich in der Intensität steigernden Showdown, welcher teilweise an Film Scores erinnert. Doch liefert es kein Ende! Verglichen mit einem Kinofilm klingt das Stück, als würde in der finalen Schlacht plötzlich der Bildschirm schwarz und ein eingeblendetes "To Be Continued" ließe die Zuschauer mit einem unbefriedigenden Cliffhanger zurück. 

Das zweite Problem ist technischer Natur. Leider entpuppt sich ausgerechnet Hansi Kürschs Stimme als Fremdkörper im sonst so natürlichen und voluminösen Klangbild des Albums. Das liegt natürlich nicht an Kürsch selbst, dessen gesangliche Leistung auszeichnungswürdig wäre (gäbe es qualitativ bemessene Musikpreise). Kürsch ist mehr denn je Mittelpunkt des Gesamtwerkes, da er die schwierige Aufgabe hat (und sie meisterhaft löst), durch seine Gesangslinien und Texte Zugang zu dem komplexen Werk zu verschaffen. Rein am musikalischen und lyrischen Know-How Kürschs kommt die nächsten fünf Jahre mindestens Niemand vorbei. Doch leider wird der Genuss durch den Aufnahmesound getrübt. Während das Orchester und auch die organischen Chöre sehr natürlich und mächtig herüberkommen, klingt Kürsch unverständlicherweise total pappig und komprimiert. Das gleiche Problem hatten wir schon auf "Beyond The Red Mirror", hier klang die komplette Band im Gegensatz zum Orchester so. Ob es an der Auswahl des Mikros liegt oder ob Kompromisse wegen der Datenmenge gemacht werden mussten, ist nicht bekannt. Leider aber trübt dieses Manko den Hörspaß doch recht deutlich.

Fazit: "Legacy Of The Dark Lands"! Das Orchesteralbum von BLIND GUARDIAN ist tatsächlich endlich erschienen. Und abgesehen von ein paar Kritikpunkten hält es sämtliche Versprechen, die BLIND GUARDIAN schon immer über das Album gemacht haben. Trotz dass keine einzige E-Gitarre zu hören ist, klingt das Album nach Metal, nach GUARDIAN - und übertrifft kompositorisch alles, was die Krefelder seit "Nightfall In Middle Earth" veröffentlicht haben.



Bewertung: 4.0 / 5.0
Autor: Christian Wilsberg (03.11.2019)

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