ANTI-FLAG - 20/20 Vision

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VÖ: 17.01.2020
Bandinfo: ANTI-FLAG
Genre: Punk
Label: Spinefarm Records
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Lineup  |  Trackliste  |  Credits

Neues Jahr, neues Glück, neue Visionen - und wenn man den Blick in Richtung Pittsburgh, Pennsylvania schweifen lässt, startet die taufrische Dekade mit einem politischen Statement zum Zeitgeist und dem Irrsinn dieser Tage. Rund drei Jahre nach ihrem letzten regulären Studiooutput "American Fall" verpassen die Politpunker ANTI-FLAG ihren Volkslenkern den nächsten, nunmehr zwölften Denkzettel [das Akustikalbum "American Reckoning" mitgerechnet]. Dabei ist die aktuelle Scheibe "20/20 Vision" in gewisser Weise ein Novum, weil sie sich im Gegensatz zu den bisherigen Werken explizit gegen konkrete Persönlichkeiten (bzw. deren Politik) und nicht gegen das politische System im Allgemeinen richtet. Wie das Artwork unschwer vermuten lässt, steht anno 2020 US-Präsident Donald Trump [und wie die weiteren Albuminfos verraten, auch Vizepräsident Mike Pence] im Fokus der Pittsburgher.

Deshalb verwundert es auch nicht, dass der Albumopener "Hate Conquers All" mit einem passenden O-Ton des Präsidenten einleitet, bevor es in gewohnt flotter und bissiger Manier auf die Glocke gibt. Wenn wir an dieser Stelle die Brücke zur Musik schlagen, kann mit einer guten Nachricht an alle, denen die letzten Alben gut reingelaufen sind, eröffnen: denn was auf den Alben der "American"-Reihe und dem Vorgänger "The General Strike" funktionierte, findet sich auch auf "20/20 Vision" wieder: melodiegeladene, sing- und tanzbare Songs, die trotz ihrer hohen Eingängigkeit guten Gewissens unter dem Banner des Punkrock durchgepogt werden können. Hierzu zählen das besagte "Hate Conquers All", "It Went Off Like A Bomb" und ganz besonders das mit leichter Ska-Schlagseite und typischen ANTI-FLAGschen Basslines begeisternde "Don't Let The Bastards Get You Down".

Sitzt, passt, wackelt und hat Luft, kann man also sagen. Wer sich allerdings der Illusion hingibt, ANTI-FLAG würden - wie das zielgerichtete und aggressive Artwork vermuten lassen - wieder kräftiger Arsch treten, befindet sich auf dem Holzweg. Stilistisch bleibt nämlich wie angedeutet alles weitgehend beim Alten. Genauer betrachtet hat es sogar den Anschein, dass die generelle Entwicklung hin zu eingängigeren bis poppigeren Stücken noch etwas weiter fortgesetzt wurde. Prinzipiell ist daran nichts auszusetzen, besonders nicht vor dem Hintergrund der starken Alben der jüngeren Bandhistorie, zu denen sich auch der neue Dreher (fast) ohne Einschränkung gesellen kann.

Wenn man sich jedoch die politischen Messages und das vielzitierte Cover vor Augen führt, führen die mainstreamigen Anleihen in "Christian Nationalist" (hält sich noch in Grenzen) und "The Disease" (temporärer Plastikpop-Alarm) zumindest zu Irritationen. Man sollte ja meinen, für das selbstgesteckte Ziel, als beißendes Juckpulver in der präsidialen Unterhose zu peinen, wäre etwas mehr Wut nicht von Nachteil. Die gibt es erleichternder weise direkt einen Song später mit "A Nation Sleeps", das (endlich!) wie ein frisch geputzter Doc-Martens-Stiefel das Sitzfleisch misshandelt. Dazu gibt es mit dem akustischen Countryrocker "Un-American" und dem feuchtfröhlichen Ska-Punker "Resistance Frequencies" noch ein wenig überraschenden Stoff.

Also ist doch unterm Strich alles nicht so schlimm. ANTI-FLAG waren immer gut und sind es auch auf "20/20 Vision", daran ändern auch sporadische Zuckergussüberdosierungen nichts, zumal diese eher als Randerscheinung zum Vorschein treten. Im Kern bleiben die Pittsburgher ihrer Linie treu und machen musikalisch dort weiter, wo sie mit "American Fall" aufgehört haben. Demnach gibt es auch 2020 keine Neuauflage von "Die For The Government", dafür aber nach wie vor gepflegt melodischen Punkrock mit gehörigem Ohrwurmcharakter, einer gewichtigen Message und einer Menge Herz.



Bewertung: 4.0 / 5.0
Autor: Lord Seriousface (13.01.2020)

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