PORTA NIGRA - Schöpfungswut

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VÖ: 17.01.2020
Bandinfo: PORTA NIGRA
Genre: Black Metal
Label: Soulseller Records
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Lineup  |  Trackliste

"Schöpfungswut", die: abgrundtiefer Hass oder zumindest aufrichtig empfundene Abscheu gegenüber der verdorbenen Kreation einer Märchengestalt, die für alle Sünden der vermeintlichen Krone der Schöpfung geradestehen und diese bestenfalls sogar relativieren soll. Die sog. "Schöpfungswut" wird - vor allem - im aktuellen Zeitalter nachdrücklich dadurch intensiviert, dass sich der Mensch, so der akademische Titel jener verdorbenen Kreation, wider besseren Wissens und kontradiktorisch zu stetiger technologisch-wissenschaftlicher Progression in anderen Teilaspekten wie z.B. Moral und Respekt, die man auch unter dem Begriff Menschlichkeit zusammenfassen kann, sehenden und doch blinden Auges mindestens Richtung Mittelalter zurückbildet und -entwickelt, wodurch er im Jahre 2020 des neuen Jahrzehnts einen weiteren, vorhersehbaren Tiefpunkt in seiner Historie erwirken könnte.

Soweit zur begrifflichen Einordnung des Wortes "Schöpfungswut" anhand der neuesten (und natürlich höchst fiktiven) Auflage des Dudens, doch nun soll es ausschließlich um die musikalische Schöpfung PORTA NIGRAs, die sich nach dem berüchtigten "Kaiserschnitt" immerhin fünf Jahre dafür Zeit genommen haben, gehen. Wer die Pfälzer bislang nicht kannte, sollte sich für einen ersten Anhaltspunkt avantgardistisch-durchgedrehten Black Metal vorstellen, der einerseits ein bisschen BETHLEHEM reminsziert (Stichwort: Gesinnung), andererseits aber doch sehr eigenständig klingt. Vorstellung abgeschlossen? Gut, denn von dieser stilitischen Gasse - niemand behauptete, dass es eine Sackgasse gewesen sei - entfernen sich PORTA NIGRA auf ihrem Drittwerk deutlicher als angenommen.

Während also zuvor erwähntes "Kaiserschnitt" wie auch das Debüt "Fin de siècle" noch mit vielzähligen Stilexperimenten und -kuriositäten, Samples und (z.T. bizarren) Gesangsvariationen sowie darauf abgestimmte Produktionen auf sich aufmerksam machten und überzeugen konnten, bedient sich "Schöpfungswut" an einem klassischeren Black Metal-Arsenal, kommt schnörkelloser daher und wurde dementsprechend auch mit einer aggressiveren Soundabmischung versehen - der Titeltrack beispielsweise hätte mit seinem instrumentalen Grundstein auch auf einem der letzten MARDUK Alben vertreten sein können. Dass das nicht nur auf Gegenliebe stoßen wird, erscheint dabei offensichtlich, doch atmosphärisch betrachtet lassen sich PORTA NIGRA immer noch zweifelsfrei identifizieren. Die einstige Affinität zum Wahnwitz spiegelt sich lediglich in den Augen des Basilisken vollumfänglich wider, wohingegen man sie ansonsten "nur noch" in dissonanten Gitarrenharmonien ("Die Entweihung von Freya" und "Unser Weg nach Elysium") sowie den des Öfteren auftretenden, gedoppelten Gesängen, die unstreitbar ein Alleinstellungsmerkmal des Trios sind, verspürt.

Ob das im Kontrast zu den überwiegend eher geradlinig komponierten Stücken ("Das Rad des Ixion" ist mit seinem simplen Drumbeat fast schon ein Smash-Hit) ausreichen wird, um Liebhaber experimenteller Klänge mit Erfüllung zu segnen, kann ich nicht allgemeingültig beurteilen, aber darum ging es PORTA NIGRA während des Schreibprozesses vermutlich auch nie. Betrachtet oder hört man "Schöpfungswut" als das, was es primär ist, nämlich ein weitestgehend frontal angreifendes, lyrisch exzellentes Black Metal-Album, macht es seine Sache sehr gut und leidet dabei lediglich an seltener Eintönigkeit, die man im Umkehrschluss allerdings auch einem sehr homogenen Gesamtbild unterordnen kann. In anderen Worten: "Schöpfungswut" wird musikalisch mutmaßlich gemischte Reaktionen hervorrufen, doch z.T. hochmoderne, gesellschaftliche wie politische Strömungen mithilfe tendenziell eher traditionellerer Klänge zu kritisieren und zu ächten - so zumindest meine Rezeption des Albums -, kann für sich genommen auch schon als eine gelungene Umsetzung avantgardistischer Kunst, ja, als womöglich vollkommen beabsichtigtes Zerrbild verstanden werden.



Bewertung: 4.0 / 5.0
Autor: Pascal Staub (16.01.2020)

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