LINDEMANN - F & M

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VÖ: 22.11.2019
Bandinfo: LINDEMANN
Genre: Industrial
Label: Universal Music Austria
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Lineup  |  Trackliste

Ein Review über ein Album zu schreiben, das schon vor ein paar Wochen veröffentlicht wurde, ist mal was anderes. Zahlreiche Leser werden die neuen Videos von LINDEMANN schon gesehen haben. Eingefleischte LINDEMANN und RAMMSTEIN Fans haben sicherlich das Album schon erstanden. Wer jetzt noch unschlüssig ist, dem hilft vielleicht mein Review auf die Sprünge.

Es ist völlig klar, dass Till Lindemann und Peter Tägtgren mit „F&M“ wieder ein Album gemacht haben, das polarisiert, aufschreckt, entsetzt, diverse aufwühlende Gefühle hervorruft und einen manchmal auch zum Schmunzeln bringt. Würden sie das nicht tun, wäre man sicherlich enttäuscht. Wie üblich wird mit mehrdeutigen, beklemmenden Texten gearbeitet, die Till in seiner spezifischen Darbietung mit rollendem R und ausdrucksvoll gesprochenen Silben diesmal ausschließlich auf Deutsch bringt. Wem die Aussage von Songs wie der düsteren Industrialnummer „Gummi“ noch nicht reicht (es geht hier um die Liebe jedweden Gummiartikels – also Ohren zu, wer nicht viel verträgt), oder wer bei „Knebel“ nicht weiß, wie kreativ man das auslegen könnte, den kann ich gleich an die Videos verweisen.

Diese sind die Krönung des Ganzen. Egal ob als Unikat oder in mehrfachen Varianten (siehe „Ach so gern“) , die optische Umsetzung ist förmlich das Sahnehäubchen des Aneckens, und ich kann mir vorstellen, dass die meisten Seher aus der „Oh-Mein-Gott-das-ist-unmöglich“-Ecke kommen und eher zufällig über die Videos gestolpert sind und nicht aus dem Fanbereich. Mit den bildgewaltigen, blutigen und teilweise richtig grauslichen Filmchen setzt sich Macher Zoran Bihac auch ein Denkmal. Man kann sich den Werken eigentlich nicht entziehen und giert förmlich nach Information. So kommt es dann schon mal, dass man – weil auf youtube Zensur herrscht – pornhub durchstöbert, um endlich eine unzensierte Version von „Knebel“ zu finden. Das führt zwar leider dazu, diverse andere Vorschläge dieser Art zu bekommen, aber das gehört nun mal zum Leben. Man sollte nur aufpassen, dass in diesem Fall keine Kinder in der Nähe sind.

Nun jedoch wieder retour zum Album an sich. Diesmal haben sich die beiden des abendfüllenden Themas „F & M“ angenommen – Frau und Mann. Es gibt viele Songs, die dazu passen, andere aber gar nicht, und man hat vor allem beim Song „Schlaf ein“ das Gefühl, das ist ein reiner Lückenfüller. Die Piano Nummer „Wer weiß das schon“ kann entweder künstlerisch wertvoll gesehen werden oder auch mit Fragezeichen. Detto die „Mathematik“ – sie passt für meinen Geschmack nicht ganz 100 %ig dazu. Es ist ein groovy Sprechgesang, der am ehesten noch eine moderne Version bzw. Antwort auf ALICE COOPERS „School’s out“ sein kann. Aber mit "Frau & Mann" finde ich nur weitestgehend über die Schule eine Verbindung.

In vielen Songs geht es ums Menschliche und Zwischenmenschliche und was zwischen Mann und Frau abläuft, ganz egal auf welcher Ebene. Die musikalische Umsetzung reicht dabei von Industrial über Gothic bis hin zu zarten Pianoklängen. Wenn die beiden gar nicht wissen, was einem Lied am besten tut, dann machen sie gleich zwei Variationen davon, wie beim Opener „Ach so gern“. Hier kann sich jeder selbst rauspicken, ob ihm die energiegeladene heavy Version mehr zusagt, oder die an die 20er-Jahre erinnernde Tango Version, die vor allem von Tills starker Stimme lebt.
Ich persönlich bevorzuge den Tango. An sich schon ein sehr einprägsamer und ansprechender Rhythmus, wird dadurch bei diesem Song eine Stimmung erzeugt, die uns zurück in die wilden zwanziger des letzten Jahrhunderts driften lässt. Krönung des Ganzen: der Tango lässt sich – wenn ohne Text – in jeden Ballsaal schummeln und kann für so manchen Klavierschüler eine gewagte Nummer werden, die sogar Oma und Opa gefällt, weil ohne Tills rollendes R und den dunklen Text klingt alles sehr brav und wohlgesittet.

Knallhartes zweites Stück, das Mann und Frau an die Haut geht: „Knebel“
Zuerst kommt mal die Lagerfeuerromantik – nur der Mann und seine Gitarre, eine einfache Melodie, ein einfacher Text, fast wie ein Seemannslied. Klingt eigentlich weise, was Till alles so beschreibt. Bis zu dem Moment, wo der Knebel ins Spiel kommt. Denkt man am Anfang noch nichts Schlimmes, so überkommt einen bei mit Wut geschrienen „Knebel in dem Mund“ plötzlich ganz was anderes, und wer es noch immer nicht gecheckt hat, wie schräg Till und Peter drauf sind und wie weit sie sich mit Provokation aus dem Fenster lassen, der schaue mal das Video an.

Wütende Stücke sind „Allesfresser“ und „Steh auf“. Ersteres hat Industrial-Highlights und der geschriene Refrain sowie die Umsetzung der Lyrics ab Mitte des Songs erzeugen ganz schön Gänsehaut. Zweiteres ist ein knalliger Fetzer, der einem nach dem Schlaflied mit Wucht in die Gegenwart holt und sich durch beißende Aggression in die Magengegend wühlt. Die Lyrics lassen vermuten, dass es sich hier um völlig andere Inhalte handelt, als man im ersten Moment aufgrund der doch auch weichen Passagen und des flüssigen Songwritings denkt.

Ebenfalls erwähnenswert der Vampirsong „Blut“. Das Gothic-Electro-Soundkleid tut das ihre, um hier ein anderes Genrebild heraushören zu können. Interessant würde ich eine Umsetzung von Bihac finden; ihm fällt garantiert was absolut Verstörendes dazu ein.

Fazit: Musikalisch wird bei „F & M“ ein ruhigerer Weg eingeschlagen. Industrial a la RAMMSTEIN hört man wenig. Dafür gibt es auch cleane Sounds, so manche Disco und Gothic Samples, ein wenig Orchester und Piano oder klassischen Tango mit Ziehharmonika und Blasmusik. Was an Biss in der Musik fehlt, wird durch die Texte erreicht. In Summe lassen Lindemann und Tägtgren wieder aufhorchen und verstören wie erwartet gekonnt den Durchschnittsbürger. Der Fan genießt die Vieldeutigkeit und Ironie, die beklemmenden deutschsprachigen Texte und die an frühere Zeiten angelehnten Melodien und das kompakte und gleichzeitig in Höhen und Tiefen rudernde Songwriting.




Bewertung: 4.0 / 5.0
Autor: Lady Cat (30.01.2020)

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