SHIRAZ LANE - Vibration I

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VÖ: 17.01.2020
Bandinfo: SHIRAZ LANE
Genre: Melodic Hardrock
Label: Ranka Kustannus
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Lineup  |  Trackliste

Auf dem Plattenteller heute haben wir etwas aus dem hohen Norden, nämlich aus Finnland, wo man sonst fälschlicherweise vielleicht nur düstere Klänge verorten würde (abgesehen von den geschätzten 900 Humpa-Tralala-Bands vielleicht - der Elfenbeinturminsasse). Doch in diesem Fall könnte es nicht ferner davon entfernt sein, handelt es sich doch bei dem neusten Werk der fünf Herren von SHIRAZ LANE nicht nur um deutlich fröhlicher gestimmtes Klangmaterial, es ist auch um einige Längen softer als Anderes was sich in den dunklen finnischen Wälder so herumtreiben mag. Was in diesem Fall aber keinesfalls ein Zeichen von geringerer Qualität ist. Im Gegenteil, die neuste Veröffentlichung der Finnen, die auf den Namen "Vibration I" getauft wurde, dürfte durchaus das bisher qualitativ Beste sein, was die Band in ihrer bisherigen Karriere auf Platte gebannt hat. Dass sie dabei deutlicher als je zuvor mit dem Mainstream kokettieren, das tut dem Klangvergnügen hierbei zum Glück keinen Abbruch. Außerdem, da es sich bei "Vibration I", wie am Name unschwer zu erkennen sein dürfte, nur um den ersten Teil einer Doppel-EP handelt und die Band versprochen hat, dass der zweite Teil musikalisch deutlich "experimenteller" werden sollte, dürfte dies alle Fans der Truppe vertrösten, die vom etwas gefälligeren Songwriting des ersten Teils von "Vibration" nicht begeistert sein sollten. Denn diese werden dann hoffentlich spätestens bei Teil II von "Vibration", welcher dann später im Jahr 2020 folgen soll, auch auf ihre Kosten kommen. Doch nun wenden wir uns erst einmal dem nun erschienenen Teil I zu:

Wieder unter der Regie des renommierten Produzenten Per Aldeheim aus Stockholm hat die Band im Sommer 2019 vier neue eigene Songs und einen Coversong aufgenommen. Die Erfahrung von Aldeheim kann, wie auf dem Vorgänger, dem Album "Carnival Days" von 2018, bereits auch bei dieser Veröffentlichung wieder deutlich herausgehört werden. Wo "Carnival Days" noch rauer und kraftvoller daherkam, ist "Vibration I" vom Mix her leider jedoch deutlich glattgebügelter. Dennoch sind sowohl die Gitarrenarbeit der Gitarristen Jani Laine und Miki Kalske, als auch die Basslinien von Bassist Joel Alex, zum Glück noch deutlich genug auszumachen. Auch was das Songwriting angeht hat man sich, wie bereits erwähnt, mit diesem Release mehr in Richtung Mainstream bewegt. Wo jedoch vorher auf einer eins zu eins live spielbaren Umsetzung der Songs auf CD geachtet wurde, sind die Gitarrenparts dieses Mal deutlich mehrschichtiger angelegt und auch die Qualität des Songwritings insgesamt hat trotz einer größeren Gefälligkeit eher noch zu-, als abgenommen.

"Keep It Alive" ist ein Opener wie er im Buche steht. Mit SHIRAZ LANE-typischen groovig-rockigen Klängen wird man hier textlich quasi sogleich mit der selbtproklamierten Hippie-Attitüde der fünf Finnen vertraut gemacht. Von den doch eher düsteren Thematiken der Vorgängerveröffentlichung "Carnival Days" ist hier nichts mehr zu spüren und so versprühen die Songs vom ersten Ton an gute Laune! Mit "Do You" ist der Band die bisher vielleicht stärkste Singleauskopplung gelungen. Aber was die Komposition angeht wohl auch der poppigste Song den sie bisher veröffentlicht haben. Der folgende Song "Revolution" ist für mich der einzige leichte Tiefpunkt der EP. Dies ist jedoch Jammern auf hohem Niveau (oder wie hies nochmal dieser Handcreméhersteller?). Auch wenn sich dieser Song, ebenso wie jeder andere Song der Platte, zu einem sehr starken Ohrwurm auswachsen kann und live vermutlich herrvorragend funktionieren dürfte, fehlt in der Studioversion etwas der Druck hinter den Lead-Vocals. Musikalisch der rockigste Song auf "Vibration I", könnte sich der Song live performt - wie bereits zuvor bei "Shot Of Life", einem Song von der letzten Platte der Band, erlebt - live jedoch durchaus zu einem der besten Livesongs mausern können. Unter anderem weil Sänger Hannes Kett's Stimme bei vielen Songs noch kräftiger daherkommt als auf Platte. Und "Revolution" hat alles, was einen live gut funktionierenden Song ausmacht. Kräftiges Riffing, starke Vocal-Lines und einen Refrain der prädestiniert dafür ist, laut mitgesungen zu werden!

Der wahre "WOW!"-Moment der EP verbirgt sich hinter dem Lied mit dem unscheinbaren Titel "You Will Remain": Denn wer hinter diesem Titel einen weiteren Lovesong vermutet, der sollte sich warm anziehen, denn hier wird es textlich sehr tiefgründig. Aber obwohl die Band eigentlich von Tod singt, ist die Botschaft des Songs schlussendlich doch eine sehr hoffnungsvolle. Und schließt sich damit, beabsichtigt oder unbeabsichtigt, direkt an das auf dem Vorgängeralbum erschienene "Reincarnation" an, welches Songwriting-technisch auch schon zu einer der besten Kompositionen der Band zählte. Und auch wenn "You Will Remain" mit sanfteren Gitarrenklängen startet, so wird der Song gegen Ende hin doch noch sehr viel gitarrenlastiger. Gerade dieser Spannungsbogen, den die Band hier abermals gekonnt musikalisch zeichnet, fügt sich herrvoragend mit dem starken und eindringlichen Songtext zu einer Einheit zusammen und so ist für mich "You Will Remain" der absolute Höhepunkt der EP. Die musikalische Stärke von SHIRAZ LANE merkt man dann auch am Neu-Arrangement des von der Band gecoverten Hits "To The Moon & Back" - das Original aus den 90er-Jahren des letzten Jahrhunderts, welches von der Band SAVAGE GARDEN stammt, dürfte wohl jedem bekannt sein. Das seltsame ist, dass der Song in seinem neuen Gewand zwar eindeutig zu erkennen, aber doch nicht weiter vom Original entfernt sein könnte, kommt er doch nicht nur deutlich zackiger und grooviger daher als das Original, auch musikalisch kann hier von Sänger Hannes Kett, der hier scheinbar mit Leichtigkeit eine seiner bisher stärksten Gesangsarbeiten abliefert, über Gitarren-, Bassarbeit, bis hin zu Drummer Ana Willman jeder der Musiker absolut brillieren. Und so scheint es fast als wäre der Song seit jeher ein SHIRAZ-LANE-Original gewesen, obwohl man weiß, dass dem nicht so ist. Die eierlegende Wollmilchsau scheint es wohl doch zu geben? Auch eine kurze selbst durchgeführte Umfrage bei mehreren damaligen SAVAGE GARDEN Fans ergab, dass selbst die größten Fans des damaligen Songs diese Coverversion fast genauso, oder noch mehr feiern, was insbesondere bei einem so über die Maßen erfolgreichen Original eine herausragende Leistung ist.

Alles in allem emittiert dieser erste Teil der Doppel-EP von SHIRAZ LANE, nicht unpassend zum Namen derselbigen, einfach verdammt gute Stimmung. Und vielleicht auch, weil das Songwriting sich mehr dem Mainstream annähert, hat jeder Song der EP penetranten Ohrwurmcharakter, ohne dabei die Nerven der Hörer zu strapazieren. Im Gegenteil: "Vibration I" macht süchtig und ist für meinen Geschmack nach Drücken der "Play"-Taste doch viel, viel zu schnell wieder vorbei. Man kann SHIRAZ LANE zwar nicht absprechen, dass sie mit ihrer neusten Veröffentlichung in Richtung massentauglicherer Musikwasser schippern, und möchte hoffen, dass sie das Ruder mit dem zweiten "Vibration"-EP-Veröffentlichung dann wieder herumreißen um nicht ganz in den Mainstream hineinzugeraten. Die ganze Scheibe ist aber trotzdem auf einem, von vorne bis hinten gleichbleibenden, hohen handwerklichen Qualitätsniveau, wie man es bereits von vorherigen Veröffentlichungen der Finnen gewohnt war. Zwar haben sie mit "Vibration I" vieles anders, dabei aber so gut wie nichts falsch gemacht!

Nachtrag: Nachdem inzwischen, kurz nach Fertigstellung der Review, die CD eingetrudelt ist muss ich erstaunt feststellen: Es lohnt sich nach wie vor, gut gemischte Veröffentlichungen auf CD zu kaufen. Das Mastering klingt hier nämlich komplett anders als bei den digital veröffentlichten Dateien. Hier ist der Sound nicht mehr glattgebügelt, sondern genauso kräftig wie man es vom vorherigen Album der Band "Carnival Days" gewohnt war! Gefällt einem also die Musik sollte man sich beeilen, denn der physikalische Release der EP ist auf 500 handnnummerierte Exemplare limitiert...

 



Bewertung: 4.5 / 5.0
Autor: Marc F. Folivora (04.02.2020)

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