SLIME - Wem gehört die Angst

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VÖ: 13.03.2020
Bandinfo: SLIME
Genre: Punk
Label: Arising Empire
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Lineup  |  Trackliste  |  Trivia

Man sollte es nicht glauben, aber es gab tatsächlich eine Zeit, in der der Verfasser mit Metal noch nicht allzu viel anfangen konnte. METALLICAs "Reload" stand alleine im Regal, die Buxe erstrahlte in feierlichem Schottenmuster und man tanzte nur allzu gerne den "1,7 Promille Blues" ("[der] normalste Stand seit langer Zeit"). Es waren unbeschwerte Tage, jedoch ohne den Funken einer Hoffnung auf eine Wiederkunft der Hamburger Punk-Instanz. Ich hätte mir nicht träumen lassen, diese stilprägende Band des deutschen Bunthaarkosmos eines Tages live zu sehen, neue Musik von ihr zu hören oder mit Dirk Jora über ROSE TATTOO zu sinnieren. Und als die Band schließlich beim Ruhrpott Rodeo 2010 ihren ersten Auftritt nach 15 Jahren gab, gleichte die Erfahrung einem Schlüsselerlebnis. Polizeihelikopter, Sirenen, und plötzlich stehen die alten Hasen - zu immerhin 60% in alter Besetzung - auf der Bühne, als wären sie niemals weg gewesen...dieses souveräne Comeback mit einer prall gefüllten Best-Of-Setlist wird mir wohl ewig als historisch im Gedächtnis bleiben. Und heute, zehn Jahre später, hat die Reunion immer noch Bestand, das Lineup blieb unverändert und auf Arising Empire gibt es das dritte Album seit der Rückkehr - "Wem gehört die Angst".

Nun muss ich eingestehen, mich mit dem Vorgänger "Hier und jetzt" (2017) lange Zeit nicht beschäftigt zu haben. Nach "Sich fügen heißt lügen" (2012) und den Konzerten zum Album fanden die Hamburger (wenn überhaupt) nur selten den Weg auf meinen Plattenteller. Und gerade aus diesem Grund war ich umso gespannter darauf, wie SLIME 2020 klingen - schließlich werden auch Punker nicht jünger und 40 Jahre im Business sind kein Pappenstiel. Natürlich hätte ich nicht damit gerechnet, dass die Truppe auf ihre alten Tage nochmal ein zweites "Slime I" oder "Alle gegen alle" heraushaut - das könnte man rund vier Dekaden nach besagten Alben kaum mehr glaubhaft verkaufen. Aber dennoch schwang die unterschwellige Hoffnung mit, dass im Angesicht des reichhaltigen Nährbodens unserer Zeit der ein oder andere Hassbatzen mit an Bord sein sollte. Immerhin waren SLIME eine der radikalsten und aggressivsten Kapellen ihrer Zeit - ein politisches Krawallbollwerk, das einige Stücke hervorgebracht hat, die bis heute unter Strafe nicht aufgeführt werden dürfen (auch wenn keiner mit halbem Hirn die provokanten Parolen der frühen Tage wörtlich nehmen würde). Nicht zuletzt haben sie auch nach ihrer jüngsten Reunion auf der Bühne und auf Platte eine gute Figur gemacht - da dürfte doch nichts mehr in die Hose gehen, oder?

Nicht wirklich. "In die Hose gehen" wäre maßlos übertrieben, aber wenn ich ehrlich bin, war ich nach den ersten Durchläufen von "Wem gehört die Angst" ein wenig ernüchtert. Besonders die ersten Stücke der Platte rocken locker-lässig vor sich hin und liefern eher soliden Altherren-Punkrock als den erwarteten (oder gewünschten) Wutanfall. Wäre da nicht Dirk Joras prägnantes Organ (eine Stimme wie ein Fußballstadion, die hier leider viel zu selten voll ausgeschöpft wird), hätte ich die Musik vermutlich einer anderen Band angerechnet. Die alten Platten darf man wie erwähnt nur bedingt zum Maßstab nehmen, doch wäre ein bisschen mehr Gift und Galle kein Luxus gewesen. Wenn ich mir heute "Schweineherbst" (1994) anhöre oder an die letzten Tourbesuche zurückdenke, verspüre ich immer noch einen Weckruf, der den inneren Schweinehund der Gleichgültigkeit verjagt und sagt "steh auf und verändere was". Bei "Wem gehört die Angst", "Paradies" oder "Wenn wir wollen" hingegen kann ich noch zustimmend nicken, doch für den beschwerlichen Weg heraus aus dem heimischen Sessel oder zum Verändern eingefahrener Gewohnheiten reicht's leider nicht. Dabei könnte der Irrsinn unserer Gesellschaft heute viel lautere Kritik vertragen, mehr als noch vor zehn, zwanzig Jahren.

Tatsächlich finden sich die stärksten Songs in der zweiten Hälfte der Platte, allen voran das geniale "Kein Mensch": harte Riffs, bissiger Text, starke Vibes - hier stimmt alles. "Weisser Abschaum" nimmt mit reichlich Ironie und Sarkasmus den deutschen "white trash" auf die Schippe und begeistert mit Kontrasten aus heiterer Musik und ernsten Inhalten im Text. "Fette Jahre" und "Wenn wir wollen" thematisieren globale Themen wie den Klimawandel und die nach-uns-die-Sintflut-Mentalität in weiten Teilen der Weltgemeinschaft. Seien es Umweltthemen, der internationale Rechtsruck oder das Schüren von Ängsten: textlich bewegen sich SLIME nach wie vor am Puls der Zeit, legen den Finger in die Wunde und setzen den reflektierteren Ansatz ihrer 1990er Alben fort. An der Botschaft und den Texten der Hamburger gibt es nichts auszusetzen, nur wie bereits angesprochen, würde den hier aufgegriffenen Themen mehr Pepp in der Musik gut zu Gesicht stehen - bei den vorangegangenen Platten (inkl. "Hier und jetzt") hat's auch geklappt.

Schade...so richtig umhauen kann mich die neue Scheibe nicht und ich wünschte, dass es anders wäre. Stetig ist der Wandel und aus jungen Krawallos werden erwachsene Musiker. Und während die dem Punk stets verbundenen MOTÖRHEAD Zeit ihres Bestehens unbeirrt ihr Ding durchzogen, beweisen Bands wie DRITTE WAHL, dass man dem unvermeidlichen Zuwachs von Lebenserfahrung auch sehr souverän begegnen kann. Aber heute ist nicht aller Tage Abend und "Wem gehört die Angst" dürfte nicht das letzte Wort des Hamburger Szeneflaggschiffs sein. Warten wir ab, was da kommt und trinken noch einen auf die guten alten Zeiten:



Bewertung: 3.5 / 5.0
Autor: Lord Seriousface (23.03.2020)

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