TESTAMENT - Titans Of Creation

Artikel-Bild
VÖ: 03.04.2020
Bandinfo: TESTAMENT
Genre: Thrash Metal
Label: Nuclear Blast Records
Hören & Kaufen: Amazon
Lineup  |  Trackliste

"Titans Of Creation" ist nicht nur ein Titel, der von Eliran Kantor - wie ohnehin gewohnt - pittoresk umgesetzt wurde, sondern der zugleich auch an die Urheber selbst, TESTAMENT, wohlwollend verliehen werden kann. Seit dem auf "The Formation Of Damnation" praktizierten Comeback zählen diese nämlich zu den konstantesten Bay-Area-Kuratoren und konnten speziell mit dem darauffolgenden "Dark Roots Of The Earth" einen späten Klassiker in ihrer sowieso nicht ganz unprominenten Diskografie platzieren, den ich persönlich regelmäßig nebst "The Legacy" oder auch "The New Order" auflege. Sicherlich, gerade Chuck Billy kann seit der Rückkehr, die nun auch schon wieder sehr lange zurückliegt, nicht mehr gänzlich durch das Tor der früheren Glanzzeiten schreiten und bleibt dabei - vor allem live - gerne mal schreiend an der Schwelle hängen, doch ist der natürliche Alterungsprozess nur allzu menschlich und TESTAMENT als Kollektiv immer noch bärenstark, was heutzutage ansonsten kaum eine Legende aus Übersee so richtig von sich behaupten kann.

An "Titans Of Creation" erstaunen mich deshalb mehrere Aspekte: 1) Gene Hoglan, der Gene-Hoglan-Sachen macht und damit unlängst in ein Stadium übergegangen ist, in dem man diese irre präzisen und diversen Drumpatterns fast schon schulterzuckend registriert. 2) Alex Skolnick und Eric Peterson, die rifftechnisch oftmals lässig ihre Handschrift hinterlegen und fulminante Soli aus den Handgelenken schütteln. 3) Steve DiGiorgio am Bass, der sich zwischen den beiden Saitenhexern neben ihm immer noch durchsetzen kann und abermals eine transparente Andy-Sneap-Abmischung durchgeboxt bekam. Und 4) Chuck Billy, der trotz signifikanter Abnutzung immer noch sehr solide unterwegs ist und den Rest mit Charisma erledigt. Was ich mit all dem auszudrücken versuche, ist folgendes: TESTAMENT zanken sich während der Songwritingphase und dem anschließenden Aufnahmeprozess bestimmt hin und wieder, doch sind womöglich genau diese Methoden der Ursprung dafür, dass man gemeinsam als Gruppe, die 1983 bzw. 1986 gegründet wurde, auch heute noch, also mindestens 34 Jahre (!) später immer noch höchste Relevanz im Metalzirkus genießt, wohingegen andere möglicherweise nur noch von ihrem Namen profitieren.

Trotzdem oder gerade deshalb hätte ich mir schlussendlich noch mehr Experimente oder frische Ideen wie in "Night Of The Witch" oder "Curse Of Osiris", die u.A. Elemente aus ansonsten eher fremden Genres wie dem Black Metal durchschimmern lassen und darüber hinaus auch noch von Petersons angeschwärzter DRAGONLORD-Stimmlage profitieren, gewünscht. Einerseits ist "Titans Of Creation" an vielen Stellen geradliniger und thrashiger als das - meiner Meinung nach - "nur" gute "Brotherhood Of The Snake", das an einigen Stellen zu verkopft komponiert erschien, andererseits hätte man genau daran auch arbeiten und somit eine noch bessere Balance herstellen können. Aus der Perspektive des außenstehenden Nichtmusikers lässt sich das natürlich sehr einfach aufschreiben, doch insbesondere das wenig zielführende und lahme "City Of Angels" sowie das nicht so richtig auf den Punkt kommende letzte Albumdrittel um "The Healers", "Code Of Hammurabi" und das unnötige Outrogeplänkel von "Catacombs", das sich, eben abgesehen von besagtem Knaller ("Curse Of Osiris"), zwar immer noch auf gutem Niveau bewegt, in Anbetracht des nach dem Motto All guns blazing verfahrenden Einstiegsquartetts sowie den groovigen "Symptoms" und "Ishtars Gate" aber dennoch vergleichsweise blass zurückbleibt, machen diese Beobachtungen um wiederholt auftretende Problemzonen leider unumgänglich.

Täuschen sollte man sich von diesen Schilderungen allerdings nicht lassen, denn in der Summe seiner Einzelteile ist "Titans Of Creation" immer noch ein richtig gutes, überzeugendes Werk, das man schmerzfrei durchhören kann, obschon es - zumindest für mein persönliches Befinden - mit einer knappen Stunde Spielzeit ca. zehn Minuten zu lang geraten ist. Besser bzw. einprägsamer als der Vorgänger "Brotherhood Of The Snake" ist es in meinem Falle definitiv, doch speziell "Dark Roots Of The Earth" hat dadurch, dass sämtliche Komponenten weitaus zwingender und schlüssiger inszeniert wurden, nicht nur eine kleine Nasenspitze Vorsprung, sondern eher eine im Stile der osterinsulanischen Moais. Verlässlich und bemerkenswert würdevoll sind TESTAMENT trotz allem immer noch unterwegs, doch drängt sich gleichzeitig auch der etwas unbefriedigende Eindruck auf, als würde der technische Aberwitz die Titanen gelegentlich ein wenig übermannen und vom eigentlich ergiebigeren Ziel weglotsen. Ein echtes Luxusproblem, wenn man so will.



Bewertung: 3.5 / 5.0
Autor: Pascal Staub (01.04.2020)

WERBUNG: Hard
ANZEIGE
WERBUNG: Pulse
ANZEIGE