ABORTED - La Grande Mascarade

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VÖ: 17.04.2020
Bandinfo: ABORTED
Genre: Death Metal
Label: Century Media Records
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Lineup  |  Trackliste

ABORTED feiern Geburtstag. Zwar - hoffentlich! - mit mindestens eineinhalb Metern Abstand zueinander, per Facetime, Skype oder - ganz konventionell - mit dem Telefon, aber sie feiern Geburtstag. Zumindest sollte man das für die staatlich geprüften Metzgermeister hoffen, denn ein 25-jähriges Jubiläum steht natürlich für eine außerordentliche, beachtliche Leistung - besonders für eine nicht ganz zimperlich agierende, zünftige Death-Metal-Band. Streift der Blick zur Recherche allerdings über das "Past Members"-Register des Metal-Archives-Bandeintrags, wird einem erneut bewusst, dass dieser immense Zeitraum für das einzig verbliebene Gründungsmitglied, Sven "Svencho" de Caluwé, nicht nur Spaß bereitet haben wird, sondern mindestens gelegentlich auch ein Kampf gewesen sein muss. Vielleicht ist er als Person ungenießbar, vielleicht hat die Konstellation bisher aber auch einfach nie richtig funktioniert - das liegt sicherlich nicht im Bereich meiner Beurteilungskompetenz.

Was ich jedoch beurteilen kann, ist das musikalische Lebenswerk, die Diskografie bis zum Zeitpunkt dieser Rezension. Und diesbezüglich überwiegt der positive Eindruck einer belgischen Band, die sich zu einer Marke, die gleichermaßen für Studio- und Live-Qualität steht, hochgeschuftet und der Szene ihren eigenen Stempel aufgedrückt hat. Sicherlich, "Strychnine.213" wurde nicht nur medial, sondern auch von weiten Teilen der beleidigten Audienz dafür geschändet, dass es zu modern und melodisch gewesen sein soll, aber was sind schon ein oder zwei Durchhänger in einer 25-jährigen Karriere? Richtig, davon würden andere Bands träumen. Warum ich das alles überhaupt erzähle? Weil ABORTED die Feierlichkeiten mit einer nett gemeinten EP für ihre Fans einleiten - "La Grande Mascarade". Den Rest ahnt ihr schon: Es vollzog sich - mal wieder - ein Gitarristenwechsel unter den Abgetriebenen. Statt Mendel bij de Leij, der auf "The Necrotic Manifesto" wie insbesondere auf "Retrogore" großartige Arbeit leistete und damit einen nicht unerheblichen Teil dazu beitrug, dass sich ABORTED nach erwähntem Knick wieder als Festung des Untods konsolidieren konnten, ist nun der Amerikaner Harrison Patuto (ex-VALE OF PNATH) ein Teil der Band und feiert direkt zum Jubiläum seinen Einstand - welch aufregende Zeiten, nicht wahr?

Vielleicht war dieser erneute Wechsel aber auch nötig, denn in der Nachbetrachtung flachte "TerrorVision" leider vom Eindruck des Rezensionszeitpunkts ab, was definitiv auch am offensichtlich stärkeren "Retrogore" liegt, welches als eiserne Instanz einen beachtlichen Schatten über seinen Nachfolger wirft. Wer weiß das schon? Natürlich bleibt dabei fraglich, ob man Herrn Patuto bereits anhand zweier neuer Songs (einer stammt noch von der "TerrorVision"-Session) bewerten kann oder überhaupt muss (?). Geändert hat sich nämlich wenig bis nichts: die Produktion ist mir persönlich, obschon ABORTED in diesem Aspekt während ihrer gesamten Laufbahn sowieso selten zu glänzen wussten, immer noch viel zu klinisch und ausserdem fehlt den Songs der Wiedererkennungswert, der gleichermaßen frühere wie neuere Werke auszeichnete. Selbstverständlich wird einem sofort klar, dass hier ABORTED durch den örtlichen Schlachthof schroten und irgendwie ist das alles auch ganz nett und hörbar, aber das ist auch gar nicht der entscheidende Punkt: von der prominenten Konkurrenz (oder dem Kollegium) weiß man sich jederzeit abzuheben, nur eben nicht vom eigenen Schaffen. Was sich im Nachhinein schon auf "TerrorVision" abzeichnete, wird auch hier deutlich: die Songs werden im Bandkontext gleichförmger und schablonenhafter, das gewisse Etwas fehlt. 

In gewisser Hinsicht fühle ich eine Art Schuld, dass ich ausgerechnet zu diesem feierlichen Anlass kritische Worte wählen muss, aber wie ich oben schon sagte: „Was sind schon ein oder zwei Durchhänger in einer 25-jährigen Karriere?“ Ich bin also positiver Dinge, dass mit etwas mehr Eingewöhnungszeit schon auf dem nächsten Album der erhoffte Kracher folgen kann, wobei für ABORTED in erster Linie möglicherweise wichtig sein wird, dem Besetzungskarussell den Antrieb zu rauben und das fortwährende Ringen auf ein Minimum zu reduzieren. Mit Ken Bedene, der nun immerhin schon seit zehn Jahren am Drumkit sitzt und längst zu einem wichtigen Bestandteil der Band-DNA wuchs, zählt man bereits ein Mindestmaß an Konstanz und Identifikation (!) zu seinen Reihen, aber selbst wenn es sich bisher meistenfalls in hochwertigen Releases ausging und ein gelegentlicher Tausch auch neue Anreize mit sich bringen kann, wäre ABORTED bzw. Svencho genau diese Konstanz und Identifikation (oder zumindest etwas mehr davon) auch bei seiner Saitenfraktion zu wünschen - nicht nur anlässlich des Geburtstags, sondern grundsätzlich.

Alles Gute!



Ohne Bewertung
Autor: Pascal Staub (17.04.2020)

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