WINTERFYLLETH - The Reckoning Dawn

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VÖ: 08.05.2020
Bandinfo: WINTERFYLLETH
Genre: Black Metal
Label: Candlelight Records
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Lineup  |  Trackliste

Dass im Jahre 2020 ausgerechnet die Monate April und Mai eine besonders hohe Dichte an vortrefflichen Veröffentlichungen haben würden, war selbstverständlich nicht empirisch vorherzusagen, zumal das ohnehin je nach persönlichem Geschmack variiert, kommt in dieser von Ungewissheit und Isolation geprägten Zeit aber geradezu wie in Auftrag gegeben. Als WINTERFYLLETH vor einigen Wochen ihr neues Werk "The Reckoning Dawn" ankündigten, war ich trotz dessen, dass ich mich als großer Fan der Briten sehe, vergleichsweise skeptisch, ob sie mich damit auf hochklassige Art und Weise dem Alltag entreißen und in ihr altertümliches Königreich entführen könnten, schließlich war doch der letzte metallische Vorgänger, "The Dark Hereafter" (2016), eine ungewöhnlich durchwachsene Reise in längst vergangene Zeitalter. Doch nach einer Woche Intensivtherapie in den heimischen vier Wänden sowie in der Natur unter dem düsteren, regenverhangenen Himmelszelt steht für mich fest, dass sich WINTERFYLLETH in ihrer neuen Formation mit Dan Capp (WOLCENSMEN) gefunden haben und dadurch den zeitweise leicht verblichenen Glanz erneut entfachen konnten.

Für sich genommen hat eine knapp einstündige Spielzeit wenig Aussagekraft, auf der sich Argumentationen selbstbewusst stützen lassen, doch gibt es bei detaillierter Betrachtung natürlich Anzeichen, die auf einen bedeutend größeren Ideenpool beim Songwriting von "The Reckoning Dawn" hinweisen, schließlich war besagtes "The Dark Hereafter" nicht nur um zwanzig Minuten kürzer, sondern beinhaltete darüber hinaus auch noch einen Bonustrack des Vorgängers "The Divination Of Antiquity" (2014) sowie eine Neu-Interpretation des ULVER-Klassikers "Capitel I: I troldskog faren vild". Durchschnittlich, schlecht oder gar tragisch war das zwar nicht, aber in einem Punkt waren sich viele Anhänger und Journalisten einig: WINTERFYLLETH sind besser als das. Und "The Reckoning Dawn" kann und wird das bestätigen.

Von Überraschungen bleibt man dabei zwar genauso verschont wie (glücklicherweise) von der Wiederverwertung von bereits Bekanntem, weswegen lediglich die beschließenden Chöre eines "A Hostile Fate (The Wayfarer Pt. 4)" besonders präsente, allerdings auch konzeptionell bedingte Erinnerungen an "The Wayfarer (Part 1: The Solitary One Waits for Grace)" wecken, doch bedurfte es dieser gar nicht, um zurückzufinden. Vielleicht benötigte es lediglich die (hervorragende) Exkursion in akustische Folk-Landschaften, "The Hallowing Of Heirdom" (2018), um nun gestärkt zurückzukehren. Aber ungeachtet dessen, wo die Wahrheit letztlich auch liegen mag, steht eines fest: "The Reckoning Dawn" zieht mich von der ersten Sekunde an in seinen Bann. Da wäre z.B. der ungewöhnlich aggressive Opener "Misdeeds Of Faith", der sich lieber schroff als melodisch präsentiert und den heroischen drohende Chöre vorzieht. Oder aber der Titeltrack, "Absolved In Fire", "A Greatness Undone" und "In Darkness Begotten", die nicht nur das gesamte Potenzial zwischen wehklagenden Akustikgitarren und Streichern, mal intensiv-atmosphärischem, mal furiosem Pagan Black Metal, klug integriertem Keyboard, markant-heldenmütigen Chören und bissigen Vocals entladen, sondern auch spürbar von der grandiosen, Gänsehaut-erzeugenden Leadgitarre eines Dan Capp, der sich mittlerweile als unaufwiegbarer Hinzugewinn erweist, profitieren. Müsste ich gezielt nach eventuellen Schwachstellen suchen, wäre ich wahrscheinlich in zehn Jahren noch damit beschäftigt.

Um nun noch den eingangs aufgegriffenen Gedanken zu vollenden, möchte ich abschließend noch eine wichtige Lehre streifen, die WINTERFYLLETH mit "The Reckoning Dawn" vermitteln. Es ist die Lehre von der unermesslich wertvollen, mitreißenden Schönheit der Musik, der man sich nicht nur grundsätzlich, sondern gerade auch in besonderen Zeiten wie diesen immer wieder bewusst werden muss, die man wertschätzen muss, weil sie sich als unerschütterliche Konstante unverfroren gegen sämtliche Widrigkeiten stellt, die Tatsächlichkeit ausblendet und kuriert. Für eine Stunde betritt man mit WINTERFYLLETH eine andere, höchst aufregende Welt, die von einem packenden Soundtrack mit meisterlich feingeschliffenem Songwriting (der Verbund zwischen "Betwixt Two Crowns" und "Yielding The March Law"!) umrahmt wird, so dass im Vergleich selbst der bisherige Diskografie-Primus "The Mercian Sphere" ein wenig wankt. 



Bewertung: 5.0 / 5.0
Autor: Pascal Staub (06.05.2020)

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