CALL IT TRAGEDY - Turbulence

Artikel-Bild
VÖ: 24.04.2020
Bandinfo: CALL IT TRAGEDY
Genre: Metalcore
Label: Eigenproduktion
Hören & Kaufen: Amazon
Lineup  |  Trackliste

Metalcore made in Germany ist ja für gewöhnlich ein Qualitätsmerkmal, aber da gerade innerhalb der letzten fünf Jahre massenweise Bands aus dem Nährboden hervorgekommen sind, ist es auch ein umkämpftes Feld. CALL IT TRAGEDY haben bereits mit ihrem 2016er Werk "Penumbra" durchaus unter Beweis gestellt, dass sie ihr Handwerk verstehen, doch der eigentliche Clue im Metalcore Sektor besteht anno 2020 darin, sich vom Einheitsbrei abzugrenzen und neue Wege zu ergründen. Ob das den sympathischen Jungs aus Deutschland wohl mit ihrem Zweitwerk "Turbulence" gelingen mag?

Produktion und Screams auf Top-Niveau
Brechen wir den Release auf Produktion und Screamer Jörn runter, spielen CALL IT TRAGEDY ohne weiteres ganz oben mit. Was Jörn hier von Beginn an rausschmettert, lässt sich am ehesten mit Genrekollege Daniel Winter-Bates von BURY TOMORROW vergleichen. Unglaublich variables Screaming, das den Sound mit dem Opener "Illusion Of Control" sofort prägt, der eine gute Mitte zwischen Härte und Melodie erwischt. Die Cleans von Bassist Harvey können das Niveau von Jörn allerdings nicht ganz mittragen und wirken, zumindest auf dem Studiorelease, etwas künstlich bearbeitet, sodass die Eigenständigkeit und der Druck abhanden kommen. Da spielt ein Jason Cameron von BURY TOMORROW definitiv in einer anderen Liga. Was die Songstrukturen angeht, wollen CALL IT TRAGEDY sehr viel und unterstreichen bereits im Opener, dass sie vom Soundgerüst her komplexer sein wollen. Leider geht mir hier zu schnell der rote Faden flöten, denn Komplexität will wohldosiert eingesetzt werden, überspannt hier aber völlig den Bogen und will zu Beginn viel zu viel. "Wings" geht in Sachen Tempo gut nach vorne und drischt sich mit Brutalität in unsere Gehörgänge, was aber wohlwollend zu werten ist! Die dezenten Vocals vom Basser funktionieren hier in Kombination mit den harsh Vocals in der Strophe bedeutend besser. Noch bevor eine Hook auf uns losgelassen wird, knallen uns die Jungs einen netten Breakdown um die Ohren. Gerade die vielen Tempowechsel machen hier Spaß und überfordern im Gegensatz zum überladenen Opener nicht. Lediglich mit den klinischen Cleans werde ich nicht warm und vermisse hier einen Kontrast, der den Melodien mehr Leben einhaucht. "Immortal" schafft in meinen Augen einen perfekten Spagat zwischen melodischem Riffing und brachialer Gitarrenkunst, diesmal auch mit gut eingesetzten Cleans, die durch den uptempo Chorus und die stark geschriebene Hook besser zur Geltung kommen. Die danach einsetztenden, fast schon verzweifelt wirkenden Screams hauen mir die Kinnlade runter und verdeutlichen einmal mehr, dass Jörn in der Königsklasse unterwegs ist. Ein "Blackout" versucht sich mit mehr Groove und versiertem Drumming, das den Strophen in der Instrumentierung etwas mehr Tiefgang verleiht. Während die Bridge kalt lässt, funktioniert das feurige Duell aus Cleans und Screams in der Hook bestens. Das atmosphärische Instrumental "Turbulence" holt uns erstmal wieder runter, bevor "Feather" insgesamt eher ruhige Töne anstrebt. Hier darf Bassist Harvey in den Strophen ran, wird aber relativ zügig von Jörn abgelöst, der mit sehr emotionalen Screams aufwartet. Hier heben sich CALL IT TRAGEDY deutlich von der Konkurrenz ab, verbleiben in einem sanften Gewand, das immer kurz von wuchtigen Screams und Drumpassagen abgelöst wird. Gefällt! 

Reicht eine runde Sache, um sich im Genre durchzusetzen?
"Turbulence"
ist ein achtbares Zweitwerk geworden, das in vielerlei Hinsicht überzeugt und vor allem mit Jörn einen wahnsinnig charismatischen Screamer offenbart. Die Cleans sind nicht immer on point und lassen vermuten, dass Bassist Harvey live eventuell nicht mit der krassesten Stimme gesegnet ist, aber gerade in gut geschriebenen Hooks können CALL IT TRAGEDY das gut kaschieren. Ansonsten würde ich mir in Sachen Cleans mehr Variabilität wünschen. In den Strukturen überspannen die Jungs den Bogen manchmal und wollen krampfhaft ZU viel, das lieber etwas drosseln und dosierter einsetzen. Dann sehe ich eine glorreiche Zukunft für die Truppe und freue mich im Allgemeinen, mehr von ihnen zu hören!



Bewertung: 3.5 / 5.0
Autor: Sonata (07.05.2020)

WERBUNG: Hard
ANZEIGE
WERBUNG: LAMB OF GOD - Lamb Of God
ANZEIGE