THE O'REILLYS AND THE PADDYHATS - Dogs On The Leash

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VÖ: 29.05.2020
Bandinfo: THE O'REILLYS AND THE PADDYHATS
Genre: Folk Rock
Label: Metalville
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Lineup  |  Trackliste

Irish Folk Rock/Punk füllt die Lücke zwischen der Hoffnung auf eine bessere Welt und der Realität. Deshalb dringen die Klänge von „Dogs On The Leash“ nun zum hundertsten mal in meine Ohren. Das hätten THE O'REILLYS AND THE PADDYHATS heute in jedem Fall getan. Live. Von der Bühne des großartigen Irish Folk Open Air Poyenberg. Ihr viertes Album hätte die von dunklem Bier und feinem Whiskey beseelten Menschen zum Tanzen gebracht, wäre da nicht die pandemische Wirklichkeit. So ertönt die Musik aus den heimischen Boxen und lässt sehnsüchtig von einer besseren Welt träumen.

Mit „Green Blood“ spielten sich THE O'REILLYS AND THE PADDYHATS 2018 endgültig über die Grenze von „noch eine weitere Irish-Folk-Rock-Band“ hinaus in die Herzen all jener, die ihren Rock gern keltisch inspiriert erleben. An diese Liebeserklärung für die grüne Insel anzuschließen, kann und wird keine leichte Aufgabe sein, die die Wahliren – Vorsicht: Spoiler! – jedoch mit Bravour meistern, sich sogar selbst übertreffen.

Während die herausgehobenen Songs „Green Blood“ und „Irish Way“ des vergangenen Albums und Klassiker wie „Barrels Of Whiskey“ – nicht ohne ernste Noten – ein Lebensgefühl der alkoholisch akzentuierten Liebe zum Grün-Weiß-Orange vermittelten, gehen die O'Reilly-Brüder und ihre Crew mit „Dogs On The Leash“ andere Wege. Um diesen Pfad nachzuzeichnen schlage ich vor, du schenkst dir ein Gläschen ein – ob weiß gekrönte Dunkelheit oder Gerstengeist mit alten Eichenträumen – und wir hören uns durch die bebilderten Auskopplungen der PADDYHATS.

Der Titelsong und Opener der neuen Platte „Dogs On The Leash“ holt genau dort ab, wo sich die nach Irish Folk Punk dürstende Seele befindet: zwischen unrechtmäßiger Gefangenschaft und unaufhaltsamer Energie zum Freiheitskampf. Die hässliche Wirklichkeit, der große Wunsch nach Veränderung. Die unwahrscheinlich irische Spannung zwischen Unrecht und Emanzipation, zwischen Trauer und Auflehnung, das Gefühl der Underdogs, die sich ihrer Ketten entledigen.

Nachdem die Stimmung etabliert ist – das Unrecht ist erkannt – wird der Punk ein wenig gezügelt und der Folk aufgedreht. „Here It Goes Again“ geht in den Appell über. Die Identifikation – Wer bin ich? Wer will ich sein? – schält sich aus der vorherigen Frage, wer man nicht sein will, heraus. Eine Antwort darauf bieten die Klänge voller Geige und Flöte, die direkt in die Beine wollen.

Aus der Ungerechtigkeit in die gewünschte Welt und wieder zurück. In „Hobo Of Mitchelstown“ wird die Geschichte des unverhofften Absturzes umrissen. Nichts währt für immer, kein Erfolg ist gewiss. Begleitet von der treibenden, fröhlichen Musik geben THE O'REILLYS AND THE PADDYHATS kleine Tipps: Das Leben ist jetzt. Und: Das Glück liegt nicht im Großen. Also tanzt! Tanzt mit mir! Cheers!

Wer nicht tanzt, dem droht das Schicksal, das in „Millions“ gezeichnet wird. Traurig hören wir von der Gier, vom Wunsch nach mehr. Dem vorangegangenen Gefühl für den Augenblick gegenübergestellt ist die Rastlosigkeit des auf stetigen Wachstum ausgelegten Strebens. „How many millions do you need to say that you succeed? […] What makes you feel content? When will it end?“

„This is where we belong, we have to sing this song!“ Eine weitere unglückliche Geschichte über die Vergänglichkeit ist die von „James Brian“. In seiner Erinnerung treffen wieder die Themen aus Trauer und Verbundenheit aufeinander, die sich durch die ganze Platte ziehen.

Dies waren nur die ersten fünf Songs von „Dogs On The Leash“ (in der Reihenfolge ihres Erscheinens und nicht in der auf dem Album), denen noch weitere acht folgen, die den Hörer jeder für sich auf ihre Reise mitnehmen. Einige stellen das Gehörte in den Schatten und andere bleiben dahinter zurück, aber welche was davon tun, ist so subjektiv, wie es nur sein kann. Hervorragend musiziert wird in jedem davon und so bleibt es nur eine Frage der persönlichen Verbindung zu den Themen.

Fazit: Tanzen zwischen Schmerz und Freude

THE O'REILLYS AND THE PADDYHATS präsentieren mit „Dogs On The Leash“ nicht nur eine bestimmte Antwort auf die Frage, ob man tanzen wolle, sondern füllen sie mit der tragischen Freude, mit der fröhlichen Trauer, wie es nur der leidend lachende Irish Folk Rock kann. Und selten wurde die Vereinigung vermeintlicher Gegensätze gekonnter zelebriert als in den Händen dieser Ruhrpottiren, die auf ihrem unabwendbar scheinenden Weg an die Spitze des Genres ein komplizierteres Album als zuvor abliefern, das nichtsdestoweniger, vielleicht sogar noch mehr Herz hat. „Dogs On The Leash“ ist ein Lebensratgeber, der in Freude wie auch gegen den Schmerz tanzen und sich mit Leidensbrüdern und Schwestern verbünden lässt. Hebt mit mir euer Glas auf THE O'REILLYS AND THE PADDYHATS. Erin go Bragh!

 

Um Missverständnissen in der Notenvergabe vorzugreifen, sei hier erwähnt, dass es sich bei 3,5 Punkten um eine sehr gute, bei 4,0 Punkten um eine außergewöhnlich starke Platte und bei 4,5 Punkten um ein überragendes Ausnahmealbum in der Meinung dieses Review-Autoren handelt.



Bewertung: 4.0 / 5.0
Autor: Jazz Styx (20.06.2020)

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