WESERBERGLAND - Am Ende der Welt

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VÖ: 24.04.2020
Bandinfo: WESERBERGLAND
Genre: (nicht klassifizierbar)
Label: Apollon Records
Hören & Kaufen: Webshop
Lineup  |  Trackliste

An einem trüben Herbsttag vor drei Jahren habe ich Mat McNerney gefragt, welche Musik er in Erwartung eines unmittelbar bevorstehenden Weltuntergangs gerne hören würde: „…irgendetwas Chorales von John Cage…“, wusste er erstaunlich schnell. Ich habe ahnungslos genickt und mich abends das erste Mal Cages Musik gewidmet. Ein wunderbar bedrückendes Erlebnis. Und so bezweifele ich nicht, dass diese minimalistischen Klänge den Abspann unseres Planeten würdig begleiten werden.

Was aber, wenn uns nun außerplanmäßig Zeit geschenkt würde? Angenommen, jemand wäre so höflich und berichtete uns schon etwas mehr als 42 Minuten vor dem Moment, in dem wir nach Cage verlangten, von dem unaufhaltsamen Schlamassel. Dann würde der Wunsch aufkommen, sich diese Zeit genauso angemessen zu vertreiben. Vielleicht mit diesem, zufällig auf jede nur erdenkliche Art in diese Lücke passenden, Ein-Song-Album der norwegischen Band WESERBERGLAND: „Am Ende der Welt“.

Der Bandname ist klug gewählt. Wenn man Nischenmusik macht ist es legitim, Stolperschnüre für die flüchtigen Augen der Soundgesättigten zu spannen. Ich bin erwartungskonform gefallen und aus Neugier geblieben. Für etwas mehr als 42 Minuten progressiv-nu-jazzigen, trip-hop-elektronischen Experimentallärm – und ein paar erleichterte Atemzüge danach. Allein das im Line-up vereinte Orchester („computer, prepared guitar, prepared piano, saxophone, strings, turntables“) lässt bereits erahnen, dass die akustische Erfahrung eher einem abstrakten Gemälde als einem Radio Hit entsprechen könnte. Für mich ein freudiger Wink mit dem Qualitäts-Zaunpfahl. Als Fehltritt habe ich den unerwarteten Sturz in „Am Ende der Welt“ deshalb keineswegs empfunden. Eher als herausfordernd, spontan und impulsiv.

Das ist nicht die schlechteste Kombination, der man sich aussetzen kann, wissen Freunde progressiv artistischer Sparten. Genau diese Zielgruppe könnte an „Am Ende der Welt“ Spaß haben, obwohl die Verbindung zum Rock hier nur dadurch aufrechterhalten wird, dass sich der querflötende (Film-)Komponist und Produzent Ketil Vestrum unter (viel) anderem auch bei WHITE WILLOW und MOTORPSYCHO austobt und eine gewisse Begeisterung für Krautrock hegt. Beim 2017 erschienenen Vorgänger, dem WESERBERGLAND Erstling, tritt das deutlicher zutage: „Sehr Kosmisch, Ganz Progisch“ ist eine lebensfrohe, nicht minder verrückte aber wesentlich leichter zugängliche Krautrock-Hommage, die auch die Affinität zu deutschsprachigen Bezeichnungen erklären könnte.  Es lohnt sich unbedingt, in beide Alben hineinzuhören, denn sie sind gelassene Verbündete, denen man ihre enge Verwandtschaft nur glaubt, wenn man länger zuhört.

Vielleicht haben wir nach dem Ende der Welt noch überraschend viel Zeit. Dann könnten wir – ganz progisch und ziemlich kosmisch – das „Trinklied vom Jammer der Erde“ anstimmen und danach „Tanzen und Springen“. Irgendwie eine schöne Vorstellung.



Ohne Bewertung
Autor: Daria Paul (29.06.2020)

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