GAEREA - Limbo

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VÖ: 24.07.2020
Bandinfo: GAEREA
Genre: Black Metal
Label: Season of Mist
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Lineup  |  Trackliste

Hinter dem Namen GAEREA versteckt sich ein weiterer Vertreter des schwarzmetallischen Subkosmos, dessen Mitglieder sich in Anonymität üben und in Schleier gehüllt praktizieren. Mit ihrem Debutalbum "Unsettling Whispers", das 2018 via Transcending Obscurity Records erschien, machten sich die Portugiesen einen Namen als vielversprechender Newcomer im Untergrund. Doch schon mit dem hier besprochenen Nachfolger "Limbo" greifen sie nach den Sternen. Denn wie man weiß, hat die Truppe jüngst den Wechsel zum französischen Schwarzteespezialisten Season of Mist vollzogen, der Bands wie ABBATH, 1349, etc. unter Vertrag hält. Damit einhergehend (und möglicherweise mit ausschlaggebend für den Wechsel) stehen in der näheren oder ferneren Zukunft Auftritte im Großraum Europa an, wobei man von der neuen Liaison mit dem im heimischen Zielgebiet bestens vernetzten Partner profitieren dürfte. Doch für große Bühnen braucht man (zumindest theoretisch) großes Kino - woraus sich die unvermeidliche Frage ableitet, wie heiß das neue Eisen aus Portugal eigentlich ist.

Großes Kino für große Bühnen?

Bevor wir uns dieser Frage eingehender widmen, tauchen wir zunächst kurz ab in eine nebulöse Grauzone zwischen Investigativjournalismus, wilder Spekulation und gefährlichem Halbwissen. Denn wie bereits an anderer Stelle gemunkelt wurde, erzählt man sich, dass die Jungs des ebenfalls aus Portugal stammenden Death-/Doom-Duos OAK ehemalige oder aktive GAEREA-Mitglieder seien. Dafür sprechen würde, dass deren Fronter Guilherme Henriques in den sozialen Netzen aktiv für bevorstehende GAEREA-Shows wirbt und die besagten OAK obendrein als Support für den Lissabon-Gig an den Start gehen. Ebenfalls ein Indiz, wenn auch kein Beweis, ist die Tatsache, dass sich das gewiefte Händchen für Produktionen, das man beim OAK-Debut "Lone" kennenlernen konnte, auch bei den GAEREA-Alben durchschimmert. Ob es tatsächlich auf personelle Überschneidungen zurückzuführen ist, bleibt zwar weiter hinter den Schleiern der Bandmitglieder verborgen - doch findet man eine so gelungene Symbiose aus vitalem Sound und fulminanter wall of sound nicht alle Tage.

Womit wir die Brücke zu "Limbo" schlagen - einem Album, dessen Name auf den ersten Blick verwirrend erscheinen kann. Denn wer sich bisher nicht tiefergehend mit des Deibels Ersatzbank auseinandergesetzt hat, wird sich womöglich verkohlt vorkommen. Doch man denke und forsche nach: "Limbo" oder "Limbus" steht für den theologischen Begriff der Vorhölle, einem Ort für die Seelen derer, die weder eine Eintrittskarte für den Himmel erhaschen konnten, noch boshaft genug für den Dienst in der Hölle waren. Oder anders ausgedrückt: ein Ort für jene Vollprofis, die aufgrund ihrer Unfähigkeit, ein aus ethisch-moralischer Sicht eindeutiges Schiff zu besteigen, dazu verdammt sind, auf ihrem Weg zum tiefen Süden an der Bushaltestelle schmoren dürfen. Und wenn dies kein Motiv oder Anreiz für das Verfassen kathartischer BM-Songs darstellt, was dann?

Schwitzen und schreien für den Seelenfrieden

Ganz recht, GAEREA bezeichnen ihre Kunst als "Cathartic Black Metal" - und unter "Katharsis" versteht man eine Art seelische Reinigung durch das Durchleben oder Ausleben negativer Emotionen...wie beim Verdreschen eines Sandsacks, beim feuereifrigen Belehren eines unfähigen Handwerkers oder eben dem Darbieten von Klangkunst im Spektrum des finstersten Subgenres des Metal. Am Ende steht eine Läuterung oder Verbesserung des inneren Zustands, doch der Weg dorthin wird gesäumt von langem und tiefem Leid - von knappen 52 Minuten, um genau zu sein.

Was GAEREA auf "Unsettling Whispers" begonnen haben, wird auf "Limbo" weiter vertieft und ausgebaut. Der bereits angerissene Sound wird noch eine Ecke massiver, transparenter und abgegrenzter in Bezug auf die einzelnen Akteure. Ob "perfekt" hierbei wirklich "perfekt" ist oder ob ein kleines bisschen Restrauschen das Tüpfchen auf dem "i" gewesen wäre, bleibt dabei Geschmackssache. Die Kompositionen streben in der Tendenz zu längeren Stücken und zu einem höheren Aggressionslevel. "To Ain" baut, dem BEHEMOTH-Einsteiger "Blow Your Trumpets Gabriel" nicht unähnlich, bedrohlich und sukzessive Spannung auf und mündet in einer für das Album typischen Intenstitätsübung aus dichten Blast-Teppichen und trostlosen Gitarren-Landschaften. Gefühle der Sinnlosigkeit und Leere machen sich breit, werden regelrecht mit dem Baustellenkompressor in den Hörer eingetrichtert. Es wirkt entfernt wie Vermählung von BEHEMOTHscher Brutalität mit den ausweglosen Stimmungslabyrinthen MGLAs. Die verzweifelte und einfühlsam vermittelte Stimmung ist allen Songs gemein - sowohl in den Longtracks wie "To Ain" oder "Mare" als auch in den kürzeren, eingängigeren Stücken wie "Null" oder "Urge". Das dissonant und dystopisch anmutende "Glare" erscheint dabei als emotionaler Höhepunkt (oder besser: Tiefpunkt). Ein weiteres Merkmal, das alle Stücke wie ein roter Faden durchzieht, sind die immer wieder anders umgesetzten Stimmungswechsel. Das triste und erdrückende Moment behält stets die Überhand, doch bringt jeder Song einen positiven und aufhellenden Spin, der einer Erlösung gleich die Leere bricht...als wäre der verdammte Bus endlich angekommen, um den Reisenden zu täglichen Streckbank-Behandlungen und MOTÖRHEAD-Konzerten zu geleiten.

Bühne frei für GAEREA!

Der Name mag verwirren, doch der Inhalt überzeugt. In Zeiten, in denen verschleierte Dunkelheimer mit komplexen Kompositionen von betrübter Stimmung höchst angesagt erscheinen, dürfte der Zuspruch für GAEREA und "Limbo" nicht auf sich warten lassen. Von daher bleibt eigentlich nur noch zu wünschen, dass sich die Menschheit in Geduld und Disziplin übt, die Erfolge der vergangenen Monate nicht verspielt und der kathartische BM GAEREAs auf den Bühnen Europas und der Welt präsentiert werden kann. Zuwiderhandlungen werden mit mindestens zehn Millionen Jahren an der Bushaltestelle geahndet!



Bewertung: 4.0 / 5.0
Autor: Lord Seriousface (22.07.2020)

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