BEDSORE - Hypnagogic Hallucinations

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VÖ: 24.07.2020
Bandinfo: BEDSORE
Genre: Progressive Death Metal
Label: 20 Buck Spin
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Lineup  |  Trackliste

Zahlreich und scharfzüngig wurde das amerikanische Underground-Label 20 Buck Spin besonders im letzten Jahr dafür angegriffen, dass sie sämtliche vielversprechende, zumeist amerikanische Oldschool-Death-Metal-Newcomer, die in den besonders gebildeten Sphären logischerweise alle gleich klingen sollen, bereits nach einem Demo signen und damit über alle Stränge exorbitieren würden. Den ein oder anderen herabwürdigenden Schmunzler konnte ich beim Lesen solch hochwertiger Essays trotz meiner allgemeinen Beherrschung natürlich nicht unterbinden, aber selbst wenn man sich die Zeit nimmt, um sich mit dieser sogenannten "Kritik" auseinanderzusetzen, wird einem rasch deutlich, wie geistlos diese doch ist. Denn eines steht fest: Authentischer klang dieses Subgenre in der letzten Zeit selten, was vor allem dann erkennbar wird, wenn man die Schablone anlegt und mit dem Gros des europäischen Marktes vergleicht, in dem sich mittlerweile jedwede drittklassige Schülerband ein HM-2-Pedal vom Taschengeld zusammenkratzt und den Rest davon, von dem man sich normalerweise, wie gemeinhin bekannt, ein Eis kaufen soll, für die Soundkluft aus dem Hause Swanö berappt. Nothing for ungood, Ladies and Gentlemen, aber ehe ich mein Erspartes für durchschnittlich vergnügliche Tributkasperl à la CARNATION, (neue) ENTRAILS, das grauenvolle CENTINEX-Desaster seit der Re-Union oder das hundertmillionste Rogga-Johansson-Projekt aus dem Kellerfenster werfe, spare ich lieber auf ein verpflichtendes Jahresabo beim 20BS-Mailorder. 

Das soll selbstverständlich nicht andeuten, dass es im europäischen Raum keine ernstzunehmenden Qualitätsnachweise mehr gäbe, nein, aber weil die meisten "mittelständischeren" Labels ebenjene "verschlafen" und lieber die Abziehbilder unter Vertrag nehmen, mussten zuletzt eben Ván Records bei NEKROVAULT und SWEVEN eingreifen, wohingegen 20 Buck Spin sich mit BEDSORE eine italienische Formation in den Kader geholt hat, die in bester Metal-Tradition des Landes Grenzen abreißt und mit ihrem Debüt "Hypnagogic Hallucinations" sicherlich am Ende des Jahres ganz weit oben in meinen persönlichen Charts landen wird. Warum? Das Quartett hat unzählige spannende Ingredenzien im Bestand und formt daraus eine Vision, wie kreativer Death Metal momentan klingen kann: Psychedelika im Stile von MORBUS CHRON ("The Gate, Disclosure", "The Gate, Closure (Sarcoptes Obitus)" und "Cauliflower Growth"), Songprogessionen, die das DEATH-Logo auf der Netzhaut des geistigen Auges einbrennen ("Deathgazer"), und Melodien aus den Anfangstagen von PARADISE LOST ("Disembowelment Of The Souls (Tabanidae)"). Meine persönlichen Favoriten sind dabei die beiden Longtracks "At The Mountains Of Death" und "Brains On The Tarmac", die den drogig-progressiven Sound immer weiter potenzieren, nahtlos atmosphärische Keyboard-Passagen in zähen Death-Doom übergehen lassen und jazzige Bassläufe implementieren. Dazu garnierend ein komplementierender, organischer Sound fernab konventioneller Produzenten, der präzise in der Kategorie Produktionen landet, die viele Fans genau dann beschwören, wenn eine Band ein gewisses Popularitätslevel überschritten und sich danach für die höhere Preisklasse entschieden hat. Gelegentlich, wenn man so manch totdigitalisierten Mumpitz à la CARNIFEX' "World War X" oder LORNA SHOREs "Immortal" zu genießen versucht, kann man es ihnen nicht verdenken, aber gerade bei 20BS kann man sich zu nahezu 100% sicher sein, dass beim Klang keine falschen Kompromisse eingangen werden.

Aber kommen wir zum Punkt: BEDSOREs "Hypnagogic Hallucinations" ist mein bisheriges Death-Jahreshighlight nebst BLACK CURSE' "Endless Wound" und NEKROVAULTs "Totenzug: Festering Peregrination". Das mag einerseits daran liegen, dass ich mich dieses Jahr noch nicht mit allzu vielen Genre-Releases auseinandergesetzt habe, andererseits aber auch - oder vor allem - daran, dass diese drei Vertreter mir bisher auch gar keine andere Wahl liessen als sie immer und immer wieder abzuspielen. Was BEDSORE hier auf ihrem Debütalbum (!) offerieren, ist ein künstlerischer Genuss. Und ehrlicherweise verärgert es mich jetzt schon, dass "Hypnagogic Hallucinations" wohl weitestgehend übergangen wird, wenn Ende 2020 die Alben des Jahres gekürt werden. Dennoch bin ich mir sicher, dass die Italiener über kurz oder lang den wohlverdienten Ruhm für dieses Werk erhalten werden, denn auch NOCTURNUS wurden erst sträflich missachtet und später gebührend gelobt.



Bewertung: 4.5 / 5.0
Autor: Pascal Staub (18.07.2020)

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