IMPERIAL TRIUMPHANT - Alphaville

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VÖ: 31.07.2020
Bandinfo: IMPERIAL TRIUMPHANT
Genre: Black Metal
Label: Century Media Records
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Lineup  |  Trackliste

Meine sehr verehrten Damen und Herren, seien sie herzlich willkommen in "Alphaville", einer schillernd-goldenen und perfekten Metropole, Sitz richtungsweisender Raumfahrt- und Nukleartechnik, Schulterschluss allerhöchster künstlerischer wie kultureller Errungenschaften, erschaffen von der amerikanischen IMPERIAL TRIUMPHANT Corporation in engster Zusammenarbeit mit dem geachteten Architekten Zbigniew Bielak.“, leiert es verzerrt aber doch einladend aus den Lautsprechern am Grenzübergang. Unablässig den gesamten Globus herumirrenden Gerüchten zufolge soll in der Weltstadt nicht nur ein System mit Recht und Ordnung für unantastbaren Frieden garantieren, sondern zudem jedem einzelnen Bürger behaglichen Wohlstand zusichern. Auch einen namenlosen Protagonisten lockte süßliches Hörensagen nach "Alphaville", doch weiß dieser bislang noch nicht davon, dass diese verheißungsvollen Aufnahmen, die sich gerade an der Grenzlinie in sein Gehör schmiegen, bereits vor über einem Jahrzehnt aufgezeichnet und erstmalig ausgestrahlt wurden. Und dass er soeben ein One-Way-Ticket eingelöst hat.

Im Zentrum prangt ein monumentaler Wolkenkratzer, der aufgrund seiner Bauweise und Größe rasch das Interesse weckt, dessen optische Sogwirkung hypnotisierende Formen annimmt und das Elend, das man auf dem Weg dorthin, also zwischen dunklen, versifften Gassen und dubiosen Klitschen, regelrecht greifen können müsste, umstandslos ausknipst. Er fasziniert mit seiner glänzenden Anmut, lässt den Protagonisten aber für all das erblinden, was in den letzten Jahren an diesem Ort geschehen war. Die einstige Metropole verkam zum Schmelztiegel für obskure Drogendealer, sich hemmungslos zudröhnende, dauerbetäubte Superreiche, die von einem ekstatischen Jazz-Abend zum nächsten stolperten, und primitiv vegetierenden Menschen (in höheren Kreisen als Plebs verrufen), denen letztlich die Bereicherungsgelüste anderer und ein menschenverachtendes, gesellschaftliches Aufstiegssystem so übel mitgespielt hatten, dass sich ihnen das als offen versprochene Tor Richtung Garten Eden vor der Nasenspitze zuschlug. Dass derartige Zustände nicht an eine breitere Öffentlichkeit gelangen konnten, hatte den ganz einfachen Grund, dass nur eine vermeintliche Minderheit unter dieser absonderlichen Koexistenz litt, wohingegen ein Großteil vom grassierenden Denunziantentum profitierte. Bestehende Rechtssysteme wurden schnell gekappt und entfernt, das Gesetz der Straße erhielt Einzug. Entweder man geht als Unprivilegierter daran zugrunde oder man spielt als Privilegierter solange mit, bis man auf die eine oder andere Art an der Megalomanie zugrunde geht. Die Grautöne dazwischen verblichen nach und nach. Außenstehende, die sich selbst vom allumfassenden Reichtum überzeugen wollten, um "Alphaville" schlussendlich doch angewidert den Rücken kehren zu wollen, werden als Eindringlinge, Systemfeinde deklariert und verschwinden spurlos.

Als darauf aus dem obersten Stockwerk ebenjenen kolossalen Bauwerks nach einer von unzähligen Fehden ein Menschenleben gestoßen wurde und nur wenig später so hart neben dem Protagonisten aufprallte, dass sich sämtliche Innereien über einen Radius von fünf Metern wie ein roter Teppich auf dem Asphalt ausrollten, wird er schlagartig aus seiner Illusion gerissen und er beginnt zu realisieren, worauf er sich hier eingelassen hat. Er sieht sich panisch um, hinter der glitzernden Fassade verbargen sich degoutanter Schmutz, abscheuliches Leid und narkotische Trance, deren bedrohliche Tragweite sich allmählich vor ihm aufbaut...

Ja, meiner persönlichen Interpretation nach arrangieren IMPERIAL TRIUMPHANT auf ihrem meisterlichen Century-Media-Labeldebüt "Alphaville" eine beängstigende und zugleich hochspannende, bilderreiche Dystopie, deren Soundtrack zwischen progressivem Black Metal, Death Metal und Jazz, zwischen Wahn und beklemmender Stille schreitet. Daran erinnernd schießen Interpreten à la PORTAL, GORGUTS, VOIVOD, DEATHSPELL OMEGA oder auch ORANSSI PAZUZU in den Kopf, doch das New Yorker Trio um Zachary Ilya Ezrin lebt sich trotz unverkennbarer Parallelen in seiner eigenen Vision aus und inszeniert ein für viele Zuhörer wohl kontroverses Album, das großartig produziert wurde und mit seinen unbehaglichen und ungewöhnlichen Soundscapes sämtliche Erwartungshaltungen und Hörgewohnheiten zerschlägt. Das Prädikat Easy Listening kann hiermit seinen Erzfeind küren, aber die Extreme-Metal-Szene ist um einen innovativen Act, der auf seinen Werken sehr viel Raum für opulente Instrumentierung und unterschiedlichste Deutungen gewährt, reicher.



Bewertung: 4.5 / 5.0
Autor: Pascal Staub (24.07.2020)

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