NÚLL - Entity

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VÖ: 28.08.2020
Bandinfo: NÚLL
Genre: Black Metal
Label: Van Records
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Lineup  |  Trackliste

Gespannt fiebere ich immer noch dem Tag entgegen, an dem ich die allererste durchweg schlechte Metal-Veröffentlichung aus (oder von?) dem beschaulichen Island in der Hand halten oder zumindest im Dateiformat auf dem heimischen Computersystem beheimaten würde. Zugegeben, wenn vier, fünf, sechs oder meinetwegen auch sieben hochkarätige Bands existieren und deren Mitglieder sich dann wiederum in verschiedenartigen Nebenprojekten wiederfinden, wird durch eine gewisse Erwartungshaltung zwar eine nicht gerade geringe Fallhöhe generiert, doch können sich bei derart versierten Künstlern im Umkehrschluss kaum Gründe für ein Scheitern einschleichen. Dieses Selbstverständnis nimmt inzwischen u.A. auch deshalb schon nahezu groteske Formen und Dimensionen an, weil man den Herren eben nicht den Vorwurf des Gleichklingenden bzw. der Gleichförmigkeit anheften kann - Beispiele: ALMYRKVI und aktuell auch NÚLL. Oder 0, wie auch immer es einem pläsiert.

Auf "Entity", dem bereits zweiten Ableger dieser illustren Besetzung (den ersten, "Null & Void", habe ich gekonnt verschlafen), dominieren statt Chaos, Dissonanz und Raserei ernsthafter, geschmackvoll melodischer DSBM ohne Gefiepe und elegischer, drohend aus dem Vulkangestein pulsierender Doom Metal - den Hang zu eigentümlicher Atmosphäre teilt man sich aber dennoch weitestgehend. Zudem hat man mit einem der zwei praktisch Unbekannten im Gefüge, S. Ström, einen begnadeten Vokalisten in seinen Reihen, der nicht nur den Gehörsinn mit schmerzerfüllten Schreien schneidet, sondern auch mit klar gesungenen Wehklagen Beklommenheit bewirkt. Dieses authentisch leidende Wechselspiel beeindruckt zwischen den ersten Tönen von "None" und den schleppend-kathartischen Schlussminuten von "An Idosyncractic Mirage" durchgängig, erfordert gleichwohl aber auch die angemessene Muse.

In allerletzter Konsequenz sind selbstverständlich die meisten Alben, die einem begegnen, höchst stimmungsabhängig, doch "Entity" krönt sich in diesem Zusammenhang selbst, weswegen es mich auch nicht immer vollauf begeistern konnte. Oder anders formuliert: In vielen Situationen ist das große Kunst, aber in manchen Situationen erweist sich das als beinahe unverdauliche Kost, was gewissermaßen auch der Prolog einer Lobeshymne sein könnte, denn allzu vielen Künstlern, insbesondere im DSBM-Genre, gelingt dieses Kabinettstück natürlich nicht - schon gar nicht derart genuin. Songs wie "Grasping The Outer Hull Of The Tangible" oder auch "(em)Pathetic" sind die Inkarnation dieser abweisenden, beinahe lebensfeindlichen und durchweg kalten Atmosphäre, die sich 42 Minuten lang gewaltsam in der Behausung ausbreitet und im metaphorischen Sinne am Kragen des Hörers, der sich immer wieder ein ungebetener Gast fühlt, würgt. Ehrfurchtgebietend ist "Entity" also allemal, speziell aber auch.



Bewertung: 4.0 / 5.0
Autor: Pascal Staub (04.09.2020)

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