LEAVES' EYES - The Last Viking

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VÖ: 23.10.2020
Bandinfo: LEAVES' EYES
Genre: Symphonic Metal
Label: AFM Records
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Lineup  |  Trackliste

Ich bin ein einfaches Männlein: Es wird Herbst, die Bäume schütteln resignativ ihr Laub hernieder, Regen prasselt beruhigend auf die Dächer - das Leben hat plötzlich wieder einen Sinn. Was bei mir in den kalten Monaten nebst Black Metal und Dark Folk stets besonders ergiebig funktioniert? Wikinger, die nordische Mythologie. Eine neue Staffel "Vikings", auch wenn sich die Serie zuletzt abnutzte, dazu eine selbstgebrühte Tasse Tee. Zahlreiche Klassiker aus dem Viking- und Pagan-Metal-Genre. WARDRUNA sowieso und überhaupt. Also, dachte ich, könnte ich doch auch LEAVES' EYES und ihrem neuen Schlachtenepos "The Last Viking" eine weitere Chance geben, obschon sich mit "Sign Of The Dragonhead" bereits vor zwei Jahren die unheilvollen Zeichen am donnernden Himmel mehrten, dass sich die deutsch-norwegische bzw. mittlerweile deutsch-finnische Erfolgsgeschichte allmählich dem symbolischen Ende nähern könnte. Was soll ich sagen... ehm, ja, die Tasse ist nicht einmal mehr halbvoll.

Zwar bezweifle ich offenkundig, dass dies die tatsächliche Intention des Albumtitels war, doch lässt sich bei genauerer Studie auch nicht leugnen, dass die Wahl kaum besser hätte getroffen werden können. Während es in den vergangenen Monaten immer wieder vorgekommen sein soll, dass ausgerechnet ich mich in etlichen Alben anfangs grundsätzlich getäuscht und später dementsprechend meine Meinung - natürlich nur widerwillig! - revidieren musste, wird dem letzten Wikinger aus Ludwigsburg die Staub'sche Gnade nicht zuteil. Aus diesen Äußerungen folgernd erwartet ihr nun sicherlich, dass ich mal wieder Elina Siirala zum alleinigen Feindbild küre, doch das wäre zu einfach. Ja, ich gestehe: Der Gesang klingt immer noch so, als hätte die ohnehin stark abbauende Tarja Turunen eines oder mehrere ihrer 264.567,913 Bühnenoutfits zu eng geschnürt. Doch das ist nicht die Hauptursache für das kollektive Wikingersterben auf diesem Album, gegen das selbst die stärkste Plotarmor nicht hälfe, hülfe oder hölfe. Fremdeinwirkung durch feindliches Geschwader? Fehlanzeige. Ob Altersschwäche involviert war oder ist, lässt sich nicht zweifelsfrei mit historischen Quellen belegen; sicher ist aber unstreitbar, dass hier nicht mit stolzgeschwellter Brust und inbrünstig „FÜR ODIN!“ gröhlend auf Raub- oder Beutezügen aus dem Leben geschieden wurde, sondern man stattdessen unweit der heimischen Gestade nach einer lauen Frühlingsbrise unbeholfen aus dem Drakkar flog und jämmerlich ersoff. Und wisst ihr, was an dieser Geschichte besonders bedauernswert ist? Jup, das Ende: Die güldenen Tore Walhallas bleiben verbarrikadiert - oder gar vom Donnergott persönlich mit Blitzen verschweißt. Vierbeiner mussten bis dato sowieso schon draußen bleiben. Die Nichtschwimmerbande um und mit LEAVES' EYES nun allerdings auch.

Also Tacheles, woran liegt es? Der Dame und den Herren fehlt es mittlerweile einfach an Persönlichkeit, Charakter oder wie auch immer man das Fehlen einer eigenen musikalischen Identität noch umschreiben könnte. Und das scheint (leider) beabsichtigt. Andere Bands im Genre erkennt man an ihrem Stil, LEAVES' EYES aktuell nur noch am klinischen Backsteinmauer-Sound aus dem Mastersound-Studio. Und wie fürchterlich das klingt... es wird schon seine Gründe haben, warum Alex Krull, der früher noch einigermaßen regelmäßig von verschiedensten Bands an die Regler gebeten wurde, heute nahezu ausschließlich für die eigenen Bestrebungen den fast verwahrlosten, mit Spinnenweben verhangenen Stromkasten aufsucht und die Sicherungen zuschaltet. Prinzipiell tönt das alles relativ gleich abstoßend, besonders hart wird aber das Orchester getroffen, denn das klingt von Album zu Album immer steriler und alberner. Natürlich ist es für meine Wenigkeit einfach, sich im Erdgeschoss weit aus dem Fenster zu lehnen, aber ich würde meine Tonträgersammlung darauf verwetten, dass mittlerweile jedes Dosenorchester aus dem zwanzig Jahre alten Computer einer mickrigen One-Man-Kapelle authentischer und lebendiger klingt als das, was man auf "The Last Viking" von einem angeblich echten Ensemble kredenzt bekommt. Zur Hölle, selbst das "echte Orchester" vom berüchtigen Earthshaker-Gig der MANOWAR Buam klang wohl echter, obwohl ich gar nicht dabei war, um diesen sagenumwobenen Auftritt überhaupt leibhaftig bekunden zu können. Zwinkersmiley. Besonders haarsträubend daran: Man hat offensichtlich die notwendigen Moneten locker, um Madame Siirala alleine (!) für ein albernes 4K-"Performancevideo" zu "Dark Love Empress" irgendwo in der Pampas zu platzieren, gibt sich aber gleichzeitig mit einem solchen Billo-Klang zufrieden? Okay, bevor es eskaliert, nächster Punkt... 

... Schon beim Intro "Death Of A King" muss ich schmunzeln, weil es einfach auf unfreiwillig komische Weise amüsante Assoziationen weckt. Was wohl wie bedrohliches Knurren oder widerwilliges Wikinger-Ableben klingen soll, stellt sich vor dem geistigen Auge eher so dar, als hätte sich Monsieur Krull höchstselbst zwecks Fieldrecording beim allmorgentlichen Trott vor'm heimischen Badezimmerspiegel mit Mundwasser skandinavischer Abstammung gurgelnd aufgenommen und das mit rauschenden Wasserklängen unterlegt - wohl dem, der eine Badewanne sein Eigen nennt. Ihr fragt euch sicherlich, warum ich hier nur eineinhalb kümmerliche Punkte vergebe (ich weiß doch, dass ihr euch gerne selbst spoilert)? Weil "The Last Viking" Kernschrott ist. Sage und schreibe 14 (!) Songs bei einer Spielzeit von 63 Minuten und bereits nach dem poppigen "Black Butterfly", in dem Clemnetine Delauney (VISIONS OF ATLANTIS) Tuomas Holopainens zweite Cousine beim Wettsingen vernichtet, habe ich wirklich keine Lust mehr, weiterhin meine Zeit daran zu vergeuden. Das ist erst das fünfte Stück, wohlgemerkt, und bereits nach zwei Songs exklusive Vorspann aus dem Badezimmer hatte ich schon Schmerzen, die einen unnatürlichen Tod androhten.

Zeitweise dachte ich wirklich, diese Musik bzw. LEAVES' EYES wären einfach nichts mehr für mich. Ich dachte ernsthaft, die gesamte Bewertung sei schlichtweg unfair und hochgradig asozial. Vielleicht ist dem so. Doch dann legte ich zur Standortbestimmung "Vinland Saga" und "Njord", ja, auch "Meredead" und "King Of Kings" ein und war mir sicher: Nein, diese Band hat teils gute, teils großartige Alben mit Charakter geschrieben und komponiert, die mich immer noch unterhalten. Aber "The Last Viking" ist wirklich ein solch schrecklich beliebiges Trauerspiel und damit sogar noch ungenießbarer als "Sign Of The Dragonhead". Ständig hat man das Gefühl, als seien Riffs oder gar ganze Songideen recycelt worden, die folkloristischen Instrumentals aus dem Fernsehgarten klingen so authentisch wie man sich Viking Metal von den Bahamas vorstellt und der mittlerweile obligatorische Longtrack, egal wie nichtssagend und sterbenslangweilig er auch sein mag, darf, und sei es nur deshalb, um mittels großspuriger Promotion Presse wie Hörerschaft von einem alles überragenden Longtrack vorschwärmen zu können, natürlich auch nicht fehlen. Wer ernsthaft glaubt, dass er mit VARGs "Zeichen" oder "Vanitas" von NACHTBLUT die unumstrittenen Gurken des Jahres kennt oder kennen wird (nix gegen die Kürbisgewächse übrigens), unterschätzt "The Last Viking" gnadenlos. Warum also gibt es überhaupt eineinhalb Punkte? Ihr wisst schon, das übliche Blabla eben: die Musiker verstehen ihr Handwerk irgendwo schon, das Artwork ist zwar infantil aber immer noch besser als der Inhalt, es gibt vereinzelte Lichtblicke ("Serkland" und "Night Of The Ravens"), etc. pp., dies das Ananas. Es existieren also definitiv Alben, die noch schlechter sind, ob man es glauben will oder auch nicht. Aber bevor ich mir hier eine Unterlassungsklage einhandle, breche ich an der Stelle mit dem Versprechen ab, dass sich in Zukunft jemand anderes mit LEAVES' EYES befassen (und anlegen) darf. Für mich ist dieses leidige Thema ein für alle Mal beendet.



Bewertung: 1.5 / 5.0
Autor: Pascal Staub (16.10.2020)

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