AYREON - Transitus

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VÖ: 25.09.2020
Bandinfo: AYREON
Genre: Progressive Metal
Label: Mascot Label Group - Music Theories Recordings
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Lineup  |  Trackliste

Ich war tatsächlich überrascht, dass uns 2020 ein neuey AYREON Album ins Haus stehen würde, denn ich war darauf eingestellt, dass der gute Arjen Lucassen mal wieder was anderes anstreben würde und laut eigenen Aussagen ist das auch nicht weit hergeholt, denn via Interview verriet uns der sympathische Niederländer, dass dieses neue Werk namens "Transitus" als ganzer Kinofilm geplant war und nicht "nur" als musikalisch inszeniertes Album. Durch die Pandemie wurde dem Ganzen natürlich ein Strich durch die Rechnung gemacht und so hat sich der gute Mann überlegt, den Spaß zumindest mit einem Comicbuch zu visualisieren, das ich euch vorab schon mal wärmstens ans Herz legen kann. Was genau ist denn nun "Transitus" und wieso mutet es so völlig anders an als die vorherigen AYREON Alben? "Transitus" erzählt eine völllig eigenständige Geschichte als One Shot, also ist es natürlich kein Part der klassischen Story, die Mastermind Lucassen über die Jahre in seinem Sci-Fi Universum etabliert hat. Die Geschichte spielt im Jahre 1884 und mutet gar nicht mal so Sci-Fi mäßig an. Es geht um eine wohlhabende Familie, die einen extrem guten Ruf genießt und zwei rivalisierende Brüder, wo nur einer der Beiden wirklich Anerkennung des Vaters erhält. Daniel, dargestellt von Tommy Karevik, verliebt sich in ein Dienstmädchen, das noch dazu farbig ist, was in damaligen Verhältnissen durchaus ein schwieriges Thema war. Genau das wird natürlich von der Familie nicht geduldet und es beginnt eine Hexenjagd, die dann doch wieder den Hang zum Übernatürlichen sucht und sich durch die Zwischenwelt namens "Transitus" darstellt. Nehmt es als eine Art Jenseits, das darüber entscheidet, was mit euch passiert, wenn ihr tot seid. Viel mehr möchte ich auch nicht vorwegnehmen, da ihr A die Möglichkeit haben sollt, den Großteil der Story selbst zu durchleben via Musik, Lyrics und Comicbuch und ihr B auch ein paar Hintergründe dazu im Interview erfahrt, das aber auch keine größeren Spoiler enthält. In der Besetzung finden wir alte wie neue Bekannte vor, wobei die prominenteste Veränderung sicherlich an der Position der Drums festzustellen ist. Hier saß bisher IMMER der gute Ed Warby, doch für "Transitus" wird er durch Juan Van Emmerloot ersetzt. Grund dafür ist kein Zerwürfnis seitens Arjen und Ed, sondern vielmehr der Umstand, dass dieses neue Werk musikalisch eine andere Gangart anstrebt, die gerade in Sachen drumming von der Spielweise teils Richtung Jazz und Blues tendiert. Wie sich das musikalisch alles zusammenfügt, werden euch die nächsten Zeilen erörtern.

Komplexität als Leitbegriff
Es ist gar nicht so einfach, euch "Transitus" mit niedergeschriebenen Worten näher zu bringen, da man gerade dieses Album am besten kennenlernen und verstehen lernt, wenn man es hört. Anders als auf den meisten AYREON Alben hängen die Songs hier alle fest zusammen, sowohl lyrisch als auch musikalisch. Das führt dazu, dass gerade in der zweiten Hälfte einige musikalische Intermezzi auf euch zuströmen, die teils schon gar nicht mehr als komplette Songs zu betrachten sind. Letztlich wird alles der Geschichte zugetragen und wirkt teils wie ein Musical. Nicht unbedingt verwunderlich, so wollte Mr. Lucassen mit diesem Konzept ja sogar einen Film inszenieren. Der Opener "Fatum Horrificus" verwundert und überfordert den Hörer mit Sicherheit zugleich, denn einerseits ist es der längste Song der Platte mit seinen zehn Minuten und andererseits dürft ihr hier ALLES erwarten außer einer durchschaubaren Struktur. Der charmante Tom Baker (Doctor Who) fungiert als Erzähler und übernimmt in jedem Song eben jene Rolle. Glücklicherweise wirkt das nie aufgesetzt oder fehlplatziert, sondern durchweg atmosphärisch. So auch im Opener, wo ihr extrem viele Erzählerparts wahrnehmen werdet. Gepaart mit diversen Tempowechseln an den Drums, dem wuchtigen Hellscore (der die Parts des Chors übernimmt) und ein paar Gesangseinlagen durch Tommy Karevik, der wie immer glänzt, strömt hier extrem viel auf den Hörer ein, das erstmal Fragezeichen hinterlässt. Glaubt mir wenn ich sage, dass ihr diesem Album Zeit und Aufmerksamkeit schenken müsst, um es in seiner Ganzheit greifbar machen zu können und vollends in die Welt von "Transitus" einzutauchen.

In Sachen Komplexität kommt hier nur wenig aus der AYREON Diskografie ran, am ehesten vielleicht noch der letzte One Shot mit "Theory Of Everything", aber selbst das wirkte auf mich persönlich eingängiger. Die Story an sich werdet ihr schnell verstehen, denn die Komplexität bezieht sich hauptsächlich auf das, was euch musikalisch erwartet. Während der Opener euch also sogar durchaus fürs erste anstrengen könnte, hat "Listen To My Story" wiederum fast schon einen Single Charakter und wirkt durch die wunderbar geschrieben Hook sehr ohrwurmlastig. "Two World's Now One" driftet dann wieder in balladeske ruhige Gefilde ab, die teils an PINK FLOYD erinnern und so geben sich nicht nur verschiedene Stile die Klinke in die Hand, nein, die Stimmung wechselt von A nach Z und wieder zurück. Es ist ein durchgängiges Auf und Ab, das hier musikalisch inszeniert wird und so überfordernd es mit den ersten Durchläufen wirken mag, so belohnend ist es, wenn ihr am Ball bleibt, denn irgendwann verstehen eure Ohren den Weg, den "Transitus" einschlägt und ihr werdet Herr der Komplexität. Es ist ein absolut belohnendes Werk, wenn ihr Geduld und Interesse mitbringt. "Talk Of The Town" wird sicherlich für die meisten der Eisbrecher sein zu Beginn, denn ähnlich wie "Listen To My Story" hat es einen eher geerdeten Charakter inne und triumphiert durch die mittelalterlich inszenierte musikalische Untermalung. Absolutes Highlight des Songs: Paul Manzi und Cammie Gilbert. Was die beiden sich hier für ein Duell liefern, sucht gesanglich seinesgleichen und das schreibe ich wohlwissend, dass auch Tommy Karevik in diesem Stück auftaucht, doch hier wird er von den zwei eben genannten ganz klar ausgestochen. 

Es gibt einen roten Faden!
Während die erste CD abgesehen vom Opener noch etwas zugänglicher scheint, verfliegt das mit CD 2, die noch wirscher daher kommt. Hier werden viele kleine Puzzleteile zusammengefügt, um die Story in ihrer ganzen Dramaturgie zu erzählen. Dementsprechend werden die "Songs" immer kürzer und alles wird in den Mixer geworfen. Das Schöne daran ist, dass dieses Würfelspiel funktioniert und in seiner Inszenierung punktet. Zwar findet ihr hier wenige vollwertige Songs vor, sondern eher ein stark zusammenhängendes Konzept, doch hat Arjen Lucassen es auch hier geschafft, den Hörer vollends in seinen Bann zu ziehen. Das liegt vor allem daran, dass er an manchen Stellen mit seinen Konventionen bricht und sich im gesamten Soundgerüst was traut. Ich sprach von Jazz oder gar Blues. Bestes Beispiel ist hier die Nummer "Message From Beyond", das in Sachen Drumming genau in diese Kerbe schlägt und sich diesem Genre vor allem im Mittelteil annähert. Schwer in Worte zu fassen, aber hört selbst! Wunderbar gelungen ist auch der Umstand, dass diverse Themes des Albums auf CD 2 immer wieder aufgegriffen werden, sodass eben auch musikalisch ein roter Faden entsteht. Das "Main Theme", das für meine Begriffe in "Talk Of The Town" sein Debüt feiert, wird z.B. immer wieder in anderer Art und Weise eingestreut und diese kleinen Gimmicks funktionieren wunderbar, um die Geschichte eben auch durch die Musik präsent zu machen.

Belohnt euch!
Als Fazit kann ich gar nicht mehr so viel sagen, denn mir fällt es selbst als AYREON Fanboy schwer, das Erlebte mit Worten zu füllen. Ich kann euch nur raten, euch in einer ruhigen Abendstunde auf die Couch zu legen, euch die Kopfhörer aufzusetzen und einen Durchgang solo zu erleben, einen mit Comicbuch und einen mitsamt der Lyrics. Bleibt ihr am Ball, werdet ihr mit einem wunderbaren Konzept beschenkt, das einmal mehr verdeutlicht, was für ein wahnsinnig kreativer Künstler dieser Arjen Lucassen ist...

 



Bewertung: 4.5 / 5.0
Autor: Sonata (21.09.2020)

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