ENSLAVED - Utgard

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VÖ: 02.10.2020
Bandinfo: ENSLAVED
Genre: Progressive Metal
Label: Nuclear Blast Records
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Lineup  |  Trackliste  |  Credits

ENSLAVED sind eine skandinavische Institution, die ich zutiefst respektiere, vor der ich mich im Falle eines persönlichen Aufeinandertreffens hochachtungsvoll verneigen würde. Die Norweger, die seit 1991 aktiv sind, können einfach alles, wirklich alles und noch weitaus mehr, und werden auch darob, dass sie im Kern trotz aller stilistischen Weiterentwicklungen immer dieselbe Band mit demselben verschroben-nordischen Charme geblieben sind, großflächig geschätzt. ENSLAVED können in einem Moment progressive Meisterwerke à la "Axioma Ethica Odini" oder auch "Riitiir" schreiben, um im nächsten Moment das im Jahre 1994 erschienene, rohe Debütalbum "Vikingligr veldi" in Gänze live aufzuführen. Man glaubt ihnen diese Wertschätzung der eigenen Diskografie, wie man zuletzt auch anhand des fantastischen Livestream-Konzerts zu "Below The Lights" abermals nachempfinden konnte. Das Quintett hat seinen Stil nicht verändert und erweitert, weil es ein oder zwei CDs und ein bisschen Merchandise mehr verkaufen wollte, nein, man wuchs und reifte als Kollektiv, war sich überdies schon frühzeitig in der Karriere bewusst, dass die germanische Mythologie einen deutlich größeren konzeptionellen Aktionsradius bietet, als man gemeinhin zu glauben pflegt, wonach man stilistisch selbstbewusst immer weitläufigere Areale betrat, anstatt sich zwischen anderen Bands, die vorzugsweise schwarzmetallisch marodernd und brandschatzend durch christlich bewirtete Landstriche ziehen und dabei den stechenden Gestank der Verwesung hinterlassen, einzureihen. Eines dieser Areale ist im mythologischen Kontext die Heimat von Riesen und Trollen, die Expedition dorthin fand zwei Jahre nach der Veröffentlichung von "E" ihren Anfang - "Utgard" erzählt von den dort gewonnenen Impressionen .

Das mit musikalischem Faden gebundene Portfolio zu dieser Region ist ein Werk der Gegensätze und doch in sich greifend harmonisch das Ambiente des Frontartworks von Truls Espedal spiegelnd, mit knapp 45 Minuten Spielzeit aber erstaunlicherweise auch wesentlich kompakter als die letzten vier Alben, die entweder an der Stunden-Marke kratzten oder sie gar überstiegen. Ergründet man "Utgard" im Gesamtkontext, dann erschließt sich das als ein interessanter Kniff, da das die Polarisierung zwischen den einerseits modernen und andererseits anachronistischen Komponenten so intensiv betont, dass man sich in einem wilden Zeitenriss wiederfindet, aus dem verschiedenerlei Bilder diverser ENSLAVED-Epochen strömen, die mehrere Perspektiven auf das Utgard der Norweger andienen. Die Kontraste, die sich daraus ergeben und sich nicht nur über die Gänze des Albums, sondern bereits in einzelnen Songs duellieren, sind aufregend, weil sie den Hörer permanent konfrontieren - und kompositorisch erstklassig umgesetzt sind. Schon der Opener "Fires In The Dark" springt nach einem Intro, das mit dem mehrstimmigen Männerchor aus dem nordischen (Dark) Folk entsteigt, elegant zum progressiveren Stil der Vorgänger und pendelt dabei zwischen bissigem Gekeife und sehnendem Klargesang, wohingegen das folgende "Jettegryta" ohne den krautrockigen Keyboardtrip gen Ende auf einem "Mardraum: Beyond the Within" kaum aus der Reihe tanzen würde. Und, apropos Tanzen, was genau treiben da eigentlich die Riesen in "Urjotun"? Sie raven, beduselt von naturbelassen in der näheren Umgebung sprießenden Magic Mushrooms, durch das von Menschen unberührte Land.

Ja, in "Utgard" angekommen, wird man schon auf den ersten Metern von Eindrücken überflutet ("Sequence" bindet Akustikgitarren, virtuose Soli und orchestrale Synthies), doch der Überforderung steuern ENSLAVED mit geistreich dazwischen platzierten Stücken wie dem rockigen "Homebound",  und dem ritualistischen Interlude "Utgardr", kontern die ungestümen "Storms Of Utgard" mit introvertiert-verträumten "Distant Seasons", lassen Gedanken und Erinnerungen frei und beobachten ihren Flug zum Horizont mit einer angenehmen Melancholie in den Augen. Abermals abergerundet wurde diese innovative Meisterleistung übrigens von Jens Bogren, dessen typischer Klang einfach zu ENSLAVED und ihrer Vielseitigkeit passt, weil jedes Element gleichwertig viel Entfaltungsspielraum zugedacht bekommt, sodass das Gehör schlussendlich jedes noch so kleine Detail aufnehmen kann.   

Wenn man nun die Höchstnote vergibt, was ich aus nachvollziehbaren Gründen auch tue, stellt sich natürlich insbesondere bei Bands wie ENSLAVED, die diese öfters erhalten, die Frage, ob man hier nun deren bestes Album vorliegen hat, doch so einfach kann man diese nicht erwidern. Auch "Utgard" ist für meinen persönlichen Geschmack von der künstlerischen Ausrichtung und Umsetzung bis hin zu seiner phänomenalen Atmosphäre ein rundum perfektes Kunstwerk, dem ich in den letzten Wochen wieder und wieder lauschen wollte und auch weiterhin möchte, wobei die Höhepunkte stetig wechseln und man beständig neue Kleinigkeiten entdeckt, die dann wiederum konstatieren, wie akribisch und dennoch intuitiv diese fünf Herren zaubern. Ist "Utgard" also ENSLAVEDs bestes Album? Nein, denn diese vermeintlich simple Mathematik haben sie längst übersprungen und stattdessen eine Sphäre geschaffen, in der sich ihre Anhänger bereits daran gewöhnt haben, kontinuierlich verwöhnt zu werden. Würde man zwanzig völlig unterschiedliche Personen befragen, welches denn ihr Lieblingsalbum von ENSLAVED sei, würde man wahrscheinlich zehn unterschiedliche Antworten erhalten und gleichzeitig zehn Personen, darunter auch meine bescheidene Wenigkeit, kennenlernen, die am liebsten die komplette Diskografie am Stück durchhören, wenn es sich denn zeitlich einrichten lässt. Und genau das ist Nachweis der schieren Qualität, die ENSLAVED ausmacht - und das brillante "Utgard" bildet keine Ausnahme.



Bewertung: 5.0 / 5.0
Autor: Pascal Staub (28.09.2020)

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