BENEDICTION - Scriptures

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VÖ: 16.10.2020
Bandinfo: BENEDICTION
Genre: Death Metal
Label: Nuclear Blast GmbH
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Lineup  |  Trackliste

Ich kann mich nur wiederholen: Re-Unions und Comeback-Alben sind richtig en vogue. Hätte ich hier und jetzt alle Rückkehrer aufgezählt, wäre damit wahrscheinlich schon der erste Absatz dieser Rezension abgesichert gewesen, aber ist es nicht auch schön, das alte Eisen überwiegend rostfrei überzeugen zu sehen? Irgendwie schon, oder? Schließlich ist "unser" Metal ja kein Wegwerfprodukt, das man einmalig hört und dann wieder vergisst, nein, stattdessen betreiben wir akribische Denkmalpflege und freuen uns dann meistens auch noch, wenn die Gedachten sich dazu entschieden haben, doch noch ein paar Jährchen dranzuhängen. Sieben Jahre zwischen "Organised Chaos" und "Killing Music", stolze zwölf Jahre zwischen letzterem und dem brandneuen Album "Scriptures" - ja, man kann behaupten, dass BENEDICTION aktuell zum zweiten Mal in ihrer Karriere aus langjährigem Schlummer erwachen, um die Death-Metal-Gemeinde mit ihrem britischen Segen zu belegen.

Sollte diese der anstehenden Weihe zustimmen? Ja, sie sollte. "Scriptures" ist schnörkellos-oldschool und instinktiv, integriert eigentlich sämtliche Markenzeichen, die sich BENEDICTION seit "Subconscious Terror" angeeignet haben, und kann sogar weitestgehend mit den ikonischen Werken mithalten. Tatsächlich fühlte ich mich während den gesamten 47 Minuten Spielzeit nicht ein einziges Mal gelangweilt oder gar unterwältigt, war stattdessen von Erstaunen darob, dass sich hier wirklich keinerlei Alterskorrosion bemerkbar macht, gelenkt. Und wenn man bei "Scriptures" überhaupt von Korrision sprechen kann oder möchte, dann nur von Patina, dem grünen Edelrost, der unterdies nicht nur vom bloßen Alter, sondern auch von Erfahrung und Qualität kündet. Egal ob Debüt-Vibes ("Iterations Of I" und "Embrace The Kill"), britische Punk-Attitüde ("Scriptures In Scarlet" und "Rabid Carnality"), erbarmungslose Grooves ("Progenitors Of A New Paradigm", "The Blight At The End" oder "We Are Legion") oder "Transcend The Rubicon"-Reminiszenz ("The Crooked Man") - alle Elemente gehen stufenlos ineinander über und formen trotz der technischen Limitierung und dem eher eindimensionalen Dave Ingram am Mikrofon einen motivierenden Abwechslungsreichtum. Beides ist übrigens nicht als Kritik zu verstehen, denn so muss/kann/darf/soll Death Metal von der Insel gerne sein.

Was meinem Hörorgan allerdings am meisten an "Scriptures" zusagt, sind Produktion und Mixing von Scott Atkins (zuvor schon für VADER, CRADLE OF FILTH und GAMA BOMB im Dienst), die akribisch für BENEDICTION und deren Stil abgestimmt wurden, die das Album erst zu dem machen, was es ist: eine aus humanoiden Überresten geformte und mit Stahl angereicherte Dampfwalze, die nach weiteren Opfern giert. Dabei ist der Sound nicht einfach nur kristallklar, nein, er akzentuiert den gnadenlosen Groove und die scheppernden Drums, interpretiert sie durchaus zeitgemäß, aber auch nicht zu modern. Und sobald Dave Ingram zu röhren beginnt, fühlt sich das so an, als stünde man urplötzlich vor einem sich rasend ausbreitenden Höllenriss, dessen Sog unerbittlich an einem zerrt. Davon dürfen sich gerne nicht nur sämtliche Dan-Swanö-Jünger inspirieren lassen, sondern auch die vielen Loudness-War-Söldner, die hier an der vermutlich ultimativen Lehrstunde eines brachial produzierten und dennoch komfortabel in höheren Lautstärkeregionen hörbaren Albums teilnehmen dürfen. Addiert man all das Lob zum Resümee, ist BENEDICTION mit "Scriptures" das zu diesem Zeitpunkt bestmögliche Werk gelungen, das das Gloria der 90er-Jahre reanimiert und dieses mit dem Soundupdate aus der Neuzeit zu einer irrsinnig spaßigen Urgewalt fusioniert, die sicherlich zu den Death-Metal-Highlights des Jahres 2020 gezählt werden kann.



Bewertung: 4.5 / 5.0
Autor: Pascal Staub (13.10.2020)

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